"Wie ist’s gelaufen?", fragt Yoshiyuki Sankai nach meiner Rückkehr in sein Büro. Es war wohl eine rhetorische Frage, schon spricht er weiter: Wenn Cyberdyne Erfolg habe, brauche man irgendwann vielleicht keine Rollstühle mehr. Wieder so eine Zukunftserwartung. Tatsächlich ist Hal, dieses so futuristisch wirkende Gerät, bereits im Einsatz. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung hat Hal in ihr Rehabilitationsprogramm aufgenommen: als erste Maschine ihrer Art, die nicht mehr von Physiotherapeuten von außen per Fernbedienung bewegt, sondern durch die Nervenimpulse des Trägers selbst gesteuert wird.

"Aufgrund dieser intrinsischen Bewegungsweise ist die Rehabilitation effektiver", sagt Thomas Schildhauer, Medizinprofessor an der Universität Bochum. Er testet Hal gerade im Berufsgenossenschaftlichen Uni-Klinikum Bergmannsheil. "Durch die Stimulierung des neuronalen Systems kann der Patient nach einer Lähmung das eigenständige Laufen wieder erlernen. Diese Wirkung ist bisher bei keiner anderen Technologie nachgewiesen."

Je nach Art ihrer Berufsverletzung können Versicherte in Deutschland bis zu 60-mal anderthalb Stunden in dem mechanischen Trainingsanzug laufen, mehr als 100 Patienten wurden schon behandelt. Es waren vor allem Menschen, die nach einem Unfall oder als Folge schwerer Arbeit nicht mehr aus eigener Kraft laufen konnten. In den USA steht die Prüfung der Geräte kurz vor dem Abschluss. Cyberdyne entwickelt derweil ein weiteres Exoskelett, das die Arme stärken soll. Zweieinhalb Kilogramm leichte Rumpfstützen zum Umschnallen gibt es bereits. Die sind nicht zur Reha gedacht, sondern als Hebehilfe für Bauarbeiter – und für Kranken- oder Altenpfleger.

Die japanische Gesellschaft ist jene auf dem gesamten Planeten, in der die Alterung am weitesten fortgeschritten ist. Schon heute ist hier jeder Vierte älter als 65 Jahre. Bis 2050 werden es voraussichtlich 40 Prozent sein. Die Nachfrage nach Pflege steigt rasant, und die japanische Antwort darauf ist weitgehend technologisch. Zum Elektrorollstuhl umfunktionierbare Krankenbetten gibt es schon, auch Kommunikationsroboter für Demenzpatienten. Und Yoshiyuki Sankai will, dass Maschinen auch bei der Genesung helfen.

"Wir brauchen große Visionen. Früher hat man mich belächelt, als ich anfing, an Hal zu arbeiten", sagt der Erfinder. Sankais Biografie könnte man unter dieses Motto stellen: Querdenken plus Großdenken. Schon als Grundschüler, so erzählt er heute, habe der kleine Yoshiyuki auf den Flohmärkten seiner Heimatstadt Okayama nach Elektronikbauteilen gesucht, um selber Geräte zu bauen. Los ging es mit einem Transistorradio. Bald interessierte er sich auch für Körperfunktionen. Fröschen verpasste er Stromschläge, um herauszufinden, ob sie sich dann schneller bewegten. Goldfische legte er in Eis, um zu testen, bis zu welcher Körpertemperatur sie sich wiederbeleben ließen.

Seine Neugier galt beidem, Technik und Natur. An der angesehenen Universität Tsukuba am Stadtrand von Tokio wurde Sankai Ingenieur. Gegen Ende seiner Promotion gestand er seinem Doktorvater: "Ich will die Disziplin verlassen, um etwas Neues zu gründen." Einen schillernden Namen hatte er sich auch schon ausgedacht: "Cybernics" – eine Kombination aus Kybernetik, Informatik, Hirnnervenforschung, Verhaltenswissenschaft, Robotik und Mechatronik. Das war in den achtziger Jahren. 1998 erstaunte der bis dahin oft belächelte Allestüftler mit einem ersten Exoskelett, dem Prototypen von Hal.

In Japan ist diese mechanische Hose inzwischen so berühmt, dass neugierige Besucher des Cyberdyne-Showrooms in Tsukuba rund 15.000 Yen (rund 130 Euro) bezahlen, um das Gerät wenige Minuten Probe tragen – oder sollte man besser sagen: Probe laufen? – zu dürfen. Hal ist sozusagen Pop. Und es kann kein Zufall sein, dass es denselben Namen trägt wie der Bordcomputer aus Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum. Sankais Firma Cyberdyne heißt genauso wie ein Roboterhersteller aus den Terminator-Filmen. Und bei der Japan-Premiere des Films Iron Man über einen Helden im Muskelkraft multiplizierenden Roboterskelett führte Cyberdyne vor dem Kinosaal seinen Roboteranzug vor.

Dies sind nicht nur popkulturelle Zitate, es sind Verweise auf die Herkunft der Erfindung und die Gedankenwelt des Erfinders. Yoshiyuki Sankai ist ein lebenslanger Science-Fiction-Fan. Als Schüler der dritten Klasse, Anfang der 1960er Jahre, sei er auf das Buch I, Robot des russisch-amerikanischen Biochemieprofessors und Sci-Fi-Autors Isaac Asimov gestoßen, erzählt er. "Als ich es las, wusste ich, dass ich Wissenschaftler werden musste. Ich wollte unbedingt Roboter bauen." Jetzt richtet der schmale Föhnmähnenträger sich auf und rezitiert Asimovs berühmte Robotergesetze. Plötzlich wirkt der selbstbewusste Milliardär wie ein schwärmerischer Fan. "Seit ich klein war, wollte ich Isaac Asimov treffen." Der Schriftsteller starb zwar schon 1992, aber im vergangenen Jahr ist Sankai seinem Idol doch noch erstaunlich nahegekommen.

"Die Frau, die einst I, Robot vom Englischen ins Japanische übersetzte, hörte von mir. Sie schrieb mir einen Brief und lud mich zum Abendessen ein." Der Milliardärsprofessor strahlt wie ein Schuljunge. "Das war einer der interessantesten Abende, die ich je erlebt habe", erzählt Sankai vom Treffen mit der 84-jährigen Dame, ohne deren Arbeit er als Grundschüler vielleicht die entscheidende Inspiration versäumt hätte.

"Sie haben mein Leben geprägt", habe er der Übersetzerin versichert. Das klingt nicht einmal übertrieben, angesichts seiner Science-Fiction-Begeisterung. Was die Frau darauf geantwortet habe? Die Antwort, die der Professor beseelt zitiert, passt perfekt zur Erzählung seines eigenen Erfinderlebens. Und man darf davon ausgehen, dass Yoshiyuki Sankai sich dessen selbst sehr bewusst ist. Die altehrwürdige Science-Fiction-Übersetzerin habe gesagt: "Sir Asimov wünschte sich immer, dass seine Arbeit auch die Wissenschaft anregt."

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