Ist da jemand?

Ein Flur, graugelbe Wände, graues Linoleum. Und neun Türen. Hinter einer hat Sebastian Kurtenbach gewohnt. In der Mikrowelle hat er sich Essen aus der Dose warm gemacht, er hat auf einer Matratze auf dem Boden geschlafen, auf dem Balkonstuhl mit dem gestreiften Polster gesessen, auf die Häuser geschaut und auf die Menschen: Chorweiler, Hochhaussiedlung am Rande Kölns, 13.000 Einwohner, mehr als 40 Prozent leben von Hartz IV. Hier wohnt kaum einer freiwillig. Sebastian Kurtenbach aber doch. Er ist mit Absicht hergezogen. Er wollte erforschen, was wir alle zu kennen glauben: Nachbarn.

Nachbarn sind ein Paradox: Fast niemand kann sie sich aussuchen, doch sie kommen einem so nah wie kaum jemand sonst. Mit den meisten Nachbarn teilt man wenig mehr als die Wand oder den Zaun. Nachbarn sind dauernd da, das macht sie so nervig – und so wertvoll. Nachbarn seien soziales Kapital, schreibt der amerikanische Soziologe Robert Putnam, und wer soziales Kapital besitze, lebe länger und glücklicher. Sie sind aber auch soziale Kontrolle: "Was sollen bloß die Nachbarn denken?" Nachbarn treiben einen in den Wahnsinn mit ihrem Lärm, ihren Essens- oder Zigarettendüften, den Streitereien und der Klospülung nachts um halb zwei. Aber es sind auch die Nachbarn, denen man den Wohnungsschlüssel anvertraut, die Pflanzen, die Hauskatze und manchmal sogar das Kind. Das gehört zum Idealbild des "guten Nachbarn": Man kennt sich, man hilft einander, man passt auf.

Davon war Kurtenbachs Nachbarschaft in Chorweiler weit entfernt. "Ich habe von meinen Nachbarn sehr viel gehört, aber wenig gesehen", sagt der Sozialwissenschaftler. Die Wände in dem elfstöckigen Haus an der Osloer Straße 5 sind dünn. "Man hört, was Menschen eben so machen. Besonders im Bad, da schallt es aus den anderen Bädern." Erfahren habe er aber kaum etwas. Das ältere Pärchen links kam aus Polen und hatte einen kleinen, dicken Hund. Der junge Mann rechts arbeitete viel und war selten zu Hause. Eine beengte, aber keine enge Nachbarschaft, wie es zahllose gibt, nicht nur in Chorweiler.

Als Soziologen interessierte Kurtenbach vor allem das Allgemeingültige: Er wollte herausfinden, wie sehr eine Nachbarschaft die Menschen beeinflusst. Wirken sich heruntergekommene Gebäude, Schmierereien, herumliegender Müll auf das Verhalten aus? Führt der physische Verfall zum sozialen Verfall? Das nämlich besagt die populäre Broken-Windows-Theorie der amerikanischen Politik- und Sozialwissenschaftler James Wilson und George Kelling. Sie ist höchst umstritten, auch weil es kaum belastbare empirische Belege gibt. Entsprechend kritisch startete Kurtenbach sein Experiment: "Ich bin fest davon ausgegangen, dass ich die Theorie widerlegen würde."

Er suchte sich klar definierte Stationen in der Siedlung und fing an zu beobachten, an jedem Ort 15 Minuten, sechsmal am Tag, vier Tage die Woche, zwei Monate lang. Jetzt sitzt Kurtenbach auf einer blauen Metallbank am Spielplatz vor dem Haus Osloer 5, ein ehemaliger Beobachtungspunkt. Das Haus ist heruntergekommen, der Spielplatz nicht mehr als verdreckter Sand. "Hier sind Kinder zu mir gekommen und haben gefragt: Sollen wir dir zeigen, wo immer die Spritzen herumliegen?", erzählt Kurtenbach.

Nur 150 Meter entfernt liegt der zweite Beobachtungspunkt, vor dem 373-Stufen-Haus: Es ist das höchste in Chorweiler, 23 Stockwerke, ein gewaltiger Klotz aus Waschbeton. Und doch wirkt es freundlicher, an einigen Balkonen kleben Blüten aus Plastik wie riesige Prilblumen.

Noch einmal 150 Meter weiter der dritte Beobachtungspunkt, in einer Art Idyll: leuchtend gelb und hellblau gestrichene Häuser inmitten kleiner Gärten – die Bumerang-Siedlung. Ihr Grundriss ähnelt der Form des Wurfgeräts.

