Henry Kolm: Sie sagten uns: Dieses Camp ist streng geheim, redet mit niemandem darüber.

Arno Mayer: Es war völlig verrückt. Ihre Leser denken wahrscheinlich: Der Mayer hat sie nicht mehr alle, aber so etwas kann man sich nicht ausdenken.

Arno Mayer, 90 Jahre alt, sitzt in seinem Apartment in Princeton, einer Kleinstadt südlich von New York. Um ihn herum Regale voller Bücher, nicht wenige davon hat er selbst geschrieben. Zwei Fußminuten entfernt liegt der Campus der Universität, an der er lange lehrte. Das war in seinem Leben als Historiker, und dieses Leben kam nach dem kurzen, aber intensiven Leben beim amerikanischen Militär, als er, Mayer, und seine Freunde an einem der geheimsten Projekte des Zweiten Weltkriegs mitwirkten.

Jahrzehntelang lag ihre Geschichte verborgen in staubigen Kisten im amerikanischen Nationalarchiv. 100.000 Seiten Akten, einige mit der Maschine beschrieben, viele per Hand, in krakeliger Schrift, auf jeder einzelnen der Stempel Secret. Geheim. Erst vor ein paar Jahren gab die Armee die Dokumente frei, zunächst unbemerkt von der Weltöffentlichkeit. Jetzt kann man die Akten einsehen, in einer Stadt namens College Park im US-Bundesstaat Maryland. Dort, im zweiten Stock eines raumschiffartigen Gebäudes, bringen Archivare Kiste um Kiste mit Fotos, Karten, Protokollen.

All das, was damals geschah, sagt Mayer in Princeton, hat sich in ihre Köpfe eingebrannt. Aber wie die Army es ihnen aufgetragen hatte, schwiegen sie, auch gegenüber ihren Frauen und Kindern. Sie schwiegen sogar noch lange, als sie es gar nicht mehr mussten.

Jetzt endlich sprechen die wenigen, die noch leben. Neben Arno Mayer auch Peter Weiss, ebenfalls 90 Jahre alt. Weiss lebt in New York, nur eine Autostunde entfernt von seinem alten Freund, Uptown Manhattan, 27. Stock, Blick über die Skyline. Das Wohnzimmer eine Galerie eines übervollen Lebens als Anwalt und Friedensaktivist, Foto mit Nelson Mandela auf dem Tresen, gerahmte Urkunde der chilenischen Präsidentin an der Wand.

Henry Kolm, der dritte Freund, starb 2010, er hinterließ autobiografische Notizen und ein sechsstündiges Interview mit einem Historiker, aus dem dieses Dossier zitiert.

Die ZEIT hat sechs Veteranen des Geheimprojekts ausfindig gemacht. Außerdem liegen diesem Artikel zwei Dutzend Gespräche zugrunde, die Wissenschaftler mit inzwischen verstorbenen Soldaten führten. Dazu ein Tagebuch und Archivdokumente. All das fügt sich zusammen zu einem bisher unbekannten Kapitel des Zweiten Weltkriegs – jenes Teils der deutschen Geschichte, von dem man dachte, Historiker hätten ihn bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Das Camp ohne Namen haben sie lange übersehen.

Oder wie es die Veteranen nennen: 1142, Eleven Forty-Two.

So lautete die offizielle Adresse des geheimen Camps, ein paar Meilen südlich von Washington gelegen: P.O. Box 1142, Postfach 1142.

Wenige Monate nach Kriegseintritt im Dezember 1941 bauten die Amerikaner dieses Vernehmungslager für Kriegsgefangene. In den ersten Jahren brachten sie vor allem deutsche U-Boot-Besatzungen hierher. Nach der Invasion in der Normandie folgten Soldaten aus allen Teilen der deutschen Streitkräfte. Je älter der Krieg, desto bedeutender die Gefangenen in Eleven Forty-Two. Da waren:

Reinhard Gehlen, Generalmajor der Wehrmacht, Chef von Hitlers Ost-Spionage.

Hasso von Manteuffel, Generalleutnant der Wehrmacht und einer der wichtigsten Offiziere in Hitlers Ardennenoffensive.

Gustav Hilger, ehemaliger deutscher Botschaftsrat in Moskau und Hitlers führender Russlandexperte.

Kurt Hesse, ehemaliger Leiter der Heerespropaganda beim Oberkommando der Wehrmacht.

Heinz Schlicke, Ingenieur und Radarexperte in Diensten der NS-Kriegsmarine.

Wer heute an den Ort fährt, wo damals dieses Camp stand, stößt auf einen Park mit sauber gemähtem Rasen. Der Potomac liegt wie ein graues Band hinter Bäumen. Davor, auf asphaltierten Wegen, Jogger in bunten Klamotten. 1946 hat das Militär alles eingeebnet, nichts sollte bleiben vom Geheimprojekt. Es funktionierte: Das Camp geriet in Vergessenheit.

Zwischen 1942 und 1946, das zeigen Fotos und Lagepläne, erstreckten sich Holzbaracken, wo heute ein Parkplatz ist. Zwei mit Stacheldraht umzäunte Zellentrakte, wo heute Jugendliche Softball spielen und Wanderer in einem Klohäuschen verschwinden. Verborgen in den Zimmerdecken der Zellen hatte das Militär damals Mikrofone installiert, groß wie Kirchenglocken, auch das zeigen Bilder. Das ganze Camp war verkabelt.