Stets sind die Künstler auf der Suche nach inspirierenden Wahlverwandten: Vor über 100 Jahren wünschten sich viele, dass wildes, fernes Blut in ihnen brodele, damals sollten unverbildete Kulturen aus Afrika oder der Südsee die europäische Kunst vitalisieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte die Wahlverwandtschaft schon etwas näher: Man interessierte sich für die Verrückten, die Armen, kurzum für die Außenseiter. Und heute? Nach dem Künstler als wildem Abenteuerhelden und als sensiblem Oppositionellen begegnen wir gegenwärtig dem Künstler als Geschäftsmann und potentem Partner für Firmen und Markenunternehmen. Die Kunst ist angekommen: in der Mitte des globalen Kapitalismus.

Michael Sailstorfer wagte sich an solch eine Kooperation heran, ohne als ergebener Produktdesigner in Erscheinung zu treten. Er kreierte für die Modemarke COS die Performance Silver Cloud: Eine Wolke aus Stahl krachte mithilfe eines Krans immer wieder auf den Asphaltboden vor Sailstorfers Atelier in Berlin. Die Kosten für die Planung und die Durchführung der Aktion übernahm das Modehaus – wie auch die Wiederherstellung des beschädigten Bodens. Dafür war es der Firma gestattet, Fotos und einen Teil des Performance-Videos auf die COS-Website zu stellen und eine Talkrunde mit dem Künstler in einem COS-Laden zu veranstalten.

Derzeit spezialisieren sich erstaunlich viele Agenturen auf bildende Künstler, und nicht nur werden Schauspieler an Regisseure vermittelt oder Models an Modekampagnen, es werden auch Maler oder Bildhauer mit Großfirmen oder Popstars zusammengebracht. Die United Talent Agency (UTA), vor allem bekannt im Musik- und Filmgeschäft durch Klienten wie Johnny Depp, Céline Dion, Guns N’ Roses oder Miley Cyrus, vertritt neben international führenden Markenunternehmen wie Starbucks, DreamWorks oder Mattel jetzt auch bildende Künstler. Ai Weiwei, dessen Gesicht schon längst wie ein Markenlogo funktioniert, unterzeichnete dieses Jahr, Maurizio Cattelan und Julian Schnabel sind ebenfalls unter Vertrag.

Wird Ai Weiwei also bald zusammen mit Miley Cyrus in einem Musikvideo chinesische Vasen mit Mattel-Spielzeug zertrümmern? Allese Thomson, Kreativdirektorin der UTA, erklärt die Agenturphilosophie wie folgt: Nur weil Künstler Kooperationen im Bereich des Kommerzes eingehen, heiße dies nicht, dass das Ergebnis kommerziell sei. Firmen wie Samsung, Apple oder Pixar könnten den Künstlern helfen, Großprojekte auch außerhalb der Galerie zu verwirklichen, ohne dass die Künstler ihre Integrität verlören. Für Ausstellungshäuser fungieren Unternehmen längst als Sponsoren, nun entfällt diese Art von Umweg durch die direkte Zusammenarbeit mit den Künstlern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Kommt dabei mehr heraus als nur Kommerzbrei? Könnte gut sein

Auch schon zu Beginn der sogenannten Postmoderne arbeiteten einzelne Künstler mit Firmen zusammen, so gestaltete Salvador Dalí 1969 das Logo für Chupa Chups und Günter Fruhtrunk 1970 die Plastiktüte für Aldi Nord. Jedoch heißt es, dass Fruhtrunk für diese "Sünde" 400 Mark in die Kaffeekasse seiner Studenten zahlte, um Buße zu tun. Heute liest sich die Reihe an Künstlern, die mit Modeunternehmen wie Hermès oder Louis Vuitton kooperieren, wie das Namensregister einer guten Einführung in die jüngste Kunstgeschichte – die Kunst ist zum festen Bestandteil der Marketingstrategien im Modebetrieb geworden.

Die Kritik an solchen Kooperationen ist allgemein geläufig: Die bei solchen Projekten entstehende Kunst verkomme zum Designprodukt, entwickle sich zu einem einheitlichen Kommerzbrei und sei nicht mehr in der Lage, kritische Fragen zu stellen. Die Künstler gäben ihre Freiheit und ihre Oppositionsrolle auf und würden abhängig von ihrem Sponsor und seinen ästhetischen Verwertungsinteressen. Erfolgreiche Kunst werde nur noch diejenige sein, die auch teuer finanziert wurde. Künstler, die unabhängig von Agenturen und Firmen arbeiten, würden irgendwann aus der Öffentlichkeit verdrängt werden.

All diese Befürchtungen sind berechtigt. Besonders dann, wenn Künstler zu Gestaltern für Getränkeflaschen, Unterhemden oder Seidenschals berufen werden – und dabei letztlich nur mediokres Design entsteht, das sich auch noch schlecht verkaufen lässt. Auf der anderen Seite müssen Künstler aufpassen, wenn Großfirmen sie und die "ehrliche Aura" der Kunst dafür benutzen wollen, sich von dem Ruch des Kommerziellen reinzuwaschen. Dieser Imagetransfer kann leicht zu einem Minusgeschäft für die Künstler werden.