Macht die Stadt verrückt?

In allen drei Siedlungen übernimmt wenn nötig die Agentur für Arbeit die Miete. "Das war sehr wichtig für mein Projekt", sagt Kurtenbach. Denn sonst sei es kaum möglich, die Ursachen für Unterschiede im Verhalten der Nachbarn festzumachen. Liegen sie im Umfeld? Oder doch eher im sozialen Status? Das ist die größte Schwierigkeit in der Nachbarschaftsforschung: die Effekte der Umgebung vom sogenannten Selektionseffekt zu trennen – dem Phänomen also, dass es bestimmte Menschen in bestimmte Viertel zieht.

Ein fast perfektes Forschungsszenario: drei aneinandergrenzende, höchst unterschiedliche Siedlungen, in denen sich der sozioökonomische Status der Bewohner nur wenig unterscheidet.

1.557 einzelne Beobachtungen hat Kurtenbach in Chorweiler gesammelt, 1.557 kleine Einblicke in die Nachbarschaft. Das Ergebnis ist eindeutig: An der Osloer Straße 5 beobachtete der Forscher alltäglich abweichendes Verhalten, vom harmlosen Spucken auf den Boden bis hin zu echten Gewalttätigkeiten: "Besonders aufgefallen ist mir, wie oft Erwachsene rüde mit Kindern umgingen."

Sein krassestes Erlebnis zeigte, wie alltäglich für viele Kinder dort die Utensilien für Drogenkonsum sind. Ein Junge im Grundschulalter versuchte, einen Pfirsich zu entkernen. Weil es ihm nicht gelang, fragte er die anderen Kinder: "Wo ist die Nadel?", und suchte im Sand. "Als er nichts fand, schleuderte er den Pfirsich wütend gegen das Klettergerüst."

Am 373-Stufen-Haus dagegen beobachtete Kurtenbach so etwas nicht. "Da war Rauchen das einzige abweichende Verhalten", berichtet der Forscher. "Ganz ähnlich in der Bumerang-Siedlung."

Nachbarschaft hat offenbar erheblichen Einfluss auf das Verhalten der Menschen – an der Broken-Windows-Theorie ist etwas dran. "Natürlich macht eine weggeworfene Bierdose noch nicht kriminell", betont Kurtenbach. "Aber physische Unordnung trägt auf Dauer dazu bei, abweichendes Verhalten zu legitimieren." Mehr noch, die Anpassung an das Umfeld – und an das Verhalten der anderen – helfe Menschen, eine Empfindung zu vermeiden, die sie stresst wie kaum etwas: kognitive Dissonanz. So nennen Psychologen das unangenehme Gefühl, das entsteht, wenn verschiedene Wahrnehmungen oder Normen nicht zusammenpassen. "Ich bin ein ordentlicher Mensch – aber jetzt lebe ich (gezwungenermaßen, weil das Geld nicht reicht) in einer unordentlichen Gegend." Weil solche Widersprüche innere Not verursachen, versuchen Menschen, sie zu reduzieren.

Die Ansteckungseffekte unter Nachbarn müssen aber nicht unbedingt schädlich sein. Das fand der amerikanische Evolutionsbiologe David Sloan Wilson in Binghamton im Bundesstaat New York heraus. Er befragte Schüler danach, wie häufig sie anderen Menschen helfen und wie oft sie selbst Unterstützung erfahren. So entdeckte er, dass die Menschen in einigen Vierteln hilfsbereiter waren als in anderen. Das Spannende aber: Wenn Schüler aus einem weniger sozialen in einen sozialeren Stadtteil umgezogen waren, passten sie sich an – die neue Nachbarschaft machte sie hilfsbereiter!

Das soziale Klima einer Nachbarschaft kann sich sogar auf die Gesundheit der Bewohner auswirken. Wer sich mit den Nachbarn unwohl fühlt, leidet stärker an Schmerzen, Asthma oder Depressionen, das zeigen diverse Studien. Das kann zum einen schlicht daran liegen, dass man seltener vor die Tür geht, weil einem das Umfeld nicht behagt. Dann bleiben sowohl die körperliche Fitness als auch die sozialen Kontakte auf der Strecke. Zum anderen verursachen unangenehme Nachbarn und eine ungemütliche Nachbarschaft erheblichen Stress – und der kann viele Leiden verschlimmern, gerade psychische.

