Stoppt das Ding! – Seite 1

Wenn das 20. Jahrhundert bestimmt war von einer drängenden Freude am Unabsehbaren, von der Lust am Wagnis und von utopischem Überschwang, dann werden die Reste dieses Jahrhunderts gerade begraben. Sie werden eingehaust, weggesperrt in einem extragroßen, extrabanalen Schuppen namens Museum.

Nun wird niemand behaupten, das Kulturforum in Berlin, um das es hier geht, sei irgendwie urban oder zukunftsgeladen. Im Gegenteil, kaum ein anderer Platz wirkt derart verloren: Eine Kultursteppe inmitten der Hauptstadt, bekrönt vom Tempel der Nationalgalerie und den kreiselnden Formen der Philharmonie, und doch an Ödnis nicht zu überbieten. Es fehlt nicht die große Architektur, es fehlt nicht an Kunst, und an Menschen mangelt es schon deshalb nicht, weil auch die Staatsbibliothek am Kulturforum liegt und täglich einige Tausend Besucher anzieht. Woran aber fehlt es dann?

Ein weiteres Sammlungshaus müsse her, glauben die Kulturoffiziellen, die Museumsmenschen und Stadtbauräte. Endlich soll die Neue Nationalgalerie erweitert werden, um ihre Bestände allumfassend ausbreiten zu können. Nebenher würde auch die Steppe urbanisiert, und alles ginge gut aus, das war die Hoffnung. Jetzt aber, da die Ergebnisse des bestens besetzten Architekturwettbewerbs öffentlich zu besichtigen sind, erlischt aller Optimismus. Wer die Ausstellung der Pläne und Modelle besichtigt (bis zum 8. Januar im Foyer der Gemäldegalerie), weiß nicht recht, wovor er sich mehr fürchten soll: vor der verquälten Belanglosigkeit, die viele Entwürfe bestimmt, oder vor der zynischen Egomanie, mit der einige Architekten zu Werke gehen. Zu bestaunen ist ein großes Versagen – was die Jury des Wettbewerbs natürlich nicht davon abhielt, in helle Begeisterung auszubrechen.

Die meisten Entwürfe wollen das Kulturforum vollstellen mit lauter Kisten und Kuben, wahrscheinlich weil die Architekten meinen, nur so, aus der stumpfen Logik des Containers, könne etwas universell Gültiges entstehen. Andere Planer entweichen dem Formproblem – wie sieht heute ein gutes Museum aus? –, indem sie ihren Bau ins Informelle auflösen, in versprengte Pavillons, die jeden prägnanten Ausdruck verweigern. Dritte wiederum ducken sich gleich ganz weg und buddeln ihr Haus tief hinein in den Berliner Grund, womit sich jede Frage nach Stil und Gestalt erübrigt.

Selbst erfahrenen Architekten sind für das Kulturforum meist kapriziöse Verrenkungen eingefallen, was auch daran liegt, dass es einen Bauplatz wie diesen, so ehrenvoll und furchteinflößend, kein zweites Mal auf der Welt gibt. Sich zwischen zwei Heroen der Architekturgeschichte zu behaupten, zwischen Ludwig Mies van der Rohe (Nationalgalerie) und Hans Scharoun (Philharmonie), die für zwei Pole der Moderne stehen, für das minimalistische und das organische Bauen, das verlangt viel Chuzpe und noch mehr Gelassenheit. Vor allem wohl deshalb, weil sie beides mitbringen, dazu ein gediegenes Maß an Schnörkellosigkeit, konnte am Ende der Vorschlag des Schweizer Architektenbüros Herzog & de Meuron gewinnen.

Während ihre Konkurrenten die unendlichen Möglichkeiten in der Material- und Formwahl durchdeklinieren, ohne zu einer zwingenden Idee zu finden, scheint der prämierte Entwurf allen Kontingenzen zu entkommen: durch ein Versprechen auf Selbstverständlichkeit. Das Neue soll hier nicht neu aussehen, stattdessen will der Entwurf zum Basalen zurück: Dieses Museum ist ein Haus mit Satteldach, wie auch ein Lokschuppen ein Haus mit Satteldach ist oder eine Scheune oder ein Aldi-Markt. In dieser lapidar-archaischen Form verliert sich alles Spezifische, denn ebendas soll ja das Museum sein: ein Ort bleibender Werte, über alle Moden und Stile hinweg.

