Es war noch einmal warm geworden in diesem Jahr, und der Besuch eines Kinos war der zufälligen Laune eines faulen, nichtsnutzigen Sonntags geschuldet, den man genauso gut auf dem Balkon hätte verbringen können. Der Film war von Maria Schrader, hieß Vor der Morgenröte und handelte von den letzten Lebensjahren des Schriftstellers Stefan Zweig. Die Kritiken waren bereits veröffentlicht, sie waren meistens gut, manche sogar, wie in der ZEIT (Nr. 24/16), ziemlich begeistert, und so erwartete man das übliche, wohlausgewogene deutsche Arthouse-Niveau: Nazis würden zu sehen sein (mit der Wonne der Schauspieler, mal wieder schnarrend-militärisch zu sprechen), Gedemütigte und Verfolgte, mittendrin der heimatlos gewordene österreichische Schriftsteller, das Opfer. Ein bisschen dramatischer Sex (mit feuchter Stirn) würde beigemengt sein, und es dürften Schriftsteller in Wiener Kaffeehäusern sitzen, ein bisschen schlüpfrig und liebestrunken. Dann, als die Nazis triumphieren, würde mit gut gesetzten Cliffhangern Zweigs Flucht nach England, New York, schließlich nach Brasilien gezeigt, wo der Selbstmord mit seiner jungen Frau stattfand. Das Paar, so stellte ich es mir vor, würde im Film mit karger Bedeutsamkeit die Schlaftabletten schlucken, sich in die brechenden Augen sehen, an die Hand fassen, dann einschlafen.

Doch kein schlechter Plan für einen Sonntagnachmittag, das gut eingeübte Nazidrama bundesrepublikanischer Filmproduktionen. An keiner Stelle würde der Film richtig peinlich sein, an keiner Stelle richtig großartig, denn man will ja den deutschen Filmpreis, und niemand darf im Kino ohne Not irritiert werden. Er würde wie gemacht sein für die Primetime in der ARD, und die Intendanten dürften behaupten, auch mal Mut für Anspruchsvolles zu haben.

So läuft es fast immer, diesmal lief es anders.

Eigentlich war das schon nach fünfzehn Minuten klar. Was man sah, war kein ziemlich guter Film, es war ein fast schon kurios anspruchsvolles, voraussetzungsreiches, eigenwilliges, sich keiner Konvention fügendes, großes Kunstwerk. Man scheut die Superlative, die verbrauchen sich, hier aber sind sie angebracht. In vier Episoden sowie einem Pro- und Epilog werden die Exiljahre des Schriftstellers eingefangen, mit scharfen Brüchen, ohne didaktische Überleitungen, ein radikal episodisches Erzählen, das auf die Klugheit des Publikums setzt. Schon die erste Episode brennt sich einem ein: Der 54-jährige Zweig, gespielt von Josef Hader, ist 1936 als einziger bedeutender Exilant auf dem Schriftsteller-Kongress des PEN-Clubs in Buenos Aires anwesend – und er gibt eine für zeitgenössische Beobachter desaströse Figur ab. Der international erfolgreichste Schriftsteller deutscher Sprache, ein Flüchtling, weigert sich, ein politisches Statement gegen das Naziregime abzuliefern. Die ihn umzingelnden Reporter deuten es als Feigheit. Zweig aber, der ganz allgemein auf Sittlichkeit und Menschenfreundlichkeit abhebt, begreift sich als den Mutigen in einem Meer von Halbstarken. Es besteht schließlich kein Zweifel, dass er Humanist ist durch und durch und ein Gegner des Naziregimes, aber vereinnahmen lassen möchte er sich im Blitzlichtgewitter nicht: "Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig." Und spätestens hier, mit diesem Satz, ist man ganz in der Gegenwart – und hat die so hochfahrenden Moralprediger vor Augen, die so schnell urteilen und nervös-peinlich ihre unbeirrbaren Meinungen twittern, ohne je selbst erfahren zu haben, was es heißt, von einem Land in ein anderes transplantiert zu werden.

Dieser Film ist ein Risiko. Wie kann man es wagen, gleich am Anfang einen vollständigen, sehr langen Vortrag zu zeigen? Der Schriftsteller Emil Ludwig tritt auf dem Kongress in Buenos Aires auf, zweite Garde, dafür mit dem Furor der Moral, den es gratis gibt. Zweig hält sich die Hände vor das Gesicht, ein Fremdschämen, das man nur ganz begreift, wenn man weiß, dass er vom literarischen Betrieb als Verräter gebrandmarkt ist, da er sich weigerte, mit der Sprache des Hasses dem Hass zu begegnen. Der Film schlägt sich auf keine Seite, er differenziert die Positionen und Gefühle, die sich lebhaft kreuzen. Es gibt hier keine Helden, nur die Verdammten der Geschichte, die sich im Exil mit Mühe sortieren.

Die zweite Episode: Zweig auf der Reise durch die brasilianische Provinz. Irgendwo im Urwald ein Empfang. Der Bürgermeister einer Kleinstadt lässt eine eher unversierte Blaskapelle auftreten. Alle schwitzen. Zweig, im hellen Tropenanzug, hört leicht amüsiert, wie mühevoll-scheppernd und schief und doch mit Hingabe der Donauwalzer gegeben wird. Die Kamera zeigt sein Gesicht, das sich unmerklich verändert, von leiser Heiterkeit über leeres Entsetzen zur offenen Trauer. Nuancen, die Welten trennen. Was den Kosmopoliten Zweig ergreift, ist in dieser Szene natürlich nicht nationales Pathos. Es ist die untergegangene Weltläufigkeit Europas, die er in Brasilien – das er aufgrund der Friedlichkeit, mit der unterschiedlichste Ethnien zusammenlebten, verehrte – letztlich nur als Abglanz erlebt. Es ist nicht einfach die verlorene Heimat, die ihn rührt. Sondern dass die Heimat so bruchstückhaft, als schöne Farce, inmitten der Tropen, so windschief wiederkehrt.