Macht die Stadt verrückt? Es spricht einiges dafür

Tatsächlich tragen Menschen, die in der Stadt leben, ein höheres Risiko, psychisch krank zu werden, als Landbewohner. Besonders krass ist der Unterschied bei der Schizophrenie, hier ist das Risiko für Städter doppelt so hoch. Macht die Stadt also verrückt? Einige Wissenschaftler bezweifeln das, sie glauben vielmehr, dass hier ein Selektionseffekt am Werk ist: dass eben Menschen, die anfällig sind für psychische Störungen, in die Stadt ziehen, vor allem in ärmere Viertel. Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, widerspricht: "Es gibt eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung: Je länger jemand in der Stadt lebt und je größer die Stadt ist, desto höher ist das Krankheitsrisiko." Er vermutet, dass die Ursache sozialer Stress ist. In einem Experiment konnte er zeigen, dass Städter heftiger darauf reagieren: Ein Gehirnbereich, der in Gefahrensituationen anspringt und die Angstreaktion steuert, ist bei ihnen aktiver.

Doch was genau stresst da? Zwei Forschungsprojekte sollen dem auf den Grund gehen. Seit zwei Jahren statten Mitarbeiter von Andreas Meyer-Lindenberg Probanden in Mannheim und Umgebung mit mobilen Geräten aus, die jeweils über eine Woche aufzeichnen, wo sich die Testpersonen aufhalten, und die sie regelmäßig nach ihrem Gemütszustand befragen. So wollen die Forscher Zusammenhänge aufspüren. An dem Versuch haben inzwischen mehr als 400 Personen teilgenommen. Die ersten Ergebnisse sollen bald publiziert werden, weshalb Meyer-Lindenberg noch nichts verraten will. Nur so viel: "Wir sehen deutliche Zusammenhänge zwischen Aufenthaltsort, Wohlbefinden und Hirnfunktion."

Eine "Gewaltressource erster Ordnung"

Ein ähnliches Experiment läuft jetzt in Berlin an, mitmachen kann jeder, der die entsprechende App auf seinem Handy installiert. Die meldet sich, wenn der Teilnehmer bestimmte Orte passiert, und fragt, wie angespannt er sich jetzt fühlt. Initiiert hat das Projekt Mazda Adli, Stressforscher an der Charité und Psychiater an der Fliedner Klinik. "Stadtstress entsteht wahrscheinlich durch die Kombination von sozialer Dichte und sozialer Isolation", vermutet er. Da könnten Stadtplaner Abhilfe schaffen: "Die Architektur sollte Menschen dazu motivieren, mehr Zeit vor der Haustür zu verbringen, damit sie in Kontakt kommen. Und sie sollte dafür sorgen, dass diese Zeit möglichst angenehm verläuft."

Wie das gelingt, weiß Dietrich Fink, Professor für Städtische Architektur an der Technischen Universität München: Er spricht vom "Zauber des Zwischenraums". "Zwischenräume sind das Wertvollste – in einem Haus, in einem Viertel, in der ganzen Stadt", sagt er. "Sie vermitteln zwischen privater und öffentlicher Sphäre, und sie schaffen die Gelegenheit für Begegnungen, und zwar für zufällige, freiwillige."

Der Zauber des Zwischenraums entsteht aus tausend Zahlen, schon bei einem simplen Treppenhaus: Höhe der Stufen, Länge der Stufen, Breite der Stufen, Größe der Treppenabsätze und so fort. "Die Breite einer Treppe ist entscheidend dafür, ob ich stehen bleibe und ein paar Worte mit meinem Nachbarn wechsle oder schnell in meine Wohnung husche", sagt Fink. Ähnliches gelte für die ganze Stadt. "Was wir an einer Stadt wie Rom lieben, sind nicht die Häuser, sondern die Räume dazwischen, die Plätze."

Zu viel Platz darf es allerdings auch nicht sein. Denn wird der Zwischenraum zu groß, ist er bloß noch Raum, und der Mensch verliert sich. "Es braucht schon eine gewisse Dichte, die macht die Stadt attraktiv und kreativ", sagt Fink. Dichte an sich verursache auch keine Konflikte. "Am meisten gestritten wird doch nicht in dichten Stadträumen, sondern in Einfamilienhaussiedlungen." Das liege an einem Mangel an Zwischenräumen. Wo fast alles privat ist, wird der Raum zum Revier.

