Nicht jeder Kriminalroman passt unter den Weihnachtsbaum. Die Geschichte der Nita Tehri schon. Sie beginnt mit einem Bild der Täuschung. "Könnten wir Nita Tehri beim Schlafen zusehen, bekämen wir vermutlich einen ganz falschen Eindruck." Nämlich den einer jungen, modernen Frau, die zufrieden und entspannt in ihrer kürzlich erworbenen Eigentumswohnung am Flussufer ausruht. Doch innere Zufriedenheit, Entspannung und Ruhe sind nicht die Seelenzustände, die Liza Cody ihren Frauenfiguren zugesteht. Denn Frieden und Entspannung sind in dieser Welt für Frauen schwer zu haben. Besonders für die mit dunkler Hautfarbe.

Miss Terry ist nur scheinbar angekommen. Sie ist beliebt in der Grundschule, in der sie unterrichtet, der Small Talk mit den Nachbarinnen in der Guscott Road plätschert, und Krankenpfleger Harris Searle kommt ihr zuverlässig vor. Das Kartenhaus ihrer rosigen Selbsttäuschung beginnt zu bröckeln, als im Container vor ihrem Haus der tiefgefrorene Leichnam eines Neugeborenen gefunden wird. Die Polizei taucht auf, will Nita Tehris DNA testen, fragt impertinent nach ihrem Familien- und Sexleben. Dass ihre dunkle Hautfarbe und der unaussprechliche Name ihren sozialen Status in der Wahrnehmung der Nachbarn und der Polizei deutlicher bestimmen als ihr britischer Pass, realisiert sie erst, als der Schulleiter sie suspendiert. Was die Yellow Press von den Dächern pfeift, hat Nita noch nicht mal begriffen: Sie wird des Kindsmords verdächtigt. Das tote Mädchen war schließlich dunkelhäutig wie sie und lag vor ihrer Tür. Und als Nita vor einiger Zeit ihre neue Wohnung bezog, war sie erkennbar dicker als jetzt.

Liza Cody zerreißt Schicht um Schicht den Kokon aus Anpassung, mit dem Nita sich zu schützen glaubt. Dass sie lieb ist, sogar rassistischen Polizisten Tee kocht, immer höflich bleibt, sehr gut Englisch spricht, den Müll sortiert – all diese Assimilationsleistungen entpuppen sich als Selbsttäuschung. Wie Eva Wylie, die sprachlose Catcherin, und die verstummte Lady Bag – andere grandiose Frauenfiguren dieser größten aller lebenden britischen Kriminalschriftstellerinnen – muss auch Nita kämpfen lernen. Sie wird beinahe vergewaltigt, verliert ihr Vermögen, wird getäuscht und fast verhaftet. Manchmal ist sie – verstoßen von ihrer eigenen Familie und deren ebenso menschenverachtender patriarchaler Moral – so allein, dass man schützend die Hand über sie halten möchte. Wie Dickens’ Weihnachtsgeschichten kommt Liza Codys Miss Terry zur rechten Zeit, eine herzergreifende, kluge Erzählung von Selbstertüchtigung und Mut in finsteren Zeiten.

Liza Cody: Miss Terry. Aus dem Englischen von Grundmann & Laudan. Ariadne im Argumentverlag, Hamburg 2016; 284 S., 17,– €