Der AfD-Politiker Marcus Spiegelberg, 24, ist aufgewühlt, wenn er erzählt, was ihm am 9. November widerfuhr. "Eine bodenlose Frechheit", sagt er, "anders kann man das nicht sagen." Am 9. November, da wurde Spiegelberg aus einer städtischen Gedenkveranstaltung für die Opfer der Reichspogromnacht in Weißenfels geworfen. Die AfD hat den Vorfall danach per Pressemitteilung publik gemacht, "die Stadt Weißenfels sollte sich in Grund und Boden schämen!", schimpfte Landeschef André Poggenburg: jemanden auszuschließen, nur weil er der AfD angehöre! Seither schlägt die Sache Wellen.

Die Einladung steht heute noch im Internet, für den 9. November 2016 riefen die Stadt Weißenfels und das Simon-Rau-Zentrum – ein Verein, der sich um die Aufarbeitung jüdischer Geschichte in der Stadt verdient macht – "alle Bürgerinnen und Bürger" dazu auf, gemeinsam der verfolgten jüdischen Bewohner von Weißenfels zu gedenken. AfD-Mann Spiegelberg, direkt gewählter Landtagsabgeordneter für die Region, beschloss teilzunehmen, mit seiner Verlobten und seiner Mutter. Er sei erst kurz vor Beginn in den Trauersaal gekommen, sagt Spiegelberg, habe sich unauffällig in die zweite Reihe gesetzt – er an den Rand, seine Begleiterinnen daneben. Er habe kein Parteiabzeichen getragen, habe auch kein Wort gesagt. Als die Veranstaltung bereits begonnen habe, sei er, Spiegelberg, jedoch vom Vorsitzenden des Simon-Rau-Zentrums, Enrico Kabisch, im Publikum entdeckt worden. "Wie von der Tarantel gestochen, lief Herr Kabisch zu mir", sagt Spiegelberg, "er sagte: 'Sie sind doch von der AfD!' Und erklärte, ich sei hier nicht erwünscht und hätte die Veranstaltung zu verlassen." Weil er das Gedenken nicht habe stören wollen, seien er und seine Begleiterinnen sofort gegangen. Er sei auch deshalb so fassungslos, sagt Spiegelberg, weil der Rauswurf ihm indirekt Antisemitismus unterstelle, dabei fühle er sich "dem jüdischen Volk als Christ sehr verbunden, und das jüdisch-christliche Abendland ist für mich keine Phrase". Er bekomme seither pausenlos Solidaritätsbekundungen.

Niemand, der in Weißenfels dabei war am 9. November, bestreitet Spiegelbergs Darstellung. Enrico Kabisch, der Vorsitzende des Simon-Rau-Zentrums, weiß inzwischen auch, dass es juristisch mindestens fragwürdig war, Spiegelberg die Teilnahme an einer städtischen Veranstaltung zu verwehren – aber er mag sich trotzdem nicht entschuldigen: "Es ist schon merkwürdig, dass Leute, die andere politisch ausgrenzen, sich hier ausgegrenzt fühlen", sagt Kabisch. Er wisse zudem, dass ein Familienmitglied Spiegelbergs in der Vergangenheit auf Facebook durch das Teilen von Inhalten aufgefallen sei, die er, Kabisch, für revisionistisch halte.

Aber auch wenn man emotional verstehen mag, was Kabisch angetrieben hat: So kann der Umgang mit der AfD nicht funktionieren, das weiß auch der Oberbürgermeister von Weißenfels, Robby Risch, der die Wogen jetzt glätten muss. Er war am 9. November nicht anwesend, sagt: Wenn er da gewesen wäre, hätte er den Rauswurf verhindert. "Eine Demokratie muss die AfD aushalten, Herr Spiegelberg ist direkt gewählt, und wir laden ihn zu öffentlichen Veranstaltungen ein", sagt Risch. Das Votum der Wähler sei eben zu akzeptieren, daher gelte: "Ausgrenzen ist keine Option." Wer die AfD ausschließe, betreibe mit deren Leuten genau das, was er ihnen vorwerfe: Ausgrenzung eben. Er, Risch, wolle lieber mit ihnen diskutieren. Und traue sich schon zu, im Zweifel die besseren Argumente zu haben.