Auch handele es sich bei der Nachbarschaftsgrenze um eine ganz besondere Grenze, deshalb eskaliere der Streit unter Nachbarn so leicht, meint Jan Philipp Reemtsma, der Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Sie ähnele nämlich der Körpergrenze: "Die Wohnung wird körperähnlich wahrgenommen, wie jeder weiß, bei dem einmal eingebrochen worden ist. Die Reaktionen auf Einbrüche sind stets dieselben: Verstörtheit, Hilflosigkeit, Scham, Ekel bis hin zum Bedürfnis, zuallererst den Körper zu waschen." Verletzt der Nachbar diese Grenze, geht uns das unter die Haut. Nachbarschaft sei deshalb eine "Gewaltressource erster Ordnung", schreibt Reemtsma in einem Aufsatz. Im Extremfall führt das zu Mord und Totschlag. Im nicht ganz so extremen Fall landet der Streit um den Gartenzwerg vor dem Richter.

Für den Architekten Dietrich Fink jedenfalls ist das Einfamilienhaus eines der größten stadtplanerischen Übel, nicht nur weil es Streit heraufbeschwört, sondern auch weil es ökologisch nicht nachhaltig ist: "Ich hoffe, das Einfamilienhaus stirbt bald aus!"

Das dürfte dauern. 35 Kilometer von der Hochhaussiedlung Chorweiler entfernt liegt eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Nordrhein-Westfalens, das Vogelruther Feld in Kerpen-Sindorf. Einfamilienhaus reiht sich an Einfamilienhaus. "Hier wiederholt sich die Entwicklung der siebziger und achtziger Jahre", sagt Sozialwissenschaftler Kurtenbach. Damals entstand direkt nebenan ebenfalls ein Neubaugebiet, inzwischen sind die Bewohner dort gemeinsam gealtert, die Straßen und Spielplätze sind wie ausgestorben.

Am Rande dieser Häuserplantage ist Kurtenbach aufgewachsen, auch sein Elternhaus ist ein Einfamilienhaus. Es steht in einer der ältesten Straßen Sindorfs. Angelika Kurtenbach, die Mutter, hat Zitronenkuchen gebacken und Kaffee gekocht, der Sohn schenkt auf der Terrasse ein. "Zu den Nachbarn rechts hatten wir viel positiven Kontakt, zu denen links viel Kontakt", sagt er und grinst seine Mutter an.

"Stimmt", sagt die. "Aber die Frau links war schon herzensgut."

"Auf jeden Fall."

"Unsere Nachbarin hat uns gerettet."

"Das Problem war, dass sie dauernd redete." Angelika Kurtenbach lacht. In ihrer Nachbarschaft halte man eher freundliche Distanz, sagt sie. Das sei die Voraussetzung dafür, über Jahrzehnte miteinander auszukommen, ihre alteingesessenen Nachbarn wüssten das: "Die wohnen seit Generationen Tür an Tür." Hier lasse sich der Normalfall der Nachbarschaft besichtigen, sagt Sebastian Kurtenbach mit dem Blick des Sozialwissenschaftlers: "Man kennt sich, und man grüßt sich." Das war’s.

Das Idealbild des "guten Nachbarn", das vielen im Kopf herumgeistert – man hilft sich gegenseitig, man achtet aufeinander, man feiert zusammen –, stammt wahrscheinlich aus den Arbeitervierteln der 1950er und 1960er Jahre. Da gab es keine großen sozialen oder ethnischen Unterschiede, aber ein gemeinsames Ziel: den Aufschwung. "Diese Phase dauerte nur zehn, höchstens zwanzig Jahre", sagt Kurtenbach. "Aber sie hat unser Nachbarschaftsideal geprägt."

Vor der Industrialisierung war Nachbarschaft schlicht Notwendigkeit und Schicksal. Der Nachbar war einfach der "nahe Bauer" – daher stammt das Wort. Man war denselben Nöten und Zwängen unterworfen und aufeinander angewiesen. Die Kombination aus Abhängigkeit und Kontrolle gilt heute als Horrorvision der Nachbarschaft.

