Wer nach einem Beleg für das Kirchensterben sucht, ist in der evangelischen Gemeinde Maria Magdalenen in Klein Borstel falsch. Zum ersten Adventsgottesdienst sind alle 150 Plätze in dem Klinkerbau besetzt. Auf der Empore bereitet der Kinderchor seinen Einsatz vor, in den Reihen sitzen Rentner neben jungen Familien, alle hören der Predigt zu. "Viele sorgen sich, ob unsere Kirche eine Zukunft hat", sagt der Pfarrer und spricht dann von der Hoffnung der Adventszeit, von der bevorstehenden Ankunft Jesu, von Zuversicht. "Es wird gut werden", sagt er.

Wird es das wirklich?

Die Fakten legen etwas anderes nahe: Der Kirchenkreis Hamburg-Ost, zu dem Maria Magdalenen gehört, hat entschieden, dass die "stadträumliche und architektonische Qualität" der Kirche nicht ausreichend sei. Deshalb gilt Maria Magdalenen mit 44 anderen Kirchen nun als sogenannte C-Kirche. C heißt: Die Gebäude werden sich selbst überlassen. Sie erhalten in Zukunft kein Geld mehr für Sanierungen.

"Das sorgte bei uns für blankes Entsetzen", sagt Jens Diercks, der die 1600 Mitglieder der Gemeinde seit nun acht Jahren vertritt. Vor eineinhalb Jahren erfuhr der 75-Jährige zum ersten Mal von den Plänen des Kirchenkreises, die Mittel zu streichen. Damals hieß es: Gemeinsam und fair solle an einem Konzept zur Gebäudefinanzierung gefeilt werden. Es gab auch einen Workshop mit dem Kreis, Diercks ist trotzdem enttäuscht. "Wie fair soll das sein, wenn es heißt: Also die Hauptkirchen in der Innenstadt bleiben auf jeden Fall und die und die Kirche auch?", fragt er sich.

Kirchenkreis Ost

© ZEIT-Grafik

Dem Plan des Kirchenkreises liegt ein einfaches Sparkonzept zugrunde: Die Verantwortlichen haben 600.000 Euro für Sanierungen zur Verfügung – eine Summe, die für die vielen Kirchen nicht ausreicht. Deshalb haben sie beschlossen, die Anzahl der Gemeinden zu verringern. Nur die "förderfähigen" sollen übrig bleiben. Deren Mittel werden gar jährlich verdoppelt.

Diercks findet diese Lösung ungerecht. Ilsabe Stolt bemüht sich, den Ärger zu verstehen. Stolt verantwortet die strategische Gebäudeplanung im Kirchenkreis und muss den Zorn der betroffenen Gemeinden aushalten. "Einige tun so, als hätten wir das im Geheimen ausgebrütet", sagt sie. "Dabei war es doch die Synode, die das fast einstimmig beschlossen hat." Damit hat Stolt recht. Die Synode, die sich zusammensetzt aus Pastoren, Pröpsten und Gemeinderatsmitgliedern, war sich nahezu einig. Alle Gemeinden hatten ein Mitspracherecht, auch Maria Magdalenen. Fair findet Diercks die Entscheidung dennoch nicht: "Unser Abgeordneter hat dagegengestimmt."

Die evangelische Kirche ist keine Partei, man geht höflich miteinander um. Jetzt aber knirscht es, das ist für alle ungewohnt. Die einen fühlen sich übergangen, die anderen fühlen sich zu Unrecht im Zentrum der Kritik: Wie soll man denn anders damit umgehen, wenn aus einer Volksinstitution eine Art Nischenangebot wird?

In den vergangenen 20 Jahren hat der Kirchenkreis 30 Prozent seiner Stellen gestrichen. Musiker mussten gehen, Küster bekamen nur noch Teilzeitstellen, die Verwaltung wurde ausgedünnt. Trotzdem reicht das Geld nicht. Hinzu kommt: Die Pastoren werden weniger. Selbst wenn alle Kirchen blieben, gäbe es in 20 Jahren wohl kaum noch jemanden, der dort predigen könnte.

Auch deshalb stimmten die meisten Synoden-Abgeordneten für den sogenannten Standortnetzplan, denn eines haben die Gemeinden im Überfluss: Kirchen und Gemeindehäuser. Hier, die Idee, könnte man kürzen – eine Art Streichliste der Gotteshäuser war entstanden.

Eine Entwicklung, die alternativlos erscheint. Die ganz so alternativlos aber vielleicht doch nicht ist. Dazu hilft ein Blick in den Kirchenkreis Hamburg-West.

"Wir wollen keinen Standort aufgeben, sondern Standorte entwickeln", sagt Karl-Heinrich Melzer. Melzer ist Propst in Hamburg-West/Südholstein, wie der Kirchenkreis offiziell heißt. Er arbeitet als Theologe, klingt aber mehr wie ein Geschäftsmann, wenn er von den Projekten dort spricht. Melzer erzählt seltener von Adam und Eva als von EvaBau-West und EvaImmo-West.