Frankfurter Flughafen, Restaurant Käfer, Montagabend. Das Terminal 1 wird immer leerer, als Thomas von Sturm zum Interviewtermin erscheint. Denn gleich ist am Lufthansa-Drehkreuz nichts mehr los:Dienstag und Mittwoch wollen die Piloten wieder streiken. Sturm ist einer von ihnen – und was für einer! 56 Jahre alt, 1,90 Meter groß, Jumbojet-Lizenz und mit seinen vier Streifen auf der Uniform der Inbegriff des Lufthansa-Kapitäns. Außerdem ist von Sturm die prominenteste Reizfigur der Piloten. Schon 2001 erstritt er über 20 Prozent mehr Lohn für seine Berufsgruppe. Vor wenigen Jahren schied er dann aus dem Vorstand der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit aus. Mit der ZEIT spricht er heute als einfacher Pilot, nicht als Gewerkschaftsfunktionär. In seiner schwarzen Aktentasche hat er zum Gespräch ein Buch mitgebracht: "Reichtum ohne Gier" von Sahra Wagenknecht.

DIE ZEIT: Ein altgedienter Kapitän der Lufthansa kommt inklusive Schichtzulage und Überstunden auf bis zu 22.000 Euro im Monat. Was unterscheidet Sie von Lokomotivführern oder Busfahrern, die einen Bruchteil dessen verdienen?

Thomas von Sturm: Die dritte Dimension. Ich habe Respekt vor anderen Berufen, aber das macht es viel komplexer. In zehn Kilometer Höhe können Sie nicht einfach mal die Bremse ziehen und stehen bleiben. Das Ding ist eine Rakete. Wir fliegen fast 1.000 Stundenkilometer schnell.

ZEIT: Deswegen dürfen erfahrene Lufthansa-Piloten wie Sie ja auch bereits mit 55 Jahren in den Ruhestand wechseln. Reicht das nicht?

Von Sturm: Wir sind gut bezahlt, wir haben uns das schwer erkämpft. Aber viele andere kommen in dieser Branche und in der Gesellschaft unter die Räder.

ZEIT: Und die Passagiere auch, die inzwischen "AAL" buchen, "Alles außer Lufthansa", weil sie nicht sicher sind, ob Ihre Maschinen wirklich starten. Haben Sie kein Verständnis dafür?

Von Sturm: Klar habe ich Verständnis dafür. Hätten wir andere Möglichkeiten, das Management zu bewegen, würden wir diese nutzen. Die Wirkung von Streiks ist aber natürlich der hohe Schaden, der dabei entsteht.

ZEIT: Und nun?

Von Sturm: Wir gehen davon aus, dass die Auseinandersetzung sehr lange dauert. Das Management hat schon 500 Millionen Euro investiert bei dem Versuch, unsere Tarifstrukturen aufzusprengen, die wollen so schnell nicht rückwärts. Der Schaden muss vermutlich noch erheblich größer werden.

ZEIT: Sie rechnen also mit weiteren Streiks?

Von Sturm: Ja. Es könnte sein, dass dieser Konflikt erst dann lösbar wird, wenn diese Auslagerungsstrategie der Konzerne gesellschaftlich geächtet wird. Es kann doch nicht sein, dass ganze Länder und Arbeitnehmer erpresst werden, wenn es um Standorte geht.

Seit April 2014 gab es 15 Streiks von Cockpit bei Lufthansa, 29 Streiktage, rund 14.900 ausgefallene Flüge und fast 1,8 Millionen betroffene Passagiere.

ZEIT: In der Öffentlichkeit herrscht eher der Eindruck, dass Piloten Deutschland erpressen.

Von Sturm: Wir kämpfen für den Erhalt der Werte, für die dieses Unternehmen gestanden hat, für unsere Sicherheitskultur, für den Service für die Passagiere. Den zu liefern fällt den Crews immer schwerer. Wir machen neuerdings auf der Langstrecke gezielte Unterbeladung, es wird mitunter weniger Essen geladen, als Passagiere an Bord sind, das haben wir früher nie gemacht. Den Passagier, der leer ausgeht, müssen Sie dann fragen, ob er auch mit einem Apfel aus dem Crew-Obstkorb zufrieden ist.

ZEIT: Wenn die Piloten jetzt 20 Prozent mehr Lohn fordern, muss die Lufthansa an anderer Stelle aber noch mehr sparen.

Von Sturm: Wir reden hier über einen Zeitraum von fünf Jahren, da sind wir schnell bei einem zweistelligen Prozentsatz. Addieren Sie doch einfach mal die Forderungen von ver.di oder der IG Metall über die Jahre. Seit 2001 haben sich unsere Löhne unterhalb der Inflationsrate entwickelt, während sich die Unternehmensspitze exorbitante Gehaltssteigerungen genehmigt hat. Und der Konzern macht Gewinn – zuletzt 1,8 Milliarden Euro. Da hat sich etwas entkoppelt.