Wie wichtig gute Nachbarn auch jetzt noch sein können, hat der Politikwissenschaftler Daniel Aldrich erfahren. Er war gerade umgezogen und hatte seinen neuen Job an der Tulane University in New Orleans angetreten, da klopfte seine Nachbarin frühmorgens an die Tür: Er möge mit seiner Familie besser die Stadt verlassen, der angekündigte Hurrikan sei wirklich ernst zu nehmen. "Wir hatten keine Ahnung von Hurrikans", sagt Aldrich. "Aber diese Nachbarin kannten wir schon, und wir wussten, dass sie seit Langem dort wohnt." Kurz nachdem der Forscher mit Frau und Kindern geflohen war, traf Katrina New Orleans, die Dämme brachen, 1.800 Menschen starben. Die Aldrichs verloren all ihr Hab und Gut, aber nicht ihr Leben. "Unsere Nachbarin hat uns gerettet."

Als Aldrich nach New Orleans zurückkehrte, begann er zu erforschen, was Menschen in Katastrophen schützt. Er untersuchte das Erdbeben in Kobe 1995, den Tsunami im Indischen Ozean 2004 und den in Japan 2011 und natürlich Katrina. Heute, elf Jahre nach seiner persönlichen Katastrophe, ist seine Antwort eindeutig: die Nachbarn. "Sie sind die Ersten, die vor Ort sind, und sie kennen sich aus", sagt er. "Sie wissen, wo sie Verschüttete suchen müssen. Auf dem Dorf wissen sie sogar, wo das Bett des Nachbarn steht." Doch es geht um mehr als bloße räumliche Nähe, fand Aldrich heraus: Beim Tsunami 2011 kamen in jenen Kommunen, in denen sich die Nachbarn vertrauten, deutlich weniger Menschen um. Und unter den Anwohnern, die aufgrund der Reaktorkatastrophe in Fukushima evakuiert werden mussten, litten diejenigen weniger unter seelischen Problemen, die gute Nachbarn hatten. "Die beste Katastrophenvorsorge wäre, nicht nur in Deiche zu investieren – sondern in gute Nachbarschaft."

Aber was ist das, gute Nachbarschaft? Gibt es überhaupt noch Nachbarschaften, die dem Idealbild entsprechen? Ja, meint Sebastian Kurtenbach. Zwei Beispiele hat er bei seinen Forschungsaufenthalten gefunden. Stolipinowo, das größte Roma-Ghetto Europas in Plowdiw, Bulgarien: 45.000 Menschen auf 1,5 Quadratkilometern, heruntergekommene Hochhäuser und illegale Behelfswohnungen, Strom nur nachts für sechs Stunden, offene Abwasserkanäle. Und 7de Laan, eine Township im Norden Windhoeks, Namibia: Täglich kommen hier neue Bewohner verschiedenster Ethnien an, sie wohnen in Wellblechhütten auf staubigem Grund. "In beiden Siedlungen helfen die Menschen einander viel", sagt Kurtenbach. "Tatsächlich ist die soziale Praxis in beiden Vierteln erstaunlich nah an dem Idealbild der Nachbarschaft aus den Fünfzigern."

Den meisten Deutschen geht es zu gut für eine gute Nachbarschaft

Offenbar wünschen sich zwar viele Deutsche die Nachbarschaft von früher zurück – aber keinesfalls die Umstände, unter denen sie entsteht. Anders gesagt: Den meisten geht es schlicht zu gut für die gute, alte Nachbarschaft. Doch wie soll die Nachbarschaft von morgen aussehen? Vielleicht lässt sich ein Blick in diese Zukunft ausgerechnet in einer Stadt erhaschen, in der den meisten der Nachbar ganz abhandengekommen ist: in Detroit. 1970 wohnten hier 2,7 Millionen Menschen, heute sind es noch gut 700 000. In vielen Blocks sind bloß noch ein paar Häuser bewohnt. Bombed out nennen die Einwohner den Zustand: ausgebombt. Auch hier hat Kurtenbach geforscht. Gewohnt hat er diesmal in einem schicken Viertel. Dort gab es einen Nachbarschaftsverein – wie in fast allen Vierteln, schick oder nicht. "Community work gehört dort einfach dazu", sagt Kurtenbach. "In den USA übernimmt der Staat immer weniger Aufgaben, deshalb sind die Bürger stärker gefragt. Die organisieren sich eben in der Nachbarschaft."

