An einem Montag im August 2015 erlebte Arnd Boekhoff das, was man die Wucht der Ereignisse nennt. In den Nachrichten sah Boekhoff die Bilder der Flucht, er sah Menschen in überfüllten Zügen, mit Gesichtern voller Angst und Erwartungen. Als Historiker ist Boekhoff es eigentlich gewohnt, die Dinge von außen zu betrachten, im Rückblick. Mit einem Mal aber wurde er selbst Teil der Geschichte, denn er beschloss zu helfen. An jenem Montag fuhr er zu den Hamburger Messehallen, wo Freiwillige bereits Schlange standen und die Hilfsgüter sich türmten. Wie die Fahrt durch einen Tunnel, sagt Boekhoff, fühle sich sein Leben seither an. Keine Zeit zurückzuschauen, keine Zeit, nach vorne zu blicken.

Heute schreitet Arnd Boekhoff durch die Lagerhallen wie ein Jungunternehmer. Der 36-Jährige ist einer der Gründer des Vereins Hanseatic Help. Er ging aus der Kleiderkammer in den Messehallen hervor, die im Sommer 2015 Spenden sammelte, um Flüchtlinge mit dem Allernötigsten zu versorgen. Am Anfang gab es Tage, da waren 1.500 Freiwillige da. Einige von ihnen kamen immer wieder, jeden Tag. So auch Arnd Boekhoff.

Aus der kollektiven Hilfswelle ist inzwischen eine gut funktionierende Maschine geworden, professionelle Soziallogistik. Die Spenden sind organisiert wie Warengruppen in einem Großmarkt: Damen-, Kinder- und Herrenbekleidung, Schulsachen und Kinderspielzeug, Bettwäsche und Hygieneartikel. Zwischen den Stapeln ragen die Köpfe der Helfer hervor, es wird sortiert, katalogisiert, transportiert. Immer wenn etwas passiert, sagt Boekhoff, die Silvesternacht in Köln oder ein Terroranschlag, klingeln bei Hanseatic Help die Telefone: "Wir sind für die Medien zu einer Art Gradmesser geworden für die Frage: Packt es die Zivilgesellschaft noch?" Die deutlichste Antwort darauf sind die Berge an Gespendetem selbst. Die Freiwilligen von Hanseatic Help nehmen bis heute so viele Spenden entgegen, dass damit neben Geflüchteten auch Obdachlose, Kinderheime und Frauenhäuser in Hamburg und anderen Bundesländern versorgt werden können. Inzwischen werden auch Hilfsgüter in Krisenregionen wie Syrien oder den Nordirak transportiert.

Klare Entscheidungen, möglichst viel Output: "Einfach machen" wurde sehr bald zur Gründungsformel von Hanseatic Help. Als ein australischer Millionär anbot, 100.000 Winterjacken zu spenden, lehnten viele Hilfsorganisationen ab. Man hatte Angst, eine so große Lieferung organisatorisch nicht bewältigen zu können. "Das sind sechs Seecontainer voll mit Jacken. Aber wir dachten uns: Das muss einfach gehen", sagt Boekhoff. Mit dem Lkw fuhr er tagelang durch Deutschland, um die Kleidungsstücke zu verteilen, den Rest nahm das Rote Kreuz. "Letztens kamen mir in Berlin zwei Syrer entgegen, die diese Jacken trugen." Man könnte von so einer Begegnung ergriffen sein, aber für Ergriffenheit hat Boekhoff keine Zeit, denn der neue Winter naht bereits.

Bei Hanseatic Help helfen Obdachlose, Arbeitssuchende, Flüchtlinge und Studenten, aber auch Menschen, die nebenher noch einen festen Job haben, Freiberufler, die ihre Arbeit nun um das Ehrenamt herum planen. Boekhoffs organisatorische Verantwortung bei Hanseatic Help wurde schnell so groß, dass zunächst keine Zeit für anderes blieb. Jetzt arbeitet er nebenher für einen Bundestagsabgeordneten der SPD. "Auf Dauer ist es aber schwierig, die Flüchtlingshilfe rein ehrenamtlich zu bewältigen." Im September schuf der Verein dank Spendengeldern die ersten sechs bezahlten Stellen, es soll bald weitere geben. Boekhoff möchte weiter ehrenamtlich arbeiten. Was der Verein nun wirklich brauche, einen erfahrenen Geschäftsführer etwa, könne er nicht bieten. Müde wirkt er aber nicht. "Ich habe jedenfalls keine Lust, irgendeinen Unsinn zu machen. Es gibt gerade zu viele wichtige Dinge. Die nächste Herausforderung wird die Integration."

Im Frühjahr ist Hanseatic Help in eine etwas kleinere Halle ans Große Elbufer gezogen. Etwa hundert Freiwillige helfen hier noch regelmäßig, sie haben bis heute durchgehalten. Immer wieder kommen auch neue dazu. Was treibt sie alle an? "Wir haben aus den Erfahrungen des vergangenen Jahres eine große Zuversicht mitgenommen", sagt Boekhoff. "Das Gefühl, dass man gemeinsam wirklich etwas geschafft hat." Am Sonntag wird der Verein mit dem Marion Dönhoff Förderpreis ausgezeichnet.