Dieser Tage kann man in der Bildungsdebatte vor lauter Studien leicht den Überblick verlieren. Deshalb ganz langsam: Am kommenden Dienstag wird die neue Pisa-Studie (Programme for International Student Assessment) veröffentlicht, die Mutter aller Schulstudien, mit denen rund um den Globus die Leistungen der 15-Jährigen verglichen werden. Als Vorspeise servierten bereits am vergangenen Dienstag Bildungsforscher die internationale Grundschulstudie Timss (Trends in International Mathematics and Science Study). Dafür testeten sie im Vorjahr 300.000 Viertklässler aus 48 Staaten und Regionen in Mathematik und Naturwissenschaften. Die Schüler mussten dabei etwa Einkäufe so zerlegen, dass sie die Preise der einzelnen Waren errechnen konnten, oder aus einer Tabelle die passenden Informationen entnehmen, um zu entscheiden, wo man am besten Bananen anpflanzen kann.

Für die deutschen Grundschulen bedeutet das Ergebnis von Timss keine Katastrophe – aber ernüchternd ist die Studie schon. "Deutschland ist nicht schlechter geworden", sagt der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos, "aber andere Länder, wie Tschechien oder Schweden, sind wesentlich besser geworden." Bos leitet den deutschen Teil der Tims-Studie und untersucht die Leistungen der Grundschüler seit Jahren. Nun muss er berichten, dass die deutschen Grundschüler im internationalen Vergleich vom oberen Drittel (2007) ins Mittelfeld (2015) abgerutscht sind.

Dabei haben Deutschlands Grundschüler immer mit sehr guten Leistungen geglänzt. Auf ihnen ruhte große Hoffnung nach dem legendären "Pisa-Schock" im Jahr 2001: Die deutschen 15-jährigen Schüler waren im internationalen Vergleich im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften nur unterdurchschnittlich; zudem hing das Können der Schüler sehr stark von ihrer sozialen Herkunft ab.

Als im Jahr 2003 dann der erste internationale Grundschulvergleich veröffentlicht wurde, besserte sich die Stimmung. Unsere Viertklässler landeten sehr weit oben. "Deutschland könnte in die internationale Spitze aufrücken", urteilte Wilfried Bos damals, wenn die weiterführenden Schulen die Schüler besser fördern würden. Als Bos den Grundschulvergleich aus dem Jahr 2007 mit sehr guten Ergebnissen für Deutschland vorlegte, lobte er: "Die Grundschulen haben ihre Hausaufgaben gemacht." Sie förderten die Kinder stärker individuell, weil sie sie nicht auf eine andere Schule abschieben könnten. Sicherheitshalber fügte er hinzu: "Ich sage das mit aller Vorsicht, weil unsere Studien nur die Lernergebnisse messen und nicht den Prozess des Lernens untersuchen."

Müssen Sie Ihr positives Urteil über die Grundschulen nun revidieren, Herr Professor Bos? "Nein, das wäre ungerecht", sagt er. Die Grundschulen hätten ihr Leistungsniveau ja gehalten. "Das ist nicht selbstverständlich, weil sich die Zusammensetzung der Schülerschaft geändert hat."

Damit weist er auf einen der interessantesten Befunde der Tims-Studie hin: Die Zusammensetzung der Schülerschaft ist "vielfältiger" geworden; weniger vorsichtig ausgedrückt: komplizierter. Der Anteil der "Schüler mit besonderem Unterstützungsbedarf", sprich Förderschüler, unter den Viertklässlern stieg von drei Prozent im Jahr 2007 auf sechs Prozent 2015. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Einwandererkinder unter ihnen von 29 auf 34 Prozent.