Immer mal wieder träumten Künstler von solchen unverdorbenen Formprinzipien, nie allerdings gelang es ihnen, zu einer postpluralistischen Wahrheit vorzudringen. Das Streben nach Ursprünglichkeit erwies sich stets selbst als Mode. Dem Siegerentwurf für das Kulturforum dürfte es nicht anders ergehen, zumal Herzog & de Meuron ihrem Museum ein Häkelkleid aus Backstein überwerfen möchten, in das sie ähnlich schon den Anbau der Tate Modern gewandet haben: "very fancy!" Die Gegenwart kann sich halt nicht selbst verleugnen, umso seltsamer, dass es das Museum mit seiner trivialen Großform dennoch versuchen soll.

Gebaute Volksnähe

Innenansicht des geplanten Museums in Berlin © Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/​Berlin

Die Moderne, eine zerfurchte, von unversöhnlichen Gegensätzen geprägte Epoche, wird hier in eine schlichte, ja schlichtende Gestalt gegossen. Und diese Haltung, dämpfend und risikoscheu, alle Konflikte besänftigend unter dem einen, alles überfangenden Dach, ist durchaus auch antielitär gemeint. "Nichts Abgehobenes" solle hier entstehen, sagt Regula Lüscher, bis vor ein paar Tagen noch Berliner Senatsbaudirektorin. Sie lobt die "Wiedererkennbarkeit tradierter Gebäudetypologien", denn diese bedienten die "Sehnsucht breiter Bevölkerungsschichten, aber auch vieler Fachkollegen nach emotionaler Bindung an ein Stück Architektur".

Darüber, ob diese Art von gebauter Volksnähe angemessen ist, ließe sich streiten, wenn nicht das eigentliche Problem des neuen Museums nicht die bescheidene Kontur, sondern seine maßlose Ausdehnung wäre. Mehr als doppelt so groß wie die Nationalgalerie, belagert der Neubau auf bräsige Weise das Zentrum des Ensembles und drängt alles andere an den Rand. Die Offenheit des Kulturforums, der fließende Raum, der in den Nachkriegsjahren als Verheißung auf eine befreite Gesellschaft begriffen wurde, wird endgültig zubetoniert. Selbst die Kirche, einst von Friedrich August Stüler errichtet, muss fürchten, vom Museum geschluckt zu werden, so nahe rückt der Neubau.

Gerade weil fast alle Bauten auf diesem Platz als Solitäre auftreten, in sich gekehrt und darauf bedacht, das öffentliche Leben aufzusaugen, hatte man gehofft, das neue Museum würde abstrahlen und das Forum vitalisieren. Doch kann man dem Entwurf von Herzog & de Meuron nur Beziehungsunfähigkeit attestieren – er fasst den Platz nicht, er vernichtet ihn. Der Plan folgt der Logik eines Einkaufszentrums und inszeniert im Inneren eine Art Kreuzung: Zwei Achsen führen Ost und West, Nord und Süd zusammen. Davon besonders war die Jury begeistert, obgleich das Museum in Wahrheit nichts mit niemandem verbindet.

Auf unabsehbare Zeit bleibt der Tunnel zur Nationalgalerie aus technischen Gründen verschlossen. Zur Staatsbibliothek versperrt eine Autoschneise den Weg. Und vor die Gemäldegalerie schiebt sich weiterhin der Piazzetta genannte Riesenbuckel, der seit Jahren erfolgreich größere Besuchermengen davon abhält, sich der Sammlung zu nähern. Anders gesagt: Die tiefere Malaise des Forums bleibt unangetastet. Das neue Museum wird sie bestenfalls verschlimmbessern können.

Zu simpel, zu ausladend, zu introvertiert – sollte das Museum dennoch für über 200 Millionen Euro gebaut werden, es wäre ein Akt der Stadtzerstörung. Die Chance, die das Kulturforum, so zugig es sein mag, noch immer bietet, wäre endgültig verspielt. Hier könnte ein Miteinander der Gegensätze gelingen, hier ließe sich erproben, wie die Ideale des Nachkriegsmoderne, die Begeisterung für das Unausgedachte, in die Gegenwart zu retten sind. Doch möglich wird das nur, wenn die Architekten frei denken dürfen.

Im Wettbewerb durften sie das nicht. Er war überfrachtet mit vielen falschen Vorgaben, und das vor allem erklärt das Fiasko. Mit einem einzigen Neubau lässt sich das Forum nicht umformen, erst recht nicht, wenn ein Gebäudemonster die Mitte blockiert. Der Platz muss endlich sinnvoll gefasst, die Piazzetta abgerissen, die lärmende Schnellstraße dringend untertunnelt werden. Und warum sollte das nicht gelingen? Noch sind die Gelder vom Bundestag nicht freigegeben, noch hätte ein neuer Stadtbaudirektor die Chance, den Jahrhundertfehler zu verhindern – um etwas möglich zu machen, das alle Welt als Jahrhundertgeschenk bewundern könnte.

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