"Das vergeig ich besser nicht"

DIE ZEIT: Frau Jäkel, pflegen Sie weibliche Seilschaften?

Julia Jäkel: Bitte?

ZEIT: Frauen-Netzwerke.

Jäkel: Den Begriff "Netzwerk" mag ich nicht. Er hat einen fast so strengen Geruch wie Seilschaft.

ZEIT: Das heißt, es gibt zwischen Ihnen und anderen Spitzenmanagerinnen kein "Heute gibst du mir, morgen gebe ich dir"? Kaum zu glauben.

Jäkel: So funktioniert doch die Welt nicht mehr, und ich möchte so etwas auch nicht machen. Ich habe Freundinnen und Frauen, die ich schätze, aber kein Netzwerk.

ZEIT: Diese Freundinnen ...

Jäkel: Ich bin neugierig auf Menschen. Und Menschen interessieren sich für eine Frau an der Spitze. Was sich in den letzten Jahren aus meiner Sicht verändert hat, ist die Solidarität unter Frauen. Ich spüre, wie sich Frauen darüber freuen, wenn Dinge von einer anderen halbwegs vernünftig gemacht werden. Das ist motivierend. Inzwischen kenne ich viele Managerinnen, die Verantwortung in Dax-Unternehmen tragen, wir tauschen uns aus.

ZEIT: In der Wirtschaft insgesamt mag diese Solidarität neu sein. Aber Ihre Karriere ist massiv von Frauen gefördert worden.

Jäkel: Meine wichtigsten Förderer waren zu allererst moderne Männer. Aber richtig ist auch: Es gab in meinem Leben auf Gesellschafterebene zwei starke Frauen: Liz Mohn bei unserer Muttergesellschaft Bertelsmann und Angelika Jahr, die langjährige Miteigentümerin von Gruner + Jahr.

ZEIT: Wer von außen gehört zu Ihren Vertrauten?

Jäkel: Karen Heumann, zum Beispiel. Sie ist Miteigentümerin der Werbeagentur Thjnk.

ZEIT: Außerdem Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Maria Furtwängler, die Schauspielerin und Ehefrau von Verleger Hubert Burda. Nutzt Ihnen das?

Jäkel: Also bitte! Sie basteln da an einer weiblichen Mafia, die es in der Realität nicht gibt.

"Ich habe bestimmt nicht das Bedürfnis, Menschen auf meinen Weg zu drängen"

ZEIT: Sie treffen sich privat in kleiner Runde. Spielen Sie sich danach öffentlich die Bälle zu?

Jäkel: Ich habe Respekt vor der Verteidigungsministerin, ich unterhalte mich gern mit Ursula von der Leyen. Aber eine Politikerin kann nicht die Vertraute einer Verlagschefin sein.

ZEIT: Sie haben es mit gerade 40 an die Spitze des größten deutschen Zeitschriftenverlages geschafft, zwei Kinder bekommen und sind mit einem Promi verheiratet, dem Publizisten und früheren tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert.

Jäkel: Und weiter?

ZEIT: Sie sind die "poster woman" des deutschen Managements.

Jäkel: Sie lassen ja nichts aus. Eine Frau an der Spitze eines Unternehmens, das ist offenbar nach wie vor etwas Besonderes. Und da spüre ich den Druck: Das vergeig ich besser nicht.

ZEIT: Sollen mehr Frauen Ihren Weg gehen?

Jäkel: Ich habe bestimmt nicht das Bedürfnis, Menschen auf meinen Weg zu drängen. Ich wünsche mir aber, dass jede Frau, wenn sie Lust hat, amerikanische Präsidentin, Fabrikleiterin oder Verlagschefin zu werden, und wenn sie gut genug dafür ist, es bitte schön darf. Zu dieser Art von Chancengleichheit will ich gern einen kleinen Beitrag leisten.

ZEIT: Fördern Sie dafür Frauen besonders?

Jäkel: Quatsch. Es gibt hoffentlich keinen Mann bei Gruner + Jahr, der sich zurückgesetzt fühlt.

ZEIT: Es arbeiten ziemlich viele Menschen im Verlag. Wie können Sie sicher sein?

Jäkel: Der Gedanke, jetzt würden Frauen bevorzugt, nach dem Motto, "The Empire Strikes Back", das wäre wirklich dumm.

ZEIT: "Pro Quote", die Lobby für mehr Frauen in Führungspositionen in den Medien, ist die erfolgreichste Organisation ihrer Art in Deutschland.

