Wenn diese ZEIT erscheint, steht fest, wer fortan Schachweltmeister ist: der Norweger Magnus Carlsen, wie bisher, oder sein Herausforderer, der Russe Sergej Karjakin. Am Dienstagabend, da dieser Artikel in New York geschrieben wird, steht es nach zwölf Runden noch unentschieden, sechs zu sechs.

Die Regeln verlangen bei Gleichstand einen Stichkampf mit mindestens vier, maximal fünfzehn Partien, zu spielen mit einer stark verkürzten Bedenkzeit. Bei den ersten Partien beträgt sie noch eine halbe Stunde, späterhin sind es sogar nur noch fünf oder vier Minuten – pro Spieler und Partie.

Schnellschach und Blitzschach bieten ein Hochgeschwindigkeitsspektakel, ganz anders als Turnierschach, bei dem bis zu sieben Stunden lang gebrütet wird.

Das temporeiche Stechen ist ein Elfmeterschießen auf 64 Feldern, und es hat eine ähnliche Aussagekraft. Spannend allemal, Ausgang ungewiss.

Der Stichkampf findet am Mittwoch dieser Woche statt, nach Redaktionsschluss. Das ist bedauerlich, steht indes einer Analyse der letzten drei Wochen nicht entgegen. Denn selbst wenn Magnus Carlsen am Ende doch noch gewinnen sollte, wird er nicht mehr derselbe sein wie vor dieser WM.

Dem bislang auf der großen Bühne kaum hervorgetretenen Sergej Karjakin ist ein Kunststück gelungen, das die Schachwelt ihm nicht zugetraut hatte, auf das sie nicht einmal gewartet hatte: die Entzauberung des Magnus Carlsen. Die auf Dauer angelegte Dominanz des norwegischen Senkrechtstarters galt allen als Gewissheit, befeuert von ihm selber, der sich vorstellen konnte, zehn oder gar zwanzig Jahre Weltmeister zu bleiben.

Man hat das geschrieben und geglaubt, und umso größer ist das Erstaunen, Carlsens Mühen in New York zu sehen. Die ersten sieben Partien enden remis, die achte verliert er durch Ungeduld, dann noch ein Remis, dann gewinnt er die zehnte durch eine Unachtsamkeit Karjakins, dann noch zwei Remis.

Das Remis in der letzten Runde am Montag zwingt er seinem Herausforderer geradezu auf. Obschon der Weltmeister die weißen Steine hat, macht er von seinem Anzugsvorteil keinen Gebrauch, versucht keinen Gewinn auf den letzten Metern, sondern tauscht schnell alles ab, um nur ja das Stechen zu erreichen. Der König wird zum Frosch. Kaum ein Kenner der Schachwelt hätte diesen Verlauf und dieses Verhalten vorhergesagt; das große Publikum schon gar nicht.

Was ist los mit Magnus Carlsen, der am Mittwoch dieser Woche 26 Jahre alt geworden ist? Hat er sein Pulver verschossen? Hat er eine Freundin? Ist er krank?

Bei ihm, dem ersten Popstar des Brettsports, wird immer gleich spekuliert, je wilder, je besser, und warum auch sollte dem Schach das Postfaktische erspart bleiben.

Carlsen, dessen im Detail vollendetes, nahezu fehlerfreies Spiel zu Recht gepriesen wird, zeigt sich während des Duells in Manhattan von einer Seite, die man schon zuvor gelegentlich an ihm beobachten konnte, ohne ihr vielleicht genug Aufmerksamkeit zu schenken.