Draußen saust novembergrau das Land vorbei, als Navid Kermani im ICE irgendwo zwischen Köln und Frankfurt seinen Laptop aufklappt. Auf dem Bildschirm flimmern die ersten Absätze der Rede, die der Schriftsteller und Orientalist am Sonntag zur Verleihung des Dönhoff-Preises halten will.

Sie beginnt, wie häufig bei Kermani, als Reisereportage. In wenigen Zeilen entführt er den Leser in ein raues, ländliches, ziemlich idyllisches Amerika – Vermont, Maine, New Hampshire. Kermani war dort für ein paar Monate mit seiner Familie, und er beschreibt die Menschen, die er während dieser Reise traf, zugewandte Leute, die ihn sofort in ein Gespräch verwickelten. Und ebendiese Menschen, das hat Kermani nun in den Wahlstatistiken nachgeschaut, müssen massenhaft Trump gewählt haben.

Lange, erzählt Kermani im ICE, habe er nach diesem Anfang gesucht, nach etwas, was er in seiner Dönhoff-Rede sagen könne, das er nicht schon überall gelesen habe. Über Trump, über den Brexit, über den Aufstieg der Populisten. Was treibt diese Amerikaner an, die ihn so herzlich empfangen haben? Was hat er überhört im Gespräch mit ihnen? Seit der Wahlnacht fragt er sich immer wieder: Was kann ich tun?

Man müsse jetzt das Meinen herunterfahren, sagt er, und mehr beobachten, aufnehmen, nachfragen. Er will gerade keinen neuen Roman schreiben, sein jüngster, Sozusagen Paris, ist eben erst erschienen, er will vielmehr seine große Osteuropa-Reise fortsetzen, will auf die Krim und weiter nach Russland. Er will aber auch in Deutschland unterwegs sein, Gespräche suchen, besonders mit denen, die anders denken als er.

Wer in diesen Tagen mit Kermani spricht, spürt so etwas wie Unzufriedenheit mit der bisherigen Wahrnehmung der Welt. "Man kennt nur seinesgleichen", sagt er.

Jutta, die weibliche Hauptfigur seines aktuellen Romans, ist Bürgermeisterin eines namenlosen Ortes in der Provinz, eine sympathische, an ihrer Ehe still verzweifelnde Frau, aber bis zum Ende des Buches bleibt völlig offen, welcher Partei Jutta eigentlich angehört: Ist diese Frau, die sich für Flüchtlinge und eine neue sensorgesteuerte Fußgängerampel an der Umgehungsstraße einsetzt, eine angegrünte Merkel-CDUlerin? Eine verbürgerlichte Grüne? Eine wacker weltoffene Sozialdemokratin?

Kermani lässt die Frage offen, aber es besteht kein Zweifel, dass er ein Unbehagen empfindet an der Verklumpung der Mitte, an dem fraglosen Einvernehmen in diesem Milieu, das auch seines ist. Dieses "gutmeinende Milieu", das jederzeit weiß und signalisiert, wie gutmeinend es ist. Wer von euch, fragt er manchmal seine Freunde, kennt eigentlich Menschen, die nicht so denken wie wir? Die nicht so leben wie wir?

Und die Frage stellt sich ja womöglich immer drängender. Am Sonntag, wenn Kermani den Dönhoff-Preis entgegennehmen wird, werden die Österreicher über einen neuen Bundespräsidenten abstimmen und die Italiener über ein Verfassungsreferendum, von dessen Ausgang Ministerpräsident Renzi sein politisches Schicksal abhängig gemacht hat. Zwei weitere Länder Europas könnten dem Populismus anheimfallen.

Europa, hat Kermani im vergangenen Jahr in seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gesagt, Europa, das sei doch immer noch eine "Verheißung"! Wenigstens für die Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um hierherzukommen. Und schon ein Jahr davor, im Reichstag, beim Festakt zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes, hatte Kermani wütend das Verfassungsgericht kritisiert, weil es die Europawahl "bagatellisiere". Welcher Schriftsteller, fragt er nun im Zug zwischen Köln und Frankfurt, hält denn noch Europa-Reden?