Kann der konservative französische Präsidentschaftskandidat François Fillon Europa neue Hoffnung im Kampf gegen den Rechtsextremismus geben? Wer sind seine Anhänger? In der großen Pariser Messehalle an der Porte de Versailles sind zehntausend Anhänger zusammengekommen. Unten im Publikum sitzt der 69-jährige, stämmige Daniel Pichon mit seiner Frau Claudine und schwenkt eine Banderole: "Allez la Sarthe!" steht darauf. Die beiden halten sie stolz in die Höhe. Vorwärts, Heimat von François Fillon! "Vorwärts, Frankreich!", sagt der ehemalige Landarbeiter Pichon. "Ein Frankreich, in dem wir uns noch Zeit fürs Kochen nehmen!"

Oben, über dem Publikum, steht François Fillon, der neue Favorit bei den französischen Präsidentschaftswahlen im kommenden April. Der Sieger der Vorwahlen seiner konservativen Partei der Republikaner. Sorgfältig gekämmter Scheitel, sanftes Lächeln. Einer, dem man ansieht, dass er gewöhnlich nicht gern laut wird. "Das ist der Staatsmann, auf den wir alle gewartet haben", verkündet ein Parteisprecher unter großem Trommelwirbel. Fillons Blick geht starr nach vorn. Er ist kein Darsteller, kein Mann der Medien. Sein Charme stammt aus einem anderen Zeitalter. Unten im Publikum aber sagt Pichon: "François ist aus unserem Holz. Er misstraut der Pariser Intelligenzija. Er ist wie wir: provinziell."

Pichon, der vom einfachen Landarbeiter zum Organisator landesweit bekannter Ziehharmonika-Festivals aufstieg, kennt Fillon seit 30 Jahren. Die letzten zwei davon war er freiwilliges Mitglied in Fillons lokalem Wahlkampfteam im Departement Sarthe. Verantwortlich für: die Bistros. Nicht Facebook, nicht Twitter, nein, die Cafés, in denen einst ganz Frankreich am Tresen über Politik diskutierte. Pichon klapperte sie in seiner Heimatstadt Le Mans, der Hauptstadt der Sarthe, ab. Es gibt sie noch, weniger zahlreich, weniger voll, aber für viele Ältere wie Pichon immer noch Mittelpunkt des öffentlichen Lebens. Warum also nicht einen Bistro-Beauftragten im Vorwahlkampf engagieren? Wählen doch vor allem die Älteren die Republikaner.

Typen wie Pichon – bodenständig und konservativ – haben aus "Mister Nobody", wie der Pariser Politikbetrieb Fillon bisher nannte, den aussichtsreichsten Anwärter auf den Élysée-Palast gemacht. Mit ihm erlebt die fast schon vergessene bürgerlich-katholische französische Provinz ein völlig unerwartetes Comeback.

Die Europäer werden über dieses Frankreich staunen. Es ist wie Fillon: unflexibel, manchmal unnahbar, aber eigentlich sehr solide und tüchtig.

Dieses Frankreich schien längst im Metropolenhype verschwunden. Niemand in Paris nahm Fillon noch vor zwei Wochen ernst. Nun aber werden viele Europäer in Fillon einen Hoffnungsträger sehen, der dem Rechtsextremismus in Europa den Wind aus den Segeln nehmen könnte. Er könnte mit Front-National-Chefin Marine Le Pen eine Ikone des Rechtsextremismus schlagen. Er könnte als neuer französischer Präsident Europa wieder Beine machen.

Oder ist das vielleicht ein bisschen zu viel verlangt von einem Provinzler aus der Sarthe?