Und das tun sie zunehmend auch in Deutschland, beobachtet Erdtrud Mühlens. Auch sie erfuhr den Wert der Nachbarschaft im Extremfall. Im Urlaub in Sri Lanka geriet sie 2004 in den Tsunami und beobachtete, wie sich die Dorfbewohner gegenseitig halfen, wie sie ihr Leben riskierten, um das der anderen zu retten. "Das Netzwerk dort hat funktioniert." Als sie nach Hamburg zurückgekehrt war, gründete sie das Netzwerk Nachbarschaft. Über das Internetforum können sich Nachbarn zusammentun und austauschen. Da geht es mal um die Organisation eines Straßenfests, aber auch um Baugenehmigungen und Fördergelder. "Eine der Initiativen hat sogar eine Straße gebaut, das war billiger, als die Gebühren an die Gemeinde zu zahlen", erzählt Mühlens. Das Netzwerk begann mit 230 Initiativen, heute sind es mehr als 2000, mit 180.000 Mitgliedern. "Die Nachbarschaftsbewegung erstarkt", sagt sie. "Die Leute wollen sich mehr engagieren und mehr selbst gestalten." Andere Projekte springen auf den Trend auf und versuchen, Nachbarn online zu vernetzen – von nebenan.de bis zu wirnachbarn.com. Wenn Arbeitszeiten und Lebensmodelle höchst unterschiedlich sind, finden Nachbarn eben manchmal schneller über das Internet zusammen als über den Hausflur.

Mehr Einsatz und Arbeit als früher

Einige Menschen wünschen sich ein noch dichteres Netz: Sie bauen gleich gemeinsam – ein Haus oder eine ganze Siedlung. "Diese Leute möchten engere soziale Kontakte, als sie normalerweise unter Nachbarn üblich sind", sagt Micha Fedrowitz vom Landesbüro innovative Wohnformen in Bochum. "Wer das macht, will eine verlässliche Nachbarschaft, in der er auf die Unterstützung der anderen zählen kann." Fedrowitz hat für das Leibniz-Institut für Länderkunde gemeinschaftliche Wohnprojekte untersucht. Besonders Städter reizt diese neue Form der Nachbarschaft: "Offenbar wollen immer mehr Menschen zwar in der Stadt leben, aber nicht vereinzelt." Allein unter den fast 500 Projekten, die Fedrowitz untersucht hat, stieg die Zahl der Gründungen zwischen 2000 und 2010 um 75 Prozent. Und in letzter Zeit habe die Nachfrage noch weiter zugenommen, sagt der Raumplaner. Wer gemeinsam baut, tut das auch aus ganz pragmatischen Gründen, etwa weil er Geld spart und bei der Planung mitreden kann. Aber er erwirbt darüber hinaus ein seltenes Privileg: Er kann sich seine Nachbarn aussuchen.

Ob gemeinsames Wohnen oder Treffen per Internet – viele Nachbarn rücken im Alltag enger zusammen. Und vielleicht zahlt sich das auch im Notfall aus. Zwar drohen hier keine Erdbeben oder Tsunamis. Aber es lauern einige Herausforderungen: Die Menschen werden älter und die Familien verstreuter. Da ist es gut, wenn jemand in der Nähe ist, den man kennt und dem man vertraut. Gleichzeitig sind die Nachbarschaften heute aber längst nicht mehr so homogen und beständig wie jene, aus denen das Idealbild stammt. Und sie werden noch unsteter werden. "Gute Nachbarschaft" wird deshalb in Zukunft mehr Einsatz und Arbeit bedeuten als früher.

Kein Wunder, dass sich nun viele um die Nachbarschaft bemühen: Das Bundesbauministerium will den Zusammenhalt im Viertel fördern, mit der Kampagne "Mehr Platz für Miteinander: Du bist die Stadt". Auch in Chorweiler soll der zentrale Platz neu gestaltet werden, zwei knallgelbe Container stehen schon dort. Hier können die Bewohner ihre Ideen und Wünsche, aber auch ihre Beschwerden und Befürchtungen mitteilen und darüber diskutieren. Und die AOK startet zusammen mit dem Netzwerk Nachbarschaft das Pilotprojekt "Gesunde Nachbarschaften". Die Krankenkasse unterstützt Nachbarn, die älteren Bewohnern im Alltag beistehen. "Das schützt vor Vereinsamung und kann älteren Menschen ermöglichen, länger zu Hause zu bleiben", sagt Günter Wältermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg. "Gelebte Nachbarschaft ist gut für die Gesundheit."

Nachbarn auf Rezept also? Lieber nicht. Man sollte das Netz der Nachbarn nicht überstrapazieren. Zurück zur alten Zwangsgemeinschaft "nahe Bauern" will wohl niemand. Und zur Idylle der Fünfziger auch nicht. Das Rezept für die gute Nachbarschaft der Zukunft lautet: gemeinsam – aber freiwillig.