Fürs Absurde sorgt das Regime: "Wir sollten nicht so viel Zeit damit verbringen, zu Hause die Probleme der Gesellschaft zu erörtern." Diese "Botschaft des Monats" prangt in Teheran auf Plakatflächen, unter anderem über den Köpfen der Prostituierten vom Straßenstrich in der Takhte-Tavoos-Straße: "Die Verhandlungen gingen schnell; ein Blick, um zu sehen, ob die Ware ihren Preis wert war; eine knappe Unterhaltung durch ein heruntergekurbeltes Autofenster. Im Zuge der Inflation war auch der Preis für käufliche Liebe gestiegen." In dieser Straße zumindest werden keine Probleme der Gesellschaft erörtert, hier wird Sex verkauft. Und das wissen auch alle: die Polizisten, bei denen sich die Frauen nach den gelegentlichen Razzien hin und wieder mit einem Blowjob freikaufen können, die Richter, die routiniert bis zu hundert Peitschenhiebe verordnen, die Auspeitscher, die sich den Koran unter den Arm klemmen müssen, um zu verhindern, dass die Peitsche zu stark trifft. Weil im Falle eines Ehebruchs die Hinrichtung droht, tragen die Prostituierten Sigheh-Bescheinigungen bei sich. Sigheh ist eine Ehe auf Zeit, sie kann zwischen ein paar Minuten und 99 Jahren dauern und steht auch bereits verheirateten Männern offen: "Ein Paradebeispiel für den schiitischen Pragmatismus, das sicherstellt, dass sogar ein Quickie mit einem islamischen Gütesiegel versehen und von Gott gutgeheißen werden kann. Ein korrupter Mullah am Hafte-Tir-Platz handelte mit gefälschten religiösen Dokumenten."

Die britisch-iranische Journalistin Ramita Navai hat mit scharfem Blick für die absurde Herrschaft des prüden Klerus ein hervorragendes Buch über das Leben in Teheran geschrieben. Stadt der Lügen ist Dokufiktion, denn Navai verdichtet anonymisierte Interviews zu acht Erzählungen. Alle acht Biografien spielen sich entlang der zentralen Valiasr-Straße ab, einmal quer durch die Gesellschaft Teherans. Es sind Doppelleben voller Täuschungsmanöver: Der Gastroenterologe, der Jungfernhäutchen repariert, und der Pilgerreisende, der statt nach Mekka nach Thailand pilgert. Im Iran, wie Navai ihn zeichnet, lügen nicht nur die Drogendealer und Fremdgeher, sondern jeder, weil Freiheit ohne Lüge nicht zu haben ist. Die Valiasr-Straße führt durch viele Kosmen dieser seltsamen Gesellschaft: durch die armen, religiösen Viertel, durch die reichen und mondänen, in denen Teheraner in einer Blase aus Geld und Kultur ein europäisches Leben simulieren. Bis zur nächsten Razzia.

Die 1971 geborene Navai floh als Kind mit ihrer Familie vor der Islamischen Revolution nach England. Als Journalistin berichtet sie für ihre Reportage-Serie Unreported World seit Jahren preisgekrönt aus allen Erdteilen, etwa über Ehrenmorde in der Türkei oder Organhandel in Südafrika. Einen Emmy erhielt sie für ihre verdeckte Reportage aus Syrien aus dem Jahr 2011. Über ihr Geburtsland hat Navai nun ihr erstes Buch geschrieben. Ihr gelingt in Stadt der Lügen etwas Wunderbares, denn Navais Skizzen der Menschen und der Stadt sind weder lieblose Denunziationen noch romantisierende Anekdoten: etwa wenn sie erzählt, wie die Prostituierte Leyla vor dem Sex mit dem berühmten Mullah mit diesem gemeinsam um Reinheit betet. Navai fängt die Skurrilitäten des Lebens im Iran ein, ohne die Protagonisten lächerlich zu machen. Obwohl sie den Druck zeigt, der auf Teheran lastet, sind die Geschichten nicht eindimensional, weder Kitsch noch Klischee. Sie erzählen von den schmerzhaften Verrenkungen von Menschen, die die Diktatur immer wieder in die Unmündigkeit zwingt.

Ramita Navai: Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran. Zürich. Kein & Aber 2016 288 Seiten 22,- €