Werner Moritz: Ende Mai war ich mit Militärpolizisten in Bayern unterwegs. Da rannte ein Kind auf uns zu und schrie: "Streicher! Streicher!" Es zeigte auf ein grünes Haus. Im ersten Stock fanden wir Julius Streicher. Ich kannte sein Gesicht aus meiner Kindheit in Deutschland, jeder kannte den Chefredakteur des Stürmers und seine Judenhetze.

Ich sperrte Streicher in eine Hütte, dann sagte ich zu den Wachen: "Ich werde Dinge mit diesem Kerl machen, ihr werdet denken, ich sei verrückt. Er ist ein Nazi von unglaublicher Bosheit. Er hat es nicht verdient zu leben. Ich würde ihn sofort erschießen, aber dann käme ich vor ein Militärgericht." Ich ging rein und befahl Streicher, sich auszuziehen. Ich sagte: "Ab jetzt schläfst du nackt auf dem kalten Boden. Du sprichst nicht, es sei denn, ich frage dich etwas. Du bewegst dich nicht, es sei denn, ich erlaube es."

Werner Moritz erzählt diese Foltergeschichte nicht als Heldenepos, nicht stolz, schon gar nicht belustigt. Er erzählt sie langsam, jedes Wort scheint ihm Schmerzen zu bereiten. Seine Stimme zittert, brüchig vor Scham, die sich mit in die Tonbandaufnahme frisst, als Moritz diese Sätze spricht.

Werner Moritz: Als Streicher nackt vor mir lag, öffnete ich meine Hose. Furchtbar, das zu erzählen. Ich habe ihn vollgepisst. Von oben bis unten. Auch auf den Kopf. Er neigte den Kopf, und ich sagte: "Beweg dich nicht! Sonst schieß ich dir in den Arsch." Ich war so wütend. Er sagte: "Handtuch!" Ich sagte: "Hör auf zu sprechen! Dieser deutsche Jude wird dir ein Gefühl dafür geben, was ihr Nazis uns Juden angetan habt. Wir werden dich nicht in einem Ofen kochen. Aber wenigstens ein bisschen sollst du es fühlen." Am zweiten Tag brachte ich ihm Kartoffelschalen. Als er zu essen begann, pisste ich über die Schalen.

Nicht nur in Deutschland, auch in Eleven Forty-Two widersetzen sich Soldaten manchmal dem, was ihnen ihre Ausbilder beigebracht haben. Allerdings ist es nicht Hass oder Rache, was sie Grenzen überschreiten lässt, sondern der Versuch, an wichtige Informationen zu kommen. Einmal wollen Offiziere einen Gefangenen zum Reden bringen, indem sie ihm Kokain spritzen. Ein anderes Mal probieren sie es mit Hypnose. Beides scheitert. Der Versuch, einen Gefangenen abzufüllen, endet damit, dass die Vernehmungsoffiziere so betrunken sind, dass das Verhör abgebrochen werden muss. Etwas anderes aber klappt.

Henry Kolm: Wir hatten diesen SS-Typen, der trotz aller Freundlichkeit nicht reden wollte. Irgendwann hatten wir genug und sagten ihm: Dann geben wir dich den Russen. Wir brachten ihn in einen Raum, wo einer unserer Kameraden wartete, Alex. So wie wir Deutsch sprachen, sprach er Russisch. Er trug eine sowjetische Uniform. Alex sagte: "Okay, du willst nicht reden, dann vergasen wir dich." Er schloss die Tür und wirbelte mit einem Ventilator Staub durch den Lüftungsschlitz. Da begann der Nazi zu reden.

Diese Versuche, Aussagen zu erzwingen, sind Einzelfälle, die wortkargen Gefangenen sind es auch. Das belegen die Akten. Das bestätigen die Abhörprotokolle aus den Zellen und Holzhäusern, in denen die deutschen Gefangenen untereinander von den netten Vernehmungsbeamten schwärmen. Die Strategie der gespielten Freundlichkeit funktioniert. Die Deutschen liefern den Amerikanern die gewünschten Informationen.

Der Zweite Weltkrieg wurde an vielen Orten gewonnen. Eleven Forty-Two, das weiß man heute, war einer davon. Während des Krieges zeichnen deutsche Gefangene für ihre Verhörer freimütig Karten von Rüstungsfabriken, skizzieren Konstruktionspläne von Waffensystemen. Die Amerikaner erhalten Auskunft über die Tauchtiefe deutscher U-Boote, über die genaue Lage einer Hamburger Werft, die sie daraufhin zerstören.

In der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 bombardieren britische Kampfflugzeuge die Ostseeinsel Usedom. In einem militärischen Sperrgebiet verbirgt sich dort die Heeresversuchsanstalt Peenemünde, in der die Nazis unter der Leitung des Ingenieurs Wernher von Braun die Großrakete V2 entwickeln, Hitlers "Wunderwaffe". Die Briten zerstören Fabrikhallen und Arbeiterbaracken und werfen dadurch das Projekt um Monate zurück. Die Koordinaten für den Luftangriff stammen aus dem Camp ohne Namen – so hören es Kolm, Mayer und Weiss, als sie knapp zwei Jahre später im Lager ankommen.

Jetzt, im Juni 1945, geht es nicht mehr um militärische Geheimnisse; die Wehrmacht ist besiegt. Jetzt geht es um die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen.

Peter Weiss: Jeder versuchte uns weiszumachen, er sei kein richtiger Nazi. Einigen glaubte ich, dann lag ich nachts wach und zermarterte mir das Hirn: "Bin ich ihm auf den Leim gegangen?"

Und dann, nach mehreren Stunden Gespräch, sagt Peter Weiss mit leiser Stimme einen Satz, der so ungeheuerlich ist, dass man ihn zunächst nicht glauben mag.

Peter Weiss: Manchmal, da hat sich Sympathie entwickelt zwischen einigen von ihnen und einigen von uns.

Sympathie mit den Mördern? Ein anderer Veteran aus Eleven Forty-Two, der zwei Jahre lang in dem Lager diente, sagt über einen der inhaftierten Deutschen allen Ernstes: "Er war einer der guten Nazis."

Gute Nazis.