* 25. 04. 1950 - † 26. 11. 2016

Nein, an ein Leben nach dem Tod hat der Christ Peter Hintze nicht geglaubt. Die Geschichte mit der Wiederauferstehung, das sei auch so eines der zahlreichen Missverständnisse zwischen Mensch und Gott, die er aufzuklären versuchte.

Als Hintze das klarstellt, im August 2014, die Worte immer schneller, als wolle er sich selbst beim Reden überholen, weiß er, dass er selbst nicht mehr lange zu leben hat. Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass er überhaupt noch hier sitzen kann, Reden halten, Parteitage zähmen und Sitzungen im Bundestag leiten. Worte wie Lazarus, Fluchtod und Eschatologie sprudeln aus ihm hervor, dazwischen geht es um die Zytostatika-Resistenz von Chemotherapien und die Krisen von Angela Merkel. Superheftig. Hintze liebte das Präfix "super". Er strahlte eine leicht zerstreut wirkende Hektik aus, professoren- und jungshaft zugleich. Seit er wusste, wie wenig Zeit ihm noch blieb, hatte er es oft supereilig.

Ein Jahr zuvor war bei ihm Krebs festgestellt worden, eine seltene Art, sehr aggressiv, kommt eigentlich nur bei jungen Frauen vor. Soll das etwa lustig sein? Ausgerechnet ihm, dem Bakterien- und Handystrahlenphobiker mit Flugangst, musste das Schicksal so ein Kontrollversagen im eigenen Körper zumuten.

Hintze ging damit um, wie er mit allem umging, was ihm wichtig war: Er steuerte direkt hinein, frontal, Verstand voran, sezierte die Krankheit und berichtete von Tumormarkern, Krebszellen, die sich im Wasser anders bewegen als andere Zellen, dem Cyberknife, mit dem die Ärzte befallenes Areal ausmerzen. Superinteressant. "Toll, was die Medizin alles kann!", rief er begeistert, nachdem er, wie immer mit hastiger Präzision, einmal durch die eigene Krankengeschichte galoppiert war. Als sei gar nicht er selbst der Patient, sondern ein anderer. Als könne man den Körper mit dem Kopf besiegen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 50 vom 1.12.2016.

Es ging ihm dabei nicht um Verdrängung, vielmehr um Autonomie. Die Autonomie, der Freiheitswille des Menschen, das waren die Anliegen, die den jungen Pfarrer Peter Hintze in die Politik gebracht hatten, nicht als abstrakte Idee, sondern als Gestaltungsauftrag an das Leben. Die Selbstbestimmung wurde zum Thema seines Lebens.

Peter Hintze war Zivildienstbeauftragter, Staatssekretär, Generalsekretär der CDU und Bundestagsvizepräsident. Aber in Wirklichkeit war er noch viel mehr: Peter Hintze hat Angela Merkel das Kanzlersein beigebracht, er war Ausbilder, politischer großer Bruder und Freund einer ganzen Generation von Spitzenpolitikern, den sogenannten jungen Wilden. Er war Kohls schlimmster bester Mann und auf eine Art auch sein Opfer. Er war ein rares Beispiel dafür, dass man beides sein kann, mächtig und loyal, und dass Verstand und Gefühl keine Gegensätze sind.

Peter Hintze ist auch ein Beispiel dafür, dass das Bild, das die Öffentlichkeit von einem Politiker hat, manchmal nicht nur ein bisschen schief ist oder ungerecht, sondern schlicht falsch.

Es gibt in der Politik Erfolge, von denen man sich nicht erholt. Am Ende gewinnt man, hat aber alle politische Kraft verloren. Als sich Norbert Röttgen 2010 im Kampf um den Landesvorsitz in Nordrhein-Westfalen durchsetzte, errang er so einen Sieg. Peter Hintze hatte ihm von der Kandidatur abgeraten, als Vorsitzender der nordrhein-westfälischen Landesgruppe im Parlament, vor allem aber als Freund. Die Leute, warnte Hintze, spürten es, wenn einer nur so tut in der Politik, wenn einer glaubt, er müsse eine Rolle spielen.

Hintze wusste, wovon er spricht. Im Bundestagswahlkampf 1994 hatte er als Generalsekretär für Helmut Kohl die legendäre Rote-Socken-Kampagne entworfen, in der die Kooperation zwischen SPD und PDS in Magdeburg als Modell für den Bund verteufelt wurde. Kohl gewann. Vier Jahre später versuchte Hintze mit dem Plakat "Roter Händedruck" an den Erfolg anzuknüpfen. Kohl verlor, und Hintze trat als Generalsekretär zurück.