"Wir verbrüdern uns nicht mehr so stark"

Er ist in der CDU, katholisch und schwul. In Talkshows plädiert er für Vielfalt und kritisiert die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel. Dem 36 Jahre alten Jens Spahn scheinen diese Widersprüche nicht zu schaden. In der CDU ist der Parlamentarische Staatssekretär für Finanzen ein Hoffnungsträger – als Konservativer neuen Typs.

DIE ZEIT: Sie wurden vor 14 Jahren gleich nach Abi und Banklehre Abgeordneter. Fühlen Sie sich noch jung?

Jens Spahn: Klar! Außer ich rede mit Schülern, dann fühle ich mich fast wie Opa. Die kennen als Währung nur den Euro und sind mit iPhone und YouTube groß geworden. Viele gehen ganz anders ans Leben heran.

ZEIT: Wie erleben Sie jüngere Politiker?

Spahn: Die Bereitschaft, der Arbeit alles unterzuordnen, ist auch in der Politik kleiner geworden. Familie und Freizeit haben einen hohen Stellenwert.

ZEIT: In Ihrer Generation können Sie diese Veränderung noch nicht beobachten?

Spahn: Das ist eher ein Phänomen bei den Jüngeren.

ZEIT: Unterscheiden sich die 30- bis 40-Jährigen auch von ihren älteren Kollegen?

Spahn: Wir verbrüdern uns nicht mehr so stark. Die Älteren saßen und sitzen abends zusammen in Kneipen und spielen Karten. Das hat sich aber auch durch den Wechsel von Bonn nach Berlin verändert. Bonn war für viele Politiker wie "auf Montage sein".

ZEIT: Sie leben mit Ihrem Partner zusammen. Müssen Sie sich für Ihre Lebensweise heute noch rechtfertigen?

Spahn: Das ist keine Lebensweise, Schwulsein ist ja keine freie Entscheidung. Es herrscht vielerorts eine andere Selbstverständlichkeit, als ich das als Jugendlicher erlebt habe. Wenn ich in Schulklassen nebenbei meinen Freund erwähne, gucken sich die Kids höchstens vielsagend an oder lachen. Aber das war's dann.

ZEIT: Sind Sie der erste prominente CDU-Politiker, dem der offene Umgang damit eher genutzt als geschadet hat?

Spahn: Zumindest hat es nicht geschadet. Ich hab das Glück, dass andere lange und schwierige Kämpfe für diese neue Offenheit ausgefochten haben. Im Moment ist die Offenheit gegenüber Vielfalt – ob nun Schwule und Lesben oder Ausländer – allerdings ziemlich unter Druck.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Spahn: Mehr Gelassenheit. Ich fühle mich nicht von jedem schlechten Halbwitz über Homoehen angegriffen. Und es geht mir auf den Senkel, dass man jeden als irgendwie -phob kategorisiert, sobald er was Kritisches sagt. Zu viel Sprachpolizei führt zu Unbehagen und Gegenreaktionen.

ZEIT: Was sind in Ihren Augen die großen Herausforderungen für die heute 30- bis 40-Jährigen?

Spahn: Bis 25, 30 ist man ja noch im Werden: Ausbildung, Studium fertig, Job angefangen, Partyleben. Zwischen 30 und 40 bist du dann mehr oder weniger gesettelt, gleichzeitig aber noch jung. Das ist so eine Phase dazwischen. Für Leute, die eine Familien gründen und Karriere machen wollen, ist es die stressigste Lebensphase. Ich selbst denke mir manchmal: Das sind deine besten Jahre, dafür sitzt du viel zu viel in komischen Sitzungen rum.

ZEIT: Was würden Sie gern stattdessen machen?

Spahn: Eine große Frage. Ich könnte mir schon vorstellen, Kinder großzuziehen, das ist ja auch nicht ausgeschlossen – obwohl das mit meinem jetzigen Job schwierig ist.

ZEIT: Müssen Politiker mehr aufgeben als andere?

Spahn: Mein Eindruck ist, dass selbst Dax-Vorstände ein halbwegs freies Wochenende haben. Das ist in der Politik selten. Doch wer mehr Einfluss will, muss eben mehr machen. Ein Minister, der um 17 Uhr zu Hause ist? Sorry, geht nicht! Auch wer in Wirtschaft oder Wissenschaft nach ganz vorne will, wird privat weiterhin Abstriche machen müssen. Da gibt es Grenzen dessen, was man verändern kann.

