Der Anruf erreichte ihn in den Bergen Österreichs. Johann Scheerer war mit seinen Kindern im Wanderurlaub, März 2014, als sich der Herrenschneider Bent Jensen (Herr von Eden) aufgeregt meldete: Er habe Pete Doherty auf St. Pauli aufgegabelt! Der berühmte, geniale, notorische, unverwechselbare Pete Doherty, Britpop-Wunderkind, Ex-Freund von Kate Moss, Rock-’n’-Roll-Ikone der nuller Jahre – gestrandet in Hamburg! Ob Johann Scheerer helfen könne?

Er konnte. Scheerer ist Betreiber des Clouds-Hill-Studios in Rothenburgsort. Sein Studio hat eine kleine Künstlerwohnung. Und in diese Wohnung zog Doherty bald ein.

Ein britischer Rockstar in Hamburg, wann gab es das zuletzt seit den Beatles? Der Boulevard war begeistert: "So lebt der Skandal-Rocker in Hamburg", berichtete bald nach dem Einzug die Bild, und in der Gala rühmte sich Bent Jensen, dem Star die Stadt gezeigt und ihn neu eingekleidet zu haben: "Wenigstens sitzen seine neuen Anzüge gut." Alle paar Wochen spielte Pete Doherty ein Spontankonzert im Golem am Hafenrand, kam Stunden zu spät, einmal torkelte er und kippte seinen Drink in den Verstärker. Gerät kaputt, Konzert vorbei, die Mopo berichtete. Alles, was der Rockstar tat, war irgendwie sensationell. Auch wenn es tragisch war.

Pete Doherty ist ein Junkie. Oder muss man diesen Satz in der Vergangenheit schreiben: Pete Doherty war ein Junkie? "Im Moment geht es ihm besser", sagt Johann Scheerer. Aber sicher könne man nie sein, wenn es um Peter gehe. Wenn Scheerer über Doherty spricht, nennt er ihn "Peter", ganz deutsch und ein bisschen hamburgisch, mit weichem "t".

Nach ein paar Nächten in der Künstlerwohnung des Clouds-Hill-Studios beschloss Doherty, hier sein neues Album aufzunehmen. "I want to concentrate on my masterpiece", schrieb er in einer SMS an Scheerer. Konzentrieren? Scheerer zuckt mit den Schultern. "Wenn du heroinabhängig bist, gibt es nichts Wichtigeres als Heroin", sagt er. "Pünktlichsein, Nettsein oder Essen, nichts ist wichtiger. Nicht mal Musik ist wichtiger als Heroin."

Rund tausend Tage sind seit dem Anruf im Wanderurlaub vergangen. Tausend Tage, in denen auch Musik entstanden ist. Doch ein Gutteil dieser tausend Tage verbrachten Johann Scheerer und seine Studiomusiker mit Warten, Warten, Warten, Warten und Hoffen. Wo ist Pete Doherty? Schläft er noch, ist er unterwegs, Stoff besorgen? Wird er heute auftauchen?

Manchmal stand er plötzlich vor der Studiotür, blieb für ein, zwei, drei Stunden, schnell aufnehmen, bloß die Gelegenheit nutzen – dann sprang er auf und verschwand wieder, für Stunden, Tage. "Peters Rhythmus ist unberechenbar, in jeder Hinsicht", sagt Scheerer: "Man kann sich nicht mal darauf verlassen, dass er unzuverlässig ist, manchmal ist er auch pünktlich. Man muss einfach da sein, es kann jederzeit losgehen." Ein Superstar an der Nadel, noch dazu ein feindseliges britisches Management, das sich überhaupt nicht dafür interessiert, was sein Kunde ausgerechnet in der Pop-Provinz Hamburg zu suchen hat. "Irgendwann habe ich die Hoffnung fast aufgegeben", sagt Johann Scheerer. "Ich dachte: Das wird nichts mehr."

Es ist doch was draus geworden. Vor wenigen Tagen ist das neue Soloalbum von Pete Doherty erschienen, und er hat es der Stadt gewidmet, in der er es aufgenommen hat. Hamburg Demonstrations heißt das Album, ein Titel, der fast ein wenig trotzig klingt. Als wollte Doherty sagen: Fuck you, ihr habt alle gedacht, ich verrecke auf der Reeperbahn, jetzt hört euch das hier an!

Man hört auf dem Album die Dämonen seines Protagonisten, aber auch seine Zartheit und seine Verspieltheit. "Die Nacht des ersten Lichts, danach kommt nichts, oder?", singt Pete Doherty in gebrochenem Deutsch. Aber was heißt singen? Er raunt, nölt, hangelt sich torkelnd von einem Ton zum nächsten, oft liegt er ein bisschen daneben, aber immer auf eine bezaubernd musikalische Weise, manchmal ist zu hören, wie er seinen Produzenten um Hilfe ruft: "Johänn! Johänn! What the fuck!" Hamburg Demonstrations ist ein warmes, intimes Album geworden, auch über die Freundschaft zweier Männer.

"Eigentlich wollte Peter das ›Album Billwerder Neuer Deich‹ nennen", sagt Johann Scheerer. "Aber das wäre international etwas schwierig gewesen." Billwerder Neuer Deich – dort, in einem alten Rotklinker-Lagerhaus mit Blick auf die Norderelbe, liegt das Clouds-Hill-Studio und die Büros des Labels, auf dem Dohertys Album erscheint.

Alte Röhrenverstärker stapeln sich in den Studioräumen, alles seltene Marken, Selmer, Supro, Echolette. Analoge Synthesizer und Orgeln säumen die Gänge, in den Regieräumen stehen riesige Tonbandgeräte, von denen man bei Wikipedia lesen kann, dass sie in professionellen Tonstudios "nahezu vollständig von digitalen Verfahren verdrängt" worden seien. Nicht so bei Clouds Hill. Wer die Studioräume im vierten Stock des alten Speichers betritt, landet in einer Welt, die es sonst nur noch in Jim-Jarmusch-Filmen gibt: ein vollständig analoges Studio. Und das in einem Zeitalter, in dem die meisten für ihre Musikproduktion nicht viel mehr als einen Laptop brauchen.

Im Studio fühlen sich die Musiker, als hätte es nie eine Krise in ihrer Branche gegeben

Johann Scheerer hat das Clouds-Hill-Studio vor zehn Jahren gegründet, zu einer Zeit, als die Musikbranche längst kein Geld mehr für aufwendige Studioproduktionen ausgeben wollte. Erst kamen Hamburger Künstler, Superpunk, Frank Spilker von den Sternen, auch die Krautrock-Pioniere Faust nahmen hier auf. In England erzählten sie von diesem verrückt altertümlichen Studio – und auf einmal standen Gallon Drunk im Clouds-Hill-Studio, eine britische Alternative-Legende um den ehemaligen Nick-Cave-Gitarristen James Johnston.