Auf der Straße erkennt ihn niemand mehr. Auf Titelseiten von Zeitschriften war sein Gesicht lange nicht mehr zu sehen. Auch sein Name sagt nur noch wenigen etwas: Carl Douglas. Carl, wer? Einen einzigen Hit hat der Soulsänger geschrieben, der heute in Hamburg lebt, in einer Einfamilienhausgegend mit gestutzten Hecken, spitzen Giebeln und weißen Markisen an den Fassaden. Mehr als 40 Jahre sind seit der Veröffentlichung dieses Hits vergangen.

Aber was für ein Hit das ist!

Er wird gespielt, immer wieder, überall: im Oldie-Radio und auf Abi-Partys. In der Werbung von Coca-Cola und Pepsi, von McDonald’s und Persil. Im Soundtrack von Ally McBeal und von den Simpsons. Gerade lief er weltweit in den Kinos, als Titelsong von Kung Fu Panda, einer Hollywood-Trilogie mit Milliardenumsatz. Der Hit geht so: "Everybody was kung fu fighting / those kicks were fast as lightning / in fact it was a little bit frightening / but they fought with expert timing."

Carl Douglas ist der Urheber eines der genialsten, nervigsten, penetrantesten Ohrwürmer der Popgeschichte. Dass er heute, im Alter von 74 Jahren, immer noch gut von diesem einen Hit leben kann, hat auch mit Hamburg zu tun. Und mit dem Verleger, der hier zu seinem wichtigen Verbündeten wurde.

Die Geschichte beginnt Mitte der sechziger Jahre. Britische Bands erobern die Welt, The Beatles, The Searchers, The Kinks. Auch Carl Douglas, ein junger Jamaikaner, der für ein Studium nach London gekommen war, will Popstar sein. Er tingelt durch die Clubs in London und im Umland, nimmt mehrere Singles auf, der Durchbruch bleibt aus. Das ändert sich erst 1974, als Douglas eingeladen wird, eine neue Soul-Nummer aufzunehmen. Ein britischer Produzent hat das Lied gekauft, einige Studiomusiker versammelt und Carl Douglas als Sänger ausgesucht. Der Song heißt I want to go give you my everything, hat einen treibenden Beat und viel Streicherpathos. "Oh Baby, yeah, yeah", schmachtet Carl Douglas. Ein Frauenchor antwortet: "Uh-hu-hu." Es ist eine schöne Nummer, wenn man Soul mag. Aber noch nicht genug für eine Veröffentlichung.

Es war das Zeitalter der Schallplatte, und wer damals eine Single verkaufen wollte, brauchte für die Rückseite der Platte einen zweiten Song, eine Gratis-Zugabe. Oft war das Füllmaterial: Stücke, von denen man nicht glaubte, dass sie das Zeug zum Hit hatten. Als der Produzent fragte, ob Carl Douglas etwas für die B-Seite habe, kam der Moment, der sein Leben verändern sollte.

Wer sich heute mit Carl Douglas im Haus seines Verlegers zum Interview verabredet, trifft ihn in Sweatpants und Seidenschal an, dem Look eines Mannes, der nie wieder arbeiten muss. Douglas erinnert sich noch sehr genau an die größte Songidee seines Lebens. "Ich hatte beobachtet, wie zwei Jungs die Bewegungen aus Kung-Fu-Filmen nachmachten", erzählt Douglas: "Und ich hatte diese Vision: Junge Leute in Stadien überall auf der Welt, die kämpfen und tanzen wie beim Kung Fu."

Das war es, was Douglas damals, 1974, seinem Produzenten vorschlug. Er wusste auch schon, wie der Song klingen sollte: wie Disco, der neue Sound aus Amerika. Aber mit asiatischem Einfluss, kleinen chinesischen Klangornamenten. "West und Ost", sagt Carl Douglas: "Ying und Yang."

Es war eine exzentrische Idee: Auf der einen Seite ein Liebeslied und auf der anderen etwas über Kampfsport? Hier eine opulente Ballade, da eine Spaßnummer mit Geklimper wie im China-Imbiss? Andererseits: Irgendwas musste ja auf die B-Seite. Der Produzent stimmte zu. Mit den Musikern, die noch im Studio standen, nahm er Kung Fu Fighting auf. Und weil das ein Song mit Augenzwinkern war, streute der Produzent nachträglich Soundeffekte ein: "Huh!"- und "Hah!"-Schreie, wie in den Bruce-Lee-Filmen, die damals im Kino liefen. "Ich habe damit voll übertrieben", sagte er später: "Es war ein Song für die B-Seite. Wer würde sich das schon anhören?" Als Erstes hörte es sich ein Manager der Plattenfirma an. Und der entschied: Dieser Song müsse auf Seite A. Kung Fu Fighting: Das würde der Hit werden. Er sollte recht behalten.