Ein Mann hat alles verloren: Seine Frau. Seinen Lebensplan. Doch nein, die Würde nicht. Denn den letzten Gefährten, seinen Hund, den wird er sich nicht nehmen lassen: "Du hast doch schon den Golf und die Doppelhaushälfte mit Rolf, von mir aus kannst du alles haben und noch mehr – aber Spanky gehört mir." Jacques Palminger singt diese Zeilen im Titelsong seines neuen Albums Spanky und seine Freunde. Begleitet wird er dabei vom mondänen Big-Band-Sound des 440 Hz Trios: Leise klingt der Schellenkranz, eine Heimorgel gniedelt im Hintergrund, Streicher legen sich über die Musik, dazu Klangtupfer vom Glockenspiel. Ein Gentleman-Abgang. Wer im Scheitern der Liebe und in ihren letzten Verteilungskämpfen noch so viel Stil beweist, um den muss man sich keine Sorgen machen.

Bekannt wurde Jacques Palminger als Teil der Komikergruppe Studio Braun mit Heinz Strunk und Rocko Schamoni (aktuelle Veröffentlichung: ein opulenter Bildband mit dem Titel Drei Farben Braun ). Während seine beiden Kollegen nebenbei als Schriftsteller reüssieren, ist Jacques Palminger Songschreiber und Popmusiker. Und was für einer! Trotz seiner Eleganz der vielleicht abgründigste und undurchschaubarste, den Hamburg hat.

Jacques Palminger ist ein Irritationskünstler, so war das schon vor rund zehn Jahren. Damals erschien sein Song Die Henry Maske, ein wüster Diss-Track gegen den Boxer, der gerade sein Comeback feierte. "Deine Haut hat Angst vor Osmose", schimpft Palminger dort über einen rumpelnden Beat, "dein Carport hat ein Loch!" Dann folgen Zeilen zu Wanderhoden und Masturbation mit Marmorkuchen. Diese völlig haltlosen Anschuldigungen gipfeln in der empört stotternd vorgebrachten Forderung: "Ma-Ma-Maske, nimm die gleichnamige ab, und äußer dich zu den hier genannten Vorwürfen!" Die Henry Maske ist ein haarsträubender Song und ein seltsames Vergnügen. Oder, wie es damals ein Kritiker schrieb: "Kopfschütteln kann Spaß machen."

Im Rückblick kann man diesen Song wunderbar rationalisieren: Klar, Palminger hat einen Ein-Mann-Shitstorm performt, einen postfaktischen Zornausbruch, das war geradezu visionär! Die Rolle des geifernden Kleinbürgers, der mit ungelenken Beschimpfungen an die Öffentlichkeit drängt, ist seitdem zum Massenphänomen geworden.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Und Jacques Palminger? Ist sanft und flauschig geworden. Hat Kreide, ach was, Kirschblüten gefressen. Für sein Projekt Songs for Joy sammelte er per Zeitungsannonce Laienlyrik, die er gemeinsam mit den Einsendern und mit seinem Musikerkollegen Erobique vertonte. Entstanden sind dabei Liebeslieder wie Kathrin + Lars (Textprobe: "Kathrin und Lars ham seit zwei Jahren Spaß, Kathrin und Lars, zwei Jahre Liebe und Küsse und Spaß"). Und Mutmach-Songs wie Wann strahlst Du ("Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen, wann strahlst du?"). Das war auf so gute Weise schlecht, so schamlos, mutig und rührend, dass man schon wieder kopfschüttelnd dasaß.

Jetzt also Spanky und seine Freunde . "Märchenjazz" nennt Jacques Palminger die Musik dieser Platte. Ein konventionellerer Begriff wäre Easy Listening: Man denkt beim Hören an die leichte Musik von Tanzorchestern, wie sie Mitte des 20. Jahrhunderts gespielt wurde. An den Hamburger Weltstar Bert Kaempfert zum Beispiel, an die gedämpften Trompeten von Burt Bacharach und an den Vibraphonisten Bill Le Sage, der Musik für längst vergessene Filme komponierte.

Doch diese so anschmiegsame Musik ist bei Jacques Palminger mit lyrischen Untiefen gespickt. Neben dem Trennungsstreit im Titelsong gibt es Songs über den Drang, in die Tiefe zu stürzen ( Der Sprung ), über einen Urlauber, der in einer Panikattacke wild um sich schlägt ( Ragazzina ), und über einen, dem in psychotischen Schüben die Realität verloren geht ( Der Pinguin, das Handy und der Jazz ). Jacques Palminger singt vom Kontrollverlust, im lässigen, supersouveränen Stil des Dandy-Entertainers, wie ihn Frank Sinatra nicht besser hinbekommen hätte. Spanky und seine Freunde : ein Flokatiteppich mit Widerhaken.

Im schönsten und traurigsten Lied des Albums singt eine Frauenstimme Männerzoten: "Das Einzige, das wir gemeinsam haben, ist der Tag, an dem die Hochzeit war – haha! Und wenn du mich fragst, woran ich denk, dann sag ich nur: Kennst du nicht – hihi!" Man kennt Ehemänner, die solche Sprüche klopfen und dabei einsam und unglücklich wirken.

Der Song ist typisch für den Humor von Jacques Palminger. Wie schon bei Die Henry Maske oder Songs for Joy steckt hinter dem Lachen die klammheimliche Frage: Könnte ich das sein? Dieser Spießerzorn? Diese Rührseligkeit? Diese Häme? Man muss Lust haben am Unbehagen, das diese Fragen auslösen – dann sind die Songs von Jacques Palminger ein großer Genuss.

"Spanky und seine Freunde" (Staatsakt) von Jacques Palminger & 440 Hz Trio