Schon vor Jahren hatte Jürgen Baumert Alarm geschlagen. Der führende deutsche Bildungsforscher sah das deutsche Schulsystem durch den wachsenden Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund herausgefordert. Das Problem sei nicht deren andere Kultur, sondern dass sie überwiegend aus sozial benachteiligten Familien stammten und die deutsche Sprache weniger gut beherrschten. Baumert befürchtete, dass sich dieser Trend bei kommenden Leistungsvergleichen negativ bemerkbar mache, wenn die Bildungspolitik nicht umsteuere. Er forderte eine systematische Förderung der Leistungsschwächsten, vor allem beim Erwerb der deutschen Sprache – von der Geburt an durch Erziehungshilfen für sozial schwache Familien über Krippen, Kindergärten, Ganztagsschulen und Ferienkurse. Wenn nichts geschehe, so Baumert damals, entstehe sozialer Sprengstoff durch Zehntausende junger Leute, die ohne Aussicht auf eine Ausbildung die Schule verließen.

Wie stark sich die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft auf die Leistungen auswirkt, konnten die Bildungsforscher um Wilfried Bos berechnen: Wäre im Jahr 2015 die Schülerschaft wie 2007 zusammengesetzt gewesen, dann wären die Leistungen in Mathematik 12 Punkte besser gewesen, die in den Naturwissenschaften gar um 20 Punkte. "Das ist sehr viel", sagt Bos, "es entspricht ungefähr dem Lernzuwachs in einem Drittel- beziehungsweise einem halben Schuljahr." Anders betrachtet: Hätte sich die Zusammensetzung der Schülerschaft nicht verändert, dann wären Deutschlands Grundschüler weiterhin überdurchschnittlich gut. Wilfried Bos schlägt deshalb in dieselbe Kerbe wie Jürgen Baumert. "Bei allem Lob für die Grundschulen habe ich immer betont, wie wichtig die Förderung gerade für schwache Schüler ist", sagt er. "Da ist zwar einiges passiert, aber noch viel, viel zu wenig." Klar ist: Der Anteil der Einwandererkinder, gerade in den Ballungsgebieten, wird in den kommenden Jahren weiter wachsen.

Hongkong und Südkorea liegen vorn

Timss 2015; ausgewählte Staaten © ZEIT-Grafik

Aber auch am anderen Ende der Skala sieht Bos Handlungsbedarf, denn nur rund fünf Prozent der deutschen Viertklässler erreichen in Mathematik die höchste Kompetenzstufe. In den USA sind es 14 Prozent, in Russland 20, in Japan mehr als 30 Prozent. In den Naturwissenschaften sieht es ähnlich aus, dort hat sich der Anteil derer, die Höchstleistungen bringen, sogar von 10 auf 8 Prozent verringert! In der Förderung der Leistungsspitze habe sich nichts getan, obwohl eine Studie nach der anderen auf dieses Problem aufmerksam gemacht habe. "Alle reden von individueller Förderung der Schüler", sagt Bos. "Manchmal gewinnt man den Eindruck, als sei das wirklich nur Gerede." Kaum etwas bewegt, beklagt er, habe sich bei der Kopplung der Schülerleistungen an die soziale Herkunft. Auch der Übergang auf die weiterführende Schule sei noch immer sozial selektiv. "Kinder von ungelernten Arbeitern müssen wesentlich bessere Schulleistungen als Kinder von Akademikern erbringen", sagt Bos, "um von der Lehrkraft eine Gymnasialempfehlung zu bekommen."

Eine überraschende – und zweifelhafte – Wende zeigt sich auf einem anderen Gebiet. Bislang waren die Jungen in Mathematik und Naturwissenschaften deutlich besser als die Mädchen. Dieser Unterschied ist weitgehend dahingeschmolzen. "Allerdings in einer Weise, die man sich nicht wünschen kann", sagt Wilfried Bos. "Die Jungen sind nämlich schlechter geworden." Ein Hoffnungsschimmer bleibt: Bei den Naturwissenschaften sei es möglich, dass auch eine bessere Förderung der Mädchen zu dem kleiner werdenden Unterschied beigetragen habe.