Der Londoner Stadtteil Chelsea, ein dezentes Klinker-Bürogebäude in einer Seitenstraße. Vor der Tür: keine Autogrammjäger, keine Fotografen, keine Fans. Hier hat Sir Mick Jagger sein privates Büro. An den Wänden, in den Regalen: Rolling-Stones-Plakate, Rolling-Stones-Bücher, Rolling-Stones-Kunst. Über der Tür: Jaggers Markengesicht als Warhol-Print, natürlich vom Künstler handsigniert. Interviews gibt Jagger nicht gern. Allerdings haben die Rolling Stones gerade mit "Blue & Lonesome" ihr bestes Album seit langer Zeit veröffentlicht. Lustvoll elektrisierende Blues-Coverversionen, die an die Anfangsjahre der Band erinnern. Fragen zu Trump oder zum Brexit, den er angeblich befürwortet hat, möchte Jagger nicht beantworten. Er tänzelt von Raum zu Raum, grünes Hemd, schwarze Jeans, schwarze Sneaker, dazu ein breites Lachen, das schon klingt wie ein Stones-Song. Er stellt die erste Frage.

Mick Jagger: Wie gefällt Ihnen das Album? Falls Sie es nicht mögen, will ich das auch wissen. Seien Sie ehrlich!

DIE ZEIT: Es gefällt mir aber tatsächlich gut. So lebendig klangen die Stones lange nicht.

Jagger: Das freut mich. Aber machen wir uns nichts vor: Blues ist Nischenmusik.

ZEIT: Elf Jahre sind seit Ihrem letzten Album vergangen. Wie hat man es sich vorzustellen, wenn Sie und Keith Richards beschließen, dass es Zeit für ein neues Werk ist? Für eine Platte, auf der Sie Songs von Blues-Helden wie Howlin’ Wolf oder Little Walter nachspielen?

Jagger: Wir arbeiten seit Längerem an einem eigenen neuen Album, das nichts mit Blues zu tun hat. Es war klar, dass wir mal wieder ins Studio gehen müssten. Wir fanden es nur schwierig, ein passendes zu finden. Wissen Sie: Viele haben dichtgemacht in den letzten Jahren, und die meisten Studios, die es noch gibt, sind leider schrecklich. Heutzutage nehmen ja alle nur noch in ihren Privaträumen auf. Also bin ich rumgefahren und habe nach einem passenden Ort gesucht. Ich fand dann Mark Knopflers Studio, das nicht weit von meinem Büro hier in Chelsea liegt, das gefiel uns allen. Dieses Blues-Album ergab sich dort dann eher zufällig. Wir waren zusammengekommen, um ganz andere Songs zu spielen, und landeten beim Blues. Einfach so.

ZEIT: Ronnie Wood hat sich angeblich darüber beklagt, dass ihm die Finger während der Sessions bluteten und Sie immer weitermachen wollten. Kennen Sie im Studio keine Gnade?

Jagger: Ach, Gitarristen sind doch Jammerlappen, oder? Sind die alle so? Wir haben von keinem Song mehr als drei Aufnahmen gemacht, das sollte aber doch drin sein. Aber Ronnie hat wirklich hart gearbeitet, keine Frage. Ein paar der Gitarrenmelodien waren schon sehr komplex, da müsste man eigentlich eine Million Mal üben, um das hinzubekommen.

ZEIT: Funktionieren die Rolling Stones eigentlich demokratisch? Ist jedes Bandmitglied gleichberechtigt?

Jagger: Demokratische Bands, die Erfolg haben, sind mir unbekannt. Aber bei uns wird tatsächlich sehr viel geplaudert. Ich entscheide die Dinge natürlich nicht alleine. Diese Platte war schon ein Gemeinschaftsprojekt, auch wenn ich die Songs ausgewählt habe. Ich hatte diese Liste mit Blues-Nummern – und wenn ein Song nicht ankam, sprangen wir direkt zum nächsten. Ich bin ja kein Diktator, der sagt: Das muss jetzt mit aller Gewalt sein!

ZEIT: Mit Blues haben Sie Ihre Karriere als junger Mann begonnen. Nun sind Sie erwachsen, haben Schmerz und Niederlagen erlebt wie jeder im Leben. Singt man die Lieder von früher dann anders?

Jagger: Kann sein, aber das analysiere ich nicht. Es ist auch schwer, zu sagen, ich habe diese Songs ja alle nicht geschrieben. Es sind nicht meine Gefühle, ich bin nur der Interpret. So was mache ich ja eigentlich nicht, interpretieren. Frank Sinatra, der mir ziemlich egal ist, war ein klassischer Interpret. Der hat doch nie einen Song geschrieben, soweit ich weiß. Und die Leute waren immer hin und weg von seiner Musik, was mir etwas rätselhaft war, weil es nun mal nicht seine Songs waren. Es hieß immer: Was er alles erlebt haben müsse, um diese Songs so singen zu können! Aber er hat sie dummerweise alle nicht geschrieben. Was soll das Gerede also? Was ist da der Punkt? Man sollte einen Song schon geschrieben haben.

ZEIT: Wann haben Sie denn zuletzt einen geschrieben?

Jagger: Letzte Nacht. Aber ob Sie den jemals hören werden, weiß ich noch nicht. (lacht) An unserem eigenen neuen Album arbeiten wir natürlich weiter.

ZEIT: Werden Sie mit den Blues-Songs auf Tour gehen?

Jagger: Es gibt derzeit keine Pläne. Das Problem ist, dass das keine Musik fürs Stadion ist, sondern nur für sehr kleine Clubs taugt.