Das ist rabulistisch und geradezu bösartig. Für Bahners gibt es offenbar nur einen Weg zum Heil: Wer auf die Widersprüche der Identitätspolitik hinweist, kann damit keine aufklärerischen Absichten verfolgen, wer den Universalismus stark macht, will in Wahrheit Minderheitenrechte kassieren. Lillas Versuch, gegen den identitätspolitischen Partikularismus, mit dem Hillary Clinton in ihrem Wahlkampf offensichtlich erhebliche Bevölkerungsteile verfehlt hat, einen republikanischen Universalismus stark zu machen, muss Bahners ein reaktionäres Rollback unterstellen. Als sei Universalismus nur das Deckwort für Diskriminierung, von der laut zu sprechen man sich nicht traut. Dass sich gerade Vertreter von Minderheiten durch universalistische Rechtsansprüche auf Dauer sicherer geschützt fühlen könnten als durch gruppenspezifische Sonderbehandlung, das darf in diesem Diskurs noch nicht einmal als Möglichkeit gedacht werden.

Die Räume des Diskutierbaren werden mit kuriosen Tabus belegt

Lilla und Soboczynski geht es um einen politischen Universalismus, der Minderheiten nicht ausgrenzt, sondern alle als gleiche Bürger anspricht. Um zu seinem Bannspruch über Lilla zu kommen, muss Bahners dessen zentrales Argument unter den Tisch fallen lassen: dass Identitätspolitik nämlich rechts wie links geht. Dass man im Namen der Identität nicht nur progressive Emanzipationsprojekte betreiben kann, sondern auch sehr finstere: Der Ku-Klux-Klan, schreibt Lilla, war eine identitätspolitische Bewegung. Und es ist auch kein Zufall, dass die Identitäre Bewegung in Europa so heißt, wie sie heißt: Die Berufung auf Identität ist ein mächtiges Instrument der Ausgrenzung und des Antiindividualismus.

Wenn politische Forderungen dann Aussicht auf Durchsetzung haben, wenn sie im Namen einer Gruppe formuliert werden, wird jeder Bürger, dessen Stolz es war, ein Individuum zu sein, dafür belohnt, sich als Vertreter einer Gruppe zu verstehen. Alle unsere politischen Projekte wurden so über die Jahre identitätspolitisch eingefärbt. Teilweise mit gutem Grund. Aber über den Preis, der dafür zu zahlen war, wurde zu wenig nachgedacht. Es wurden nur bestimmte, als progressiv empfundene Lebensformen identitätspolitisch prämiert. Diversity wurde gefeiert, aber es wurde nicht gesehen, dass auch family values und Abtreibungsächtung von ihren Anhängern in den Fly-over-Staaten als identitätspolitische Herzensangelegenheit betrachtet werden. Jetzt rüstet die Gegenseite identitätspolitisch nach und vergesellschaftet sich über ihre weiße Hautfarbe. Das ist nicht angenehm, denn die Politisierung von Identität kann enorme Affekte mobilisieren. Dass der gute, alte Universalismus mit seiner gewissen neutralen Kaltherzigkeit, mit seinem Citoyen-Formalismus die Gesellschaft insgesamt vielleicht doch besser zusammenführt, das wird das politische Denken der nächsten Jahre beschäftigen. Die liberale Gesellschaft jedenfalls wird den Kampf gegen den rechten Populismus nicht gewinnen, wenn sie die identitätspolitischen Routinen für sakrosankt erklärt und die Räume des Nachdenkenswerten immer enger macht.