Japans vielleicht selbstbewusstester Ingenieur ist ein schmaler Mann mit langen Fingern und einer beeindruckenden, virtuos geföhnten Mähne auf dem Kopf. Yoshiyuki Sankai hat nach mehreren Anfragen und vielem Hin und Her in sein Büro in Tsukuba geladen, nördlich von Tokio. Er sitzt an einem langen Konferenztisch. Gegenüber in der Küchenzeile kocht eine von zwei uniformierten Angestellten Espresso, die andere rückt am Kopf des Tisches eine Leinwand zurecht. Sankai lächelt, schweigt mit ernster Miene, lächelt wieder. "Früher oder später im Leben", sagt er, "werden die Nerven- und Muskelfunktionen eines Menschen schwächer. Diesen Trend will ich aufhalten."

Ein steiler Satz. Für japanische Ohren noch mehr als für europäische. Hier, wo Bescheidenheit und Zurückhaltung eherne Werte sind, drückt dieser Mann mit jedem Wort, jeder Bewegung eines aus: Selbstbewusstsein. Seit ein paar Jahren zählt Sankai zu den wohlhabendsten Männern Japans. Reich gemacht hat ihn seine Firma Cyberdyne, eine Ausgründung der Universität Tsukuba. Den Professorentitel dieser Hochschule, so hört man missgünstig hinter seinem Rücken, trage er maßgeblich aus geschäftlichen Gründen, sei er doch längst vor allem Unternehmer. Andererseits wird Sankais Arbeit vom japanischen Forschungsministerium gefördert. Und er veröffentlicht in den renommiertesten Fachzeitschriften für Robotik und Biomechanik.

Unstrittig ist, dass er es besser versteht als die meisten Forscher, seine Ergebnisse auch zu vermarkten. Cyberdyne ist seit 2014 eine Aktiengesellschaft. Ihr Börsenwert hatte sich vervierfacht, bevor die Firma den ersten Gewinn erwirtschaftete. Sankai verkauft Zukunftserwartungen, an Aktionäre und Kunden gleichermaßen. Für diese Zukunft steht ein hüfthohes Gestell mit Ober- und Unterschenkeln aus weißem Plastik, deren Glanz an die Uniformen imperialer Sturmtruppler aus Star Wars erinnert. Die schwarzen Klettverschlüsse an den Innenseiten der metallenen Knie- und Fußgelenke signalisieren allerdings: Dieses Ding kann man sich umschnallen, ja regelrecht anziehen.

Hybrid Assistive Limb (übersetzt: hybride unterstützende Gliedmaße) heißt dieses Ding, kurz HAL. Einen "Roboteranzug" nennen sie es bei Cyberdyne. Wobei das beim Laien leicht ein falsches Bild erzeugt: Das Ding bewegt sich nicht etwa von allein. Es handelt sich um ein Exoskelett, eine äußere Unterstützung für das innere, das knöcherne Skelett. Und für die Muskeln, die es bewegen. Solange es trägerlos auf seinem Gestell hängt, wirkt es einfach wie eine mechanische Hose. Erst wenn ein Mensch es trägt, erwacht es zum Leben.

Mit Hal ist Sankai regelmäßig zu Gast im japanischen Fernsehen. Im Frühjahr führte er seine spektakulärste Erfindung beim G7-Gipfel in Ise-Shima den Forschungsministern der wichtigsten Industriestaaten vor – und hielt ihnen gleich einen Vortrag über Gesundheitsfragen und Technologie.

Beides gehört zusammen, das ist die Quintessenz seiner Ausführungen. Er wendet den Blick ab vom leuchtenden Foto seiner Erfindung auf der Leinwand. Seine Stimme klingt weich in dem weiträumigen Büro: "Dieser Anzug ist eine Sensation. Bitte probieren Sie ihn selbst aus."

Im Cyberdyne-Showroom stelzen mit weißen Stützenbeinen bekleidete Menschen im Kunstlicht über blaue Matten. Sie marschieren auf Laufbändern, erklimmen Treppenstufen. Ein Angestellter im Trainingsanzug legt mir einen 14 Kilogramm schweren Hal (Typ "Lower Limb", also für die unteren Extremitäten) an. Während er an mir herumzurrt, sagt er: "Gehen Sie so, als hätten Sie gar nichts um die Hüften." Die Elektronik des batteriebetriebenen Geräts soll erkennen, welche Muskeln schwächeln, und diese trainieren. Auf die Haut geklebte Elektroden erkennen jene bioelektrischen Signale des Nervensystems, die bei körperlich eingeschränkten Menschen nicht mehr ohne Weiteres zur gewünschten Muskelreaktion führen. Hal hilft diesen Signalen per Elektromotor nach. Der Träger steuert die Bewegungen des Exoskeletts mit seinem Gehirn.

"Gehen Sie los!", fordert der Trainingsanzugträger. Er hat mir einen zweieinhalb Kilogramm schweren Sack ans linke Bein gebunden. Dessen Gewicht soll Hal als Handicap erkennen und meine linke Körperseite entsprechend unterstützen. Er tut es, vorerst ansatzweise. Der erste Schritt fühlt sich noch gebremst an, ich laufe abgehackt. Nach einigen Metern aber werden die Bewegungen flüssiger. Das Gefühl für das Gewicht am linken Bein schwindet. Der Angestellte nickt, als er sieht, wie sich die Elektronik an meinen Körper anpasst und die Servomotoren in den Gelenken präziser ansteuert. Er sagt: "Sie werden gerade zum Cyborg." Ein Cyborg ist ein hybrides Wesen aus Mensch und Maschine.