Kein Erbarmen – Seite 1

Thomas Wawerka, 41, bezeichnet sich selbst als "rechtskonservativ". © Peter M. Hoffmann für DIE ZEIT

Manchmal, wenn es schlecht läuft, ist plötzlich alles dahin, was einem wichtig war. Thomas Wawerka, 41, hatte immer Pfarrer werden wollen, und dass er es wurde, war nicht selbstverständlich. "Ich komme nicht aus einer Pfarrersfamilie, in der man von klein auf ständig in der Kirche gewesen wäre", sagt er. "Ich stamme aus einer proletarischen Familie und war der Erste, der studiert hat." Als er, in Sachsen aufgewachsen, vor drei Jahren eine Stelle als Pfarrer bekam, in Frohburg, 1.700 Gemeindemitglieder nahe Leipzig – war er glücklich.

Aber es ging nicht lange gut. Nicht weil er mit seiner Gemeinde nicht zurechtgekommen wäre, wie er beteuert. Sondern weil er mit seiner Kirchenleitung nicht zurechtkam. "Ich dachte oft, dass ich da nicht reinpasse", sagt er. "Dass man beim Landeskirchenamt eine andere Sprache spricht als ich. Vieles kam mir surreal vor." Im Spätsommer 2016 war alles dahin. Seitdem ist Thomas Wawerka arbeitslos, und über die Gründe dafür diskutieren nicht nur die Menschen in seiner früheren Gemeinde. Nach seiner dreijährigen Probezeit wurde er nicht in den regulären Kirchendienst übernommen. Wawerka behauptet: weil seine politische Meinung, von ihm vielfach in Internet-Kommentaren geäußert, der Kirche nicht genehm gewesen sei. Er greift die Landeskirche an, sein Vorwurf: Man sortiere einen Pfarrer aus, weil der nicht "politisch korrekt" gewesen sei. Nicht opportun. Auf sehr ungewöhnliche Weise hat Wawerka dafür gesorgt, dass sein Fall Furore machte. Auf der Internetseite Sezession, betrieben vom neurechten Vordenker-Paar Götz Kubitschek und dessen Frau Ellen Kositza, äußerte er sich in einem Interview. "Offensichtlich hat jemand alle meine Kommentare gesammelt und sich bei der EKD-Leitung über mich beschwert", sagte Wawerka darin. Die Evangelische Kirche in Deutschland habe dann Druck auf Sachsens Landeskirche ausgeübt, die ohnehin in der Kritik stehe, nicht deutlich Stellung gegen Pegida und Co. bezogen zu haben. Daraufhin sei er fallen gelassen worden.

Aber hat er recht? Aus Sicht der Kirche hat Wawerka Dinge gesagt und geschrieben, die seinem Amt nicht angemessen waren. Er habe "menschenfeindliche Äußerungen" getätigt, so hört man aus der Landeskirche. Viel mehr ist nicht zu erfahren. Nur, dass man auch wegen Wawerkas Äußerungen Grenzen gezogen habe. Er, Wawerka, habe sich im Internet unangemessen ausgelassen, vor allem in Bezug auf die Flüchtlingspolitik. Damit habe sich Wawerka auch gegen seinen Arbeitgeber gestellt, gegen das, was die Kirche nach außen vertrete. Eine Willkommenskultur, das Engagement für Flüchtlinge. Es geht hier um Fragen, die aufs Wesentliche zielen in aufgewühlten Zeiten: Welche politischen Ansichten sollte ein Pfarrer vertreten? Wie darf er sie äußern – und wie nicht? Darf die Kirche einen Pfarrer ausgrenzen, der mindestens AfD-nahe Positionen vertritt? Muss sie das gar tun?

