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"Unsere Jungs haben es geschafft." Dieser Satz hat sich in das politische Gedächtnis der Türkei eingebrannt. Gesagt hat ihn Paul Henze, damals Chef des CIA-Büros in der Türkei, als er US-Präsident Carter über den Putsch des türkischen Militärs 1980 unterrichtete.

Am vergangenen 15. Juli erlebte die Türkei erneut einen Putschversuch. In jenen Nachtstunden, da noch unklar war, ob die Regierung gestürzt war, sprach US-Generalleutnant Mike Flynn, ehemaliger Direktor des Militärgeheimdienstes DIA, vor einer Versammlung in Cleveland. Er sagte: "Zurzeit gibt es in der Türkei einen Putschversuch. Ich stehe in ständigem Austausch mit einem bei uns ausgebildeten Freund in der türkischen Armee. Unter der Erdoğan-Regierung entwickelte sich die laizistische Türkei zunehmend in einen islamischen Staat. Die Armee erklärte: 'Wir wollen ein laizistisches Land sein.' Ich bin gespannt, wie sich die Dinge heute Nacht entwickeln."

Auch Flynn hätte gern gesagt: "Unsere Jungs haben es geschafft." Doch die "Jungs" schafften es diesmal nicht. Flynn jedoch ist nun als Trumps Sicherheitsberater designiert. Für Erdoğan vermutlich ein weiterer Beweis dafür, dass die USA hinter dem Putschversuch stehen. Die Rede in Cleveland reicht aber nicht, um Flynn zum "Gülenisten" zu stempeln. Denn dieser spitzzüngige US-Offizier hatte in einem am Tag der US-Wahlen erschienenen Artikel Gülen als "finsteren islamistischen Mullah in Pennsylvania" bezeichnet und ausgeführt: "Gülens globales Netzwerk hat alle Merkmale eines gefährlichen terroristischen Schläfernetzwerks." Flynn meint, die USA sollten Gülen keinen "sicheren Hafen" mehr bieten.

Gülen, den die türkische Regierung des Putschversuchs bezichtigt, lebt seit 1999 in Amerika. Seine Beantragung der Greencard hatte der ehemalige US-Botschafter in Ankara und frühere CIA-Chef unterstützt. Zuletzt hieß es in der Presse, er habe sich als Lobbyist für Clintons Kampagnenteam betätigt. Nun erwartet Ankara von der neuen Administration, dass sie Gülen an die Türkei ausliefert. Doch die Worte aus der Putschnacht zeigen, dass die Antipathien des Weißen Hauses sich nicht auf Gülen beschränken.

Die Trump-Administration ist von "Islamismus"-Antipathie geprägt. Wiederum war es Flynn, der in einer Rede im vergangenen Sommer davon sprach, dass sich der radikale Islam wie ein Krebsgeschwür in der islamischen Welt verbreite.

Die Obama-Administration hingegen vermied den Ausdruck "radikaler Islam", weil er einer Religion den Stempel des Terrorismus aufdrückt, nun wird er wohl wieder häufiger aus Washington zu hören sein. In seinem im Sommer erschienenen Buch The Field of Fight kritisiert Flynn die politische Korrektheit der Demokraten: "Obama hinderte uns daran, den Gegner genau zu definieren." Der Gegner, von dem er spricht, ist "der radikale Islam". Ginge es nach Flynn, sollten die USA jene Regime, die den radikalen Islam unterstützen, schwächen oder sogar stürzen. Doch damit nicht genug.

Mike Pompeo, von Trump als CIA-Chef designiert, bezeichnete in einem Tweet in der Putschnacht vom 15. Juli das Erdoğan-Regime als "islamistische, totalitäre Diktatur wie der Iran". Zuvor hatte Jeff Sessions, der für Trumps Justizressort vorgesehen ist, bereits in einem Fernsehinterview gesagt: "Die Türkei scheint in eine islamistische Ideologie abzugleiten." Das sind alarmierende Worte in Bezug auf die kommende Periode der türkisch-amerikanischen Beziehungen.

Erdoğan hingegen schien sich nach den Wahlen gefreut zu haben, im Weißen Haus zukünftig einen Gleichgesinnten vorzufinden: angefangen bei den autoritären Tendenzen bis hin zur Elitenfeindlichkeit und der Antipathie den Medien gegenüber scheinen sich Trump und Erdoğan zu gleichen.

Allerdings ist bislang nicht zu erkennen, dass die US-Seite diese Sicht der Dinge teilt. Soweit ich in den letzen Tagen in Washington in Gesprächen mit US-Funktionären beobachten konnte, gehen die Meinungen in beiden Hauptstädten nicht allein hinsichtlich Ankaras antilaizistischer Haltung auseinander. Es gibt zahllose weitere kritische Punkte. Zu nennen wären vor allem: die Unterstützung Trumps für Assad in Syrien, den Erdoğan zu stürzen versucht. Trumps Eintreten für die Kurden, deren Vorankommen Erdoğan zu verhindern sucht. Die unterschiedliche Beurteilung der Dschihadisten, zu denen Erdoğan keinen Abstand hält. Die Sorge, mit der das Pentagon beobachtet, wie Ankara weiter auf syrisches Territorium vordringt. Die Sympathien Trumps für den ägyptischen Staatschef Al-Sissi, den Erdoğan auf Kundgebungen ausbuhen ließ. Und der vor US-Gerichten ausgetragene Prozess gegen den iranischen Geschäftsmann Zarrab, der um schmutzige Geschäftsgeheimnisse Ankaras weiß.

Ankara ist sich all dessen bewusst, vertraut aber auf das türkische Sprichwort: "Wird ein Haupt gekrönt, kommt es zur Vernunft." Es setzt darauf, dass die Realitäten, die Trump bei Amtsantritt vorfinden wird, seine Haltung ändern werden. Vielleicht wird Ankaras Politik der Repressionen dann nicht mehr für so große Beunruhigung im Weißen Haus sorgen wie früher, doch jetzt bereits steht fest, dass islamistische Politik, die die Türkei vom Laizismus loslöst, dort keinesfalls auf Sympathien stoßen wird.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe