Das größte Sportereignis der Welt findet in Deutschland nur noch in einer Nische statt: Bis 2024 werden die Olympischen Spiele nicht mehr von ARD und ZDF übertragen, sondern in den Spartenkanälen Eurosport und Dmax. Zwar sind auch die frei zu empfangen. Doch das Internationale Olympische Komitee schreibt lediglich vor, dass 200 Stunden für alle zugänglich sein müssen – die Öffentlich-Rechtlichen übertrugen aus Rio rund fünfmal so viel im TV und auf ihren kostenlosen Internetplattformen.

Da die deutschen Sofasportler Gewohnheitstiere sind, ist klar, was der Wechsel ins Hinterland der Fernbedienungen bedeuten wird: Die Quoten werden einbrechen, mit weitreichenden Folgen für die deutsche Sportlandschaft, blüht die doch nur dank der Aufmerksamkeit, für die das Fernsehen bislang zuverlässig sorgte.

Ein Computerprogramm soll in Zukunft die Medaillenchancen hochrechnen

Und just in dem Moment, in dem Olympia zur Randsport-Ereignis verkümmert, setzt das neue Förderkonzept für den Leistungssport alles auf – Olympia. Zwei Jahre lang haben die vielen Verantwortlichen in Bund und Ländern darüber gebrütet, wie Deutschlands Beste noch besser werden können; am kommenden Wochenende soll das Ergebnis auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbunds durchgewinkt werden.

Im Kern geht es um die Frage, wer in Zukunft wie viel von den zurzeit 167 Millionen Euro pro Jahr bekommt, die der Bund in seine rund 4.500 Top-Athleten investiert. Das Konzept gibt darauf eine klare Antwort: "vier bis acht Jahre zum Podium". Wer nicht nachweisen kann, dass er in seiner Disziplin innerhalb von zwei Olympiaden einen Medaillengewinner hervorbringt, geht leer aus. Ein computergestütztes "Potenzial-Analyse-System" soll auf der Grundlage von 79 "Attributen" die Medaillenchancen ausrechnen.

Seit 1992, als das Team des wiedervereinigten Deutschlands in Barcelona die zweifelhaften Früchte des DDR-Staatssports erntete und 33 Olympiasieger stellte, schrumpft die Medaillenausbeute kontinuierlich. Das soll so nicht weitergehen, denn, so Innenminister Thomas de Maizière, "weit über den Sport hinaus stehen wir für Leistungsfähigkeit und Exzellenz".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Ein Drittel mehr Medaillen fordert der Minister – schon vor dem Abtauchen Olympias ins TV-Nirwana war diese Vorgabe fragwürdig, denn sie huldigt einzig dem Erfolgsbegriff eines seltsamen Schweizer Vereins namens Internationales Olympisches Komitee. Allein die Tatsache, dass drei Medaillen pro Wettkampf vergeben werden, ist ja reine Willkür – warum sind es nicht fünf oder acht oder nur eine? Bei den ersten beiden neuzeitlichen Spielen gab es nur zwei Medaillen – Silber für den Sieger, Bronze für den Zweiten.

Viel schwerer wiegt freilich etwas anderes. Die Enthüllungen über gedopte Olympioniken und manipulierte Wettkämpfe reißen nicht ab; unablässig muss das IOC Medaillen einkassieren, weil ihre Besitzer betrogen haben. Ohne unlautere Methoden ist olympischer Lorbeer offenbar kaum noch zu erringen. In Rio landeten die Deutschen im Medaillenspiegel auf Rang 5 – übertroffen nur von den Dopinggroßmächten Russland, USA und China sowie den zentralistisch straff organisierten Briten. In diesem schmutzigen Geschäft möchte der deutsche Sport nun noch weiter vorn mitmischen?

Die Bürger, um deren Steuergeld es hier geht, sehen Olympia längst kritisch; zwei am Volkswillen gescheiterte Bewerbungen um die Spiele sind ein deutliches Signal. Mit dem neuen kommerzgetriebenen TV-Deal wird das Interesse noch geringer werden. Olympia kann da keine Richtschnur mehr sein für die künftige Sportförderung.

Warum überhaupt unterstützt der Staat seine besten Sportler? Doch nicht, weil man besser, effizienter sein will als Frankreich oder Italien, wie der Innenminister behauptet. Sondern weil Sport "zentraler Bestandteil unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens" ist, wie es im neuen Förderkonzept ganz richtig heißt.

Die Leistungen der Spitzenathleten sollen zunächst einmal das Publikum begeistern. Im besten Falle vermitteln die Sportler die Bedeutung von Fair Play, Weltoffenheit, Respekt, Gerechtigkeit, Ausdauer und dem Spaß an einer Sache, der man sich bis zur totalen Verausgabung hingibt. Den Erfolg dabei allein an Medaillen zu messen wäre selbst mit Olympia als Dauer-Werbesendung im TV ein Modell von gestern. Die Debatte darüber, welchen Spitzensport das Land sich leisten will, hat gerade erst begonnen.

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