Jäkel: Ich bin nicht Mitglied, weil ich mir sicher war, dass wir es im Verlag ohne Quote hinbekommen. Aber: Es war wichtig, dass die Quote eingefordert wurde. Als Ursula von der Leyen in einer Spiegel-Titelgeschichte genau das getan hat und ich spürte, was sich daraufhin in den deutschen Unternehmen veränderte, da habe ich verstanden: So funktioniert Politik. Du musst Sanktionen androhen, nur dann passiert wirklich etwas.

"Gemischte Teams sind vergnüglicher und kreativer"

ZEIT: Ist der Verlag weiblicher geworden?

Jäkel: Eindeutig. 50 Prozent der Chefredakteure sind inzwischen Frauen und insgesamt 42 Prozent der Führungskräfte. Das ist aber kein Verdienst, sondern sollte normal sein.

ZEIT: Es gibt die These, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse bringen. Bei Gruner + Jahr ging der Umsatz in den letzten Jahren von rund 2 auf rund 1,5 Milliarden Euro zurück.

Jäkel: Sie meinen, die Frauen haben’s verbockt? Steile These! Aber zum Geschäft komme ich noch. Artikel 3 des Grundgesetzes lautet, Männer und Frauen sind gleichberechtigt. So einfach ist das. Und der kanadische Premierminister Justin Trudeau hat auf die Frage, warum er 50 Prozent Frauen in seinem Kabinett habe, geantwortet: "Because it’s 2016." Davon mal abgesehen: Gemischte Teams sind vergnüglicher und kreativer.

ZEIT: Auch bei Ihnen in der Geschäftsführung?

Jäkel: Absolut.

ZEIT: Nun sind Sie seit drei Jahren Verlagschefin. Durchschnittlich halten sich Chefs fünf Jahre.

Jäkel: Dann habe ich ja noch zwei.

ZEIT: So ist der Durchschnitt. Manche müssen früher gehen. Was ist Ihre Perspektive?

Jäkel: Endlich reden wir übers Geschäft. Wir haben drei sehr fordernde Jahre hinter uns. Das erste nenne ich mal unser Findungsjahr, in dem es auch viel um effiziente Strukturen ging.

ZEIT: Sie haben viele Stellen abgebaut und Mitarbeiter entlassen.

Jäkel: Das war für alle fordernd, aber nötig. Vergangenes Jahr war unser Jahr der Innovation. Wir haben rund ein Dutzend Magazine gegründet, massiv ins Digitale investiert und viel experimentiert. Das bestimmt heute das Bild unseres Unternehmens. Das dritte Jahr, das aktuelle, ist für uns ein Jahr neuer Stärke. Wir haben unsere Marktposition ausgeweitet – durch Übernahmen im Vertrieb, durch neue Bündnisse in der Vermarktung, durch die Zusammenarbeit mit den Verlegern von Landlust und unsere Tochtergesellschaft Territory, einem Kommunikationsdienstleister für Unternehmen.

"Wir werden in Deutschland ein stabiles, sogar leicht wachsendes Vertriebsgeschäft haben"

ZEIT: Sie haben sich zugleich aus ganzen Ländern zurückgezogen, zuletzt aus Österreich. Warum?

Jäkel: Wir haben in den vergangenen drei Jahren Firmen mit einem Umsatz von über einer halben Milliarde Euro verkauft. Entweder weil sie für unsere Zukunft nicht relevant sind, oder weil wir nicht den Unterschied machen können. Gleichzeitig haben wir massiv investiert, besonders in Deutschland und Frankreich. Unser Digitalumsatz steigt in diesem Jahr sprunghaft um 30 Prozent. Wir machen jetzt ein Fünftel unserer Erlöse im Digitalen und sind in Frankreich auch durch Zukäufe zum führenden Digitalverlag geworden.

ZEIT: Und in Deutschland?

Jäkel: Die wenigsten wissen, dass wir eine der größten Plattformen für die automatisierte Vermarktung von Onlinewerbung betreiben. Sie heißt Ligatus und wächst auch international. Im digitalen Journalismus sind wir Marktführer bei Onlineportalen für Frauen, im Eltern-Segment, bei den Themen Wohnen und beim Essen; stern.de und gala.de wachsen, ebenso unsere Werbeeinnahmen. Und wir haben mit dem Club of Cooks das erste deutsche Netzwerk für YouTuber im Food-Bereich gegründet. Wir bieten ihnen zusätzliche Reichweite, indem wir sie auf essen-und-trinken.de und chefkoch.de einbinden – und vermarkten diese. Das sehen wir als Aspekt modernen Verlegertums.

ZEIT: Wie entwickelt sich Print?

Jäkel: Wir werden in Deutschland ein stabiles, sogar leicht wachsendes Vertriebsgeschäft haben. Auch das Anzeigengeschäft läuft mehr oder weniger stabil – in einem insgesamt schrumpfenden Markt. Soweit wir das jetzt absehen können, wird Gruner + Jahr in 2016 stabile Geschäfte zeigen.