"Wir sind bereit, alles zu geben"

Katharina Latif, 35, ist eine große Ausnahme: Sie ist Chefin, arbeitet aber in Teilzeit: Als Head of Social Responsibility bei der Allianz ist sie Vorgesetzte von zwölf Mitarbeitern, die sich um das soziale Engagement des Versicherers kümmern. Latif ist Mutter einer fünfjährigen Tochter und eines einjährigen Sohnes.

DIE ZEIT: Ihr Mann und Sie arbeiten in Führungspositionen und haben zwei Kinder. Wie teilen Sie sich auf?

Katharina Latif: Bis zum Nachmittag arbeite ich im Büro, danach bin ich für meine Kinder da. Und abends setze ich mich oft noch ins Homeoffice. Mein Mann arbeitet fast ausschließlich von zu Hause aus, wenn er nicht beim Kunden ist. Er arbeitet im Vertrieb bei Microsoft und skypt täglich mit seinem Chef in Köln. Fast die Hälfte seiner Arbeit erledigt er nachts. Nachmittags und am frühen Abend haben wir gemeinsam Zeit für die Kinder.

ZEIT: Und wenn die beiden schlafen, sitzen Sie wieder am Schreibtisch. Klingt stressig.

Latif: Ich habe nicht den Eindruck, dass wir gestresster sind als andere Eltern, die arbeiten. Klar, es ist anstrengend. Für Freunde bleibt kaum Zeit. Aber weder mein Mann noch ich wollten unsere Karriere aufgeben. Also haben wir diese bewusste, auch egoistische Entscheidung getroffen.

ZEIT: Die meisten Führungspositionen besetzen noch die Babyboomer. Leben die anders als Sie?

Latif: Auf jeden Fall. Ich bin immer auf der Suche nach role models, an denen ich mich orientieren kann in Sachen Karriere und Familie. Bei den Babyboomern finde ich sie kaum, denn bei ihnen hat in der Regel nur einer Karriere gemacht, meistens der Mann. Über Jahrzehnte 60, 80 Wochenstunden für den Arbeitgeber verfügbar zu sein, weil einem alles andere vom Partner abgenommen wurde: Das war bei denen die Norm.

ZEIT: Führen diese Generationen-Unterschiede zu Reibungen bei der Zusammenarbeit?

Latif: Es mussten ein paar Tabus gebrochen werden. Wenn der Vorstand anruft und für vier Uhr eine Telefonkonferenz einbestellt, kostet es Mut zu sagen: Da kann ich nicht, weil ich meine Kinder abhole. Das offen anzusprechen – ich arbeite viel und gebe alles, bin zeitlich aber nicht immer verfügbar –, muss man sich trauen.

ZEIT: Wie schwer fiel Ihnen das?

Latif: Am Anfang war es eine Hürde. Ich hatte das Gefühl, dass es wichtig für das Unternehmen ist, dass ich ständig verfügbar bin. Aber die Annahme ist falsch, es funktioniert auch, wenn man Grenzen setzt. Entscheidend ist, Alternativen anzubieten. Das "Ich kann nicht" funktioniert nur, wenn man sagt: "Aber dafür kann ich dann und dann."

ZEIT: Gibt es einen gemeinsamen Nenner Ihrer Generation?

Latif: Wir sind bereit, viel für den Arbeitgeber zu leisten, alles zu geben und das Maximum an Input zu liefern – aber nicht um jeden Preis. Und diesen Zusatz hat man in der Generation vor uns noch nicht so offen ausgesprochen.

ZEIT: Sie arbeiten 35 statt 40 Stunden die Woche. War es schwierig, das durchzusetzen?

Latif: Zum Glück nicht. Da hat ein gedanklicher Umbruch stattgefunden. Mitarbeiter, die gute Arbeit leisten und die man halten möchte, können so arbeiten, wie es in ihr Lebenskonzept passt.

ZEIT: Viele Menschen, das ergibt die forsa-Studie, fänden es gut, wenn Teilzeitkräfte Führungspositionen übernähmen. Warum passiert es so selten?

Latif: Eine Führungsrolle kann man nur ausfüllen, wenn die Mitarbeiter das Gefühl haben, dass der Chef greifbar ist. Das geht aber nur, wenn ich vier Tage die Woche zumindest für ein paar Stunden im Büro bin. Gleichzeitig steht enorm viel inhaltliche Arbeit an. Das alles ist mit 20 oder 30 Wochenstunden nicht zu leisten. Ehrlich gesagt arbeite ich ja auch quasi Vollzeit.