Ist der internationale Kunstmarkt blind und borniert? Eine finnische Künstlerin malt Bilder zwischen Schock und Schönheit, experimentiert, arbeitet ununterbrochen von ihrem siebzehnten bis zu ihrem Todesjahr 1946, kämpft sich durch die Epochen und Stile, von El Greco bis Rembrandt, von Cézanne bis Picasso, malt, weil ihr das Geld für gute Modelle fehlt, hemmungslose Selbstporträts. Helene Schjerfbeck hat das siebzigste Lebensjahr überschritten, als sie an eine Freundin schreibt: "Stürmisch war mein Leben, das glaubt niemand."

Was hat die erfahrene Biografin Barbara Beuys, die sich auch schon mit dem traurigen Leben von Paula Modersohn-Becker, mit dem entsagungsvollen und von Liebesunglück gezeichneten der westfälischen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, mit Hildegard von Bingen und der Widerstandskämpferin Sophie Scholl auseinandergesetzt hat, an Helene Schjerfbeck gereizt? Ihr "prophetisches" Künstlerleben, wie auf ihrem Grabstein in Helsinki steht?

Barbara Beuys gibt dieser finnischen Nationalkünstlerin, die in Helsinki im Ateneum Art Museum und in der Signe and Ane Gyllenberg Foundation geehrt wird, einen Platz innerhalb der europäischen Kunst des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts und Finnland ein Gesicht. Ganz unbekannt ist Helene Schjerfbeck allerdings auch in Deutschland nach zwei Ausstellungen (in der Hamburger Kunsthalle 2007, in der Frankfurter Kunsthalle Schirn 2014) nicht. Angesichts ihrer künstlerischen Grandezza, einzuordnen zwischen Paula Modersohn-Becker und der 1953 in Kapstadt geborenen Marlene Dumas, sollte sie aber noch viel bekannter sein.

Helene Schjerfbeck war siebzehn, als sie 1880 zum ersten Mal nach Paris kam. Ein finnisches Wunderkind, begleitet von drei Malfreundinnen. In der lebenslangen Korrespondenz – 2.000 Briefe sind erhalten – wird diese Zeit verklärt. Frankreich und seine Einflüsse zeigen Helene Schjerfbeck, dass es anderes gibt als den schönen Realismus. Als 22-Jährige malt sie 1884 im bretonischen Pont-Aven Die Tür, ein radikal modernes Interieur. Eine schwarze geschlossene Tür, durch deren Ritzen Licht dringt. Sie wird dieses bahnbrechende Gemälde zwanzig Jahre verstecken: ihre eigene Konsequenz aus den Lehren des verehrten Cézanne, und weit ins 20. Jahrhundert vorausgreifend. Ihre Radikalität muss sie geängstigt haben, leider. Sie habe, wird Helene Schjerfbeck rückblickend sagen, "keine großen Träume für die Zukunft gehabt, ich wollte nur gut malen".

Sie wird sich, abgesehen von ein paar frühen Historien- und Landschaftsbildern, bis an ihr Lebensende auf Porträts und Stillleben konzentrieren, immer nach Modellen suchen und bedauern, dass sie nicht genug männliche findet. In ihren etwa vierzig Selbstporträts ringt sie sich Erkenntnisse über das "Harte, Eisige, das nur ich bin", ab. In der ihr eigenen Mischung aus Aufrichtigkeit und Witz schreibt sie an einen Freund: "Es ist nicht lustig, immer sich selbst anzusehen."

Ihre Lebensgeschichte – Armut und Mühsal, das Leben mit der Mutter in zwei Zimmern – folgt dem damaligen weiblichen Muster. Helene Schjerfbeck zog sich zurück, wurde krank und gesund und wieder krank, verliebte sich, wurde enttäuscht, verliebte sich wieder und blieb wieder zurück. Das wenige, was sie niemals, auch nicht nach Misserfolgen, in Zweifel zog, war ihre Bestimmung als Malerin.

Barbara Beuys ist keine kommentierende, sondern eine konstatierende Biografin. Der Leser soll seine Erkenntnisse selbst gewinnen, sie stellt das umfassende Material zur Verfügung, bleibt neutral und überlässt die Interpretation dem Leser. Barbara Beuys ist Historikerin und keine Kunsthistorikerin. Sie versucht sich nicht auf fremdem Gelände. Aber sie nennt doch die vielen Einflüsse, denen die Künstlerin Schjerfbeck ausgesetzt war.