ZEIT: Für den Verlag könnte es also das Wendejahr werden. Wieso läuft es für Sie im Anzeigenmarkt besser als für viele Wettbewerber?

Jäkel: Die Kollegen in der Vermarktung machen gute Arbeit. Und es gelingt uns wieder in Serie, Titel zu gründen, die ankommen, die Wärme ausstrahlen. Auch das bringt zusätzliches Anzeigengeschäft.

ZEIT: Sie haben Walden für zivilisationsmüde Städter herausgebracht, Flow als Bastelheft für die gestresste berufstätige Frau, Couch für die vom eigenen Konsumverzicht genervte Hipsterin. Ist es das, was Gruner + Jahr derzeit erfolgreich macht: Flucht-Räume finden?

Jäkel: Fluchtbedürfnisse sind ja nicht verwerflich. Medienprodukte für die digitale Gesellschaft sind jedenfalls nicht nur digital. Dazu gehören auch Magazine, die eine Sehnsucht ernst nehmen: nach Ruhe, Gelassenheit, Entspannung. Klingt schräg, aber aus diesem Grund läuft auch stern crime so gut.

ZEIT: Weil man sich in der Sicherheit der eigenen vier Wände so schön gruseln kann?

Jäkel: Es sind sehr gut recherchierte Geschichten. Fast Krimis. Nur eben wahr. Sie haben einen Anfang und ein Ende.

"Wir machen Magazine, die Interessen und Sehnsüchte befriedigen"

ZEIT: Und Sie erweitern Ihr Angebot an Konsumbeschleunigern: mit dem Thermomix-Magazin.

Jäkel: Gruner + Jahr war immer stern und Schöner Wohnen. Menschen sind komplexe Wesen, wir lesen den stern und gleichzeitig die Barbara. Und nehmen Sie unser Fußballmagazin 11 Freunde oder No Sports oder Wolf. Das sind Zeitschriften, die intelligente Information mit Unterhaltung verbinden. Wir waren immer beides. Was Thermomix angeht: Unsere Gesellschaft verändert sich – und wir finden darauf eine publizistische Antwort.

ZEIT: Eine Zeitschrift rund um eine Kochmaschine ist die Essenz eines konsumistischen Magazins.

Jäkel: Wir machen Magazine, die Interessen und Sehnsüchte befriedigen – qualitätsvoll in Sprache, Optik und Umgang mit den Lesern. Daraus entsteht oft eine erstaunliche Nähe, fast eine Fan-hafte Beziehung. Wir haben ein Foto von einem Beef- Leser bekommen, der sich das Logo der Zeitschrift auf den Arm tätowieren ließ. So etwas würde nicht passieren, wenn wir kalte, von der Marktforschung getriebene Blätter machen würden, die nur dafür da sind, die Menschen zum Kauf anzuhalten.

ZEIT: Hat der Verlag noch eine übergeordnete gesellschaftliche Rolle? Früher stand etwa der stern für Enthüllungsreportagen. Wo ist das Politische?

Jäkel: Es ist tagtäglich da. Nehmen Sie die Schweigeaktion von stern.de zu Aleppo. Lesen Sie Capital, Geo! Besuchen Sie die Kollegen der Sächsischen Zeitung, die sich seit zwei Jahren von einem Teil ihrer Leser als Lügenpresse beschimpfen lassen müssen. Oder lesen Sie die stern-Reportagen über Syrien, um das zu erkennen. Das Magazin hat außerdem in den vergangenen Monaten sicher sechs Titelgeschichten zu den USA veröffentlicht.

ZEIT: Wie geht es dem stern überhaupt?

Jäkel: Wir sind sehr zufrieden.

ZEIT: So heißt es seit 15 Jahren. Aber die Auflagen sinken und sinken. Wie geht es dem stern wirklich?

Jäkel: Ich kann es auch präziser sagen. Der stern hat unter Chefredakteur Christian Krug zu sich selbst gefunden. Er macht sehr starke Reportagen. Und ich bin dankbar, dass die Kollegen dafür belohnt worden sind und in diesem Jahr den Nannen-Preis für die beste Reportage in Deutschland gewonnen haben. Der stern bietet eine gute Mixtur aus politischer Relevanz, die essenziell ist für den stern, und Unterhaltung.

ZEIT: Einmal wöchentlich Politik und sechs Tage die Woche für heimliche Laster?

Jäkel: Machen Sie nicht den Fehler, arrogant über ganz normale Bedürfnisse von Menschen zu richten! Und ich rede insbesondere auch von gebildeten, klugen Menschen.