Man würde gern mit Wawerka darüber sprechen, doch er erbittet sich Bedenkzeit. Er vertraue vielen Medien grundsätzlich nicht, sagt er. Und er habe Angst, "als Nazi und Versager" dargestellt zu werden. Im Internet hat er sich vielfach offener geäußert, seine Spuren finden sich bis heute dort. Auf Nachrichtenseiten und Blogs, Letztere meist streng konservativ bis populistisch, teils am äußersten rechten Rand verortet, tauchen seine Meinungen zum politischen Geschehen auf – stets unter Klarnamen, mit Porträtfoto. Da forderte er – als er noch Pfarrer war – Diskussionen über die deutsche Identität und die Schwierigkeiten bei der Integration von Flüchtlingen. Er äußerte sein Unbehagen gegenüber einem, wie er fand, übergroßen Moralismus, auch in der Kirche. Es sind meist sorgfältig formulierte Gedanken. Hier und dort tauchen aber knappe Zeilen in einem anderen Ton auf, ruppig, zornig, gar beleidigend. Fast als hätte ein anderer sie geschrieben. Berichte über eine Pegida-Demonstration kommentiert Wawerka so: "Die Sachsen sind gebildeter als der Rest dieser verrotteten Republik – schauen Sie sich die Pisa-Ergebnisse an." Zum Erfolg der AfD im Osten liest man von ihm: "Geht doch. Und geht weiter, allen arroganten Wählerbeschimpfern, Ossihassern und Deutschlandabschaffern zum Trotz." Keine Sätze, die man von Pfarrern gewohnt ist.

Es gehört zu den Tücken dieses Falls, dass niemand alles weiß, aber jeder über vieles spekuliert. Wer in Frohburg nachfragt, in Wawerkas ehemaliger Gemeinde, trifft auf Unsicherheit: weil der Pfarrer irgendwann nicht mehr da war – aber es bis heute unklar ist, wie man es erklären soll, sich selbst und anderen. Es gab eine offizielle Entscheidung von oberster Stelle, aber keine offizielle Begründung, keine Sprachregelung. Die Strategie, den Pfarrer einfach abzuziehen, aber nichts mehr zu sagen, schürt Gerüchte.

Es gibt Mitglieder, die mit dem Pfarrer nicht einverstanden waren, sogar manche, die ihn für untragbar hielten. Aber Wawerka hat auch Fürsprecher. Zum Beispiel Martina Kipping, in Frohburg seit Jahrzehnten Gemeindepädagogin. Für sie war Wawerka "wie eine Oase in der Wüste". Er sei beliebt bei ihr und vielen anderen gewesen. Problematische Äußerungen, sagt Kipping, habe sie von ihm nie gelesen oder gehört. Allerdings hätten einige Gemeindemitglieder von Internet-Kommentaren erzählt, sagt sie. Sie wunderte sich darüber: "Ich fand ihn immer kritisch und ehrlich. Er hat aber nie politisch gepredigt. Und er hat sich doch auch für Flüchtlinge eingesetzt."

Wawerkas einstiger Vorgesetzter, Superintendent Matthias Weisman, will keine Kenntnis von "menschenfeindlichen" Kommentaren haben. Zumindest, sagt er, kenne er deren Wortlaut nicht. "Ich bin nicht so bewandert mit dem Internet", sagt er. Doch Weismann gehört zur Reaktionskette in diesem Fall. Er war es, der Beschwerden aus der Gemeinde über Wawerka entgegennahm – und an das Landeskirchenamt weitergab. Sein Verhältnis zum früheren Pfarrer sieht er ambivalent: "Ich habe ihn als Pfarrer vor Ort weder abgelehnt, noch konnte ich mich entscheiden, festzustellen, dass es der richtige Beruf für ihn ist. Ich wünsche ihm, dass er etwas findet, das ihm entspricht. Womit er sich und andere nicht überfordert."

Man hat wohl nicht zusammengepasst: Er nicht zur Kirche, die Kirche nicht zu ihm

Diese Sätze sind so gewählt, dass sie noch mehr Fragen aufwerfen. Fragen, die nur Wawerka beantworten kann: Irgendwann, nach Tagen des Nachdenkens, beschließt er, doch ausführlich mit der ZEIT zu sprechen. Und man merkt: Der Mensch, um den es hier geht, ist an einem Tiefpunkt seines Lebens angekommen. Er habe sich zu seinen Eltern zurückgezogen, in ein Dorf in Sachsen, und er habe keine Ahnung, wie es weitergehen solle. Aber eines gesteht auch er ein: Man habe wohl nicht zueinandergepasst, er nicht als Amtsträger zur evangelischen Kirche, die Kirche nicht zu ihm. Wie meint er das? "Ein Pfarrer", sagt Wawerka, "sollte sich respektvoll äußern. Ich habe versucht, das zu erfüllen, aber bin da möglicherweise hinter meinen Ansprüchen zurückgeblieben, etwa bei einigen Kommentaren im Internet – auch wenn man mir nie gesagt hat, um welche es konkret geht." Gerade diesen Umgang finde er frustrierend.

Sollte ein Pfarrer Spannungen nicht eher ab- als aufbauen?

Thomas Wawerka hält sich nicht für einen radikalen Menschen, sich selbst ordnet er als "rechtskonservativ" ein, "mit einigen linken Einschlägen in sozialpolitischen Fragen". Wie er die Kirche sieht? "Einerseits gibt es die offiziellen Sprachregelungen, eine Haltung, die ich oft als pädagogisch empfunden habe", sagt er. "Auf der anderen Seite habe ich immer wieder erlebt, dass dann, wenn Pfarrer unter sich sind und einander vertrauen, auch ganz andere Ansichten zu hören sind." Die Kirche beziehe politisch einseitig Position und grenze dadurch Menschen aus, nämlich Andersdenkende. Das ist ein Argument, das man von AfD-Anhängern, in anderen Zusammenhängen, öfter hört. "Die Landeskirche hätte froh sein können, dass sie mich hat, um auch mit Menschen von der anderen Seite im Gespräch zu bleiben", sagt Wawerka. Seine Maxime sei, dass er überall hingehe. Mit allen spreche.

Sollte ein Pfarrer Spannungen in der Gemeinde nicht eher ab- als aufbauen?

Nur heißt das in seinem Fall auch: Er geht sogar zu Götz Kubitschek, dem Betreiber der Sezession, dessen Meinung auch von AfD-Frontleuten geschätzt wird. Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza äußern sich radikaler als die meisten AfD-Leute. Kubitschek hat bei Pegida geredet, auch behauptet, dass "das deutsche Volk durch Flüchtlinge heimlich und leise ausgetauscht" werde. Er begrüßt Vorfälle wie im sächsischen Ort Clausnitz, wo ein Bus mit Flüchtlingen von Anwohnern blockiert und bepöbelt wurde. Für Kubitschek ist soetwas legitimer "Widerstand". Darf sich ein Pfarrer mit Leuten wie ihm derart einlassen?

Die Kubitscheks hätten, sagt Wawerka, nachdem sie seine Internet-Kommentare entdeckt hätten, Kontakt zu ihm aufgenommen und ihn auf ihr Rittergut Schnellroda in Sachsen-Anhalt eingeladen. "Ich bin sehr vorsichtig auf diese Leute zugegangen, mit vielen Vorurteilen und Vorbehalten. Mein Bild war: Das sind die gefährlichen Rechten", sagt Wawerka. Und doch ging er hin. Ein Pfarrer der evangelischen Kirche.

Und das gehe nicht, sagen die Oberen in der Landeskirche. Kann Wawerka das nicht verstehen? "Mag sein", sagt er, "dass Kubitschek irrt und die Regierung recht hat. Mag sein, dass es umgekehrt ist. Soll man ihn und die Neue Rechte doch sachlich widerlegen – ich bin bereit dazu." Er bleibt jetzt schwammig. Kubitschek bezeichnet er als "ehrenwerten Mann, als Bürgerrechtler, als meinen Freund".

Es gibt keinen Kodex, in dem festgeschrieben wäre, was ein Pfarrer sagen darf. Aber solche Sätze irritieren viele. "Wir haben hohe Ansprüche an den Pfarrdienst und erwarten eine Identifikation mit der Landeskirche", sagt Matthias Oelke, Sprecher der Landeskirche Sachsen. Dazu gehöre auch eine flüchtlingsfreundliche Haltung. "Jeder darf natürlich seine persönlichen Meinungen haben. Aber ein Pfarrer sollte als Amtsträger Spannungen in einer Gemeinde abbauen. Er sollte sie durch seine Ansichten nicht aufbauen." Man kann nicht sagen, dass die Kirche sich die Entscheidung im Fall Wawerka leicht gemacht hätte.

Zumal es Leute gibt, die vielerlei Bösem unverdächtig sind und Wawerka verteidigen. Eine davon meldet sich selbst bei der ZEIT, nachdem Wawerka ihr von seinem Interview erzählt hat: Nicole Breithaupt, Religionswissenschaftlerin an der Universität Halle-Wittenberg, kennt