Nebahat Güçlü ist getroffen, aber sie will sich nicht geschlagen geben. Sie will reden, sich erklären. Die fraktionslose Bürgerschaftsabgeordnete hat die ZEIT zum Gespräch in ihr Büro geladen, am Hauptbahnhof zwischen Reisebüros und Internetcafés.

Die 51-Jährige ist in Bedrängnis, mal wieder. Und mal wieder geht es um Bilder, die Nähe zu einem zweifelhaften Milieu suggerieren. Nachdem Güçlü im vergangenen Jahr bei einer nationalistischen türkischen Organisation aufgetreten sein soll, wird nun über ihr Verhältnis zu einem Rockerboss spekuliert.

Mit wenigen Klicks auf Facebook gelangt man zu den Fotos. Sie zeigen Güçlü mit Müslüm C., einem breitschultrigen, in die Jahre gekommenen Boxer. C., der sich selbst The Shark nennt und der vor einigen Monaten zum Norddeutschland-Chef der "Osmanen Germania" avancierte, der, so heißt es, derzeit am schnellsten wachsenden Rockervereinigung des Landes.

Die Osmanen sind Männer mit Glatzen, dicken Oberarmen und Rocker-Kutten, auf denen ihr Motto steht: Kana Kan – "Blut um Blut". Und zwischen Gruppenfotos dieser Männer sieht man Güçlü und C. bei Kerzenschein in einem Restaurant sitzen, C. kommentiert: "Heute ein sehr schöner Abend lecker Essen beim Lieblings Italiener mit Frau Nebahat Güçlü". Man sieht, wie Güçlü in einem Café den Arm um C. legt und wie die beiden, wieder Arm in Arm, in der Handelskammer an einem Stehtisch posieren.

Haben Güçlü und der Rocker also ein wie auch immer geartetes Verhältnis? Oder handelt es sich nur um Schnappschüsse ohne Bedeutung? Es geht in diesem Fall um die Symbolik, die Bilder haben können, und um die Frage, wie sehr man Güçlü diese Symbolik anlasten kann.

Ihren Lauf nahm die Geschichte vor gut zwei Wochen. Da berichtete die Junge Welt über eine Razzia gegen die Osmanen: Bundesweit hatten Polizisten Räume der Rocker durchsucht und Schusswaffen, Munition und Drogen sichergestellt. Gegen Ende des Texts hieß es: "Die Nähe zu starken Männern scheint auch die Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Hamburg, Nebahat Güçlü, zu suchen." Diesen Artikel las Cansu Özdemir, Bürgerschaftsabgeordnete der Linken, und, so sagt sie es, wunderte sich. Özdemir stellte eine Anfrage an den Senat: Welche Rolle spielt Güçlü bei den Aktivitäten der Osmanen Germania?

Die Antwort des Senats fiel schlicht aus: Den Sicherheitsbehörden lägen keine Erkenntnisse über etwaige Verbindungen vor. Das Feuer auf Güçlü war dennoch eröffnet, einige Medien griffen den Fall auf, stellten Mutmaßungen an.

Güçlü gilt ihnen als Wiederholungstäterin. In ihrem Büro kommt die Sprache schnell auf das vergangene Jahr. Im Wahlkampf im Januar 2015 sprach Güçlü bei einem Verein namens Türk Federasyon über Bildungspolitik, nur kurz, aber einige Tage später erschien ein Artikel auf einer türkischsprachigen Website: "Grünen-Kandidatin wirbt um Graue Wölfe". Die Türk Federasyon steht der nationalistischen türkischen Partei MHP nahe, deren Jugendorganisation in den siebziger Jahren die Grauen Wölfe waren. Diesen werden Hunderte politische Morde an Linken in der Türkei vorgeworfen.