DIE ZEIT: Herr Riecke, Sie sind seit 31 Jahren Amtsrichter im Hamburger Stadtteil Blankenese. Fast jede Woche landen Nachbarschaftsstreitigkeiten auf Ihrem Schreibtisch. Fangen wir mal persönlich an: Wie oft streiten Sie sich mit Ihren Nachbarn?

Olaf Riecke: Nie. Aber ich habe mal Nachbarn wegen rechtswidriger Baumaßnahmen zu deren Beseitigung verurteilt.

ZEIT: Was hatten sie denn falsch gemacht?

Riecke: Der eine Nachbar hatte einen Carport mit Gerätehaus gebaut, der zu groß war. Der andere Nachbar verklagte ihn, weil seine Küche keine Sonne mehr abbekam. Obwohl Kläger und Beklagter meine Nachbarn waren, musste ich den Fall entscheiden.

ZEIT: Wie haben Sie geurteilt?

Riecke: Der Beklagte musste den Carport abbauen. Er kam dann zu mir und fragte: Muss ich das wirklich? Ich sagte: Ja. Das hat er leider nicht gemacht, sondern ging in die zweite Instanz, zum Landgericht. Die Berufungskammer hat auch entschieden: abbauen. Das hat er erneut ignoriert. Dann kam der Gerichtsvollzieher mit zwei Handwerkern und hat den Carport "ebenerdig" gemacht.

ZEIT: Hat das den sozialen Frieden in der Straße beeinträchtigt?

Riecke: Nein. Wir grüßen uns immer noch freundlich.

ZEIT: Über eine halbe Million Gerichtsverfahren mit zerstrittenen Nachbarn finden jährlich in Deutschland statt. Erzählen Sie mal aus Ihrer täglichen Praxis: Was für Fälle sind das?

Riecke: Bei uns am Amtsgericht Blankenese geht es oft um herüberwachsende Bäume und Wurzeln. Wenn ein Grundstück zuwächst und man zwei Quadratmeter weniger Elbe sieht, verliert es sofort an Wert. Da achtet der Oberlieger am Elbhang peinlichst darauf, dass der Untere seine Bäume nicht zu hoch wachsen lässt. Ansonsten stört gern auch der Laubfall. Der eine hat einen großen Baum. Der andere ärgert sich, dass der ganze Dreck in seiner Dachrinne landet. Neulich hatte ich einen Fall, weil sich ein Kläger über eine Fahne auf dem Nachbargrundstück beschwerte.

ZEIT: Was war das Problem?

Riecke: Die Fahne spiegelte sich in seinem Wohnzimmerschrank.

ZEIT: Es gibt in vielen Nachbarschaftsstreitigkeiten ja so etwas wie einen stillen Hauptdarsteller: den Gartenzwerg. Sie haben dazu einen Aufsatz in einer Eigentümer-Zeitschrift veröffentlicht. Titel: Die Gartenzwerge – ein nationales Problem. Sie unterscheiden drei Typen des Gartenzwergs: den Arbeitszwerg mit Schippe, den faul herumliegenden Freizeitzwerg und den musizierenden Kulturzwerg.

Riecke: Der berühmteste Gartenzwerg hat es in Hamburg durch drei Instanzen geschafft, bis zum Oberlandesgericht. Eine Frau verklagte ihren Nachbarn, weil er im gemeinsam genutzten Garten zwei Zwerge aufgestellt hatte. Sie begründete ihre Klage damit, dass Gartenzwerge ein Symbol der Engstirnigkeit und Dummheit seien.

ZEIT: Bekam sie recht?

Riecke: Ja, das Oberlandesgericht urteilte im Sinne der Klägerin. In der Begründung hieß es, dass die Gartenzwerge trotz ihrer geringen Abmessungen durch ihre leuchtend roten Zipfelmützen zu sehr auffallen. Eine überzogene Entscheidung, finde ich. Aber, um es mit Karl Kraus zu sagen: Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.

ZEIT: Die Zwerge mussten weg.

Riecke: Es tauchten dann allerdings neue Zwerge auf, im Fenster des Unterlegenen. In überdimensionierter Form. Die konnte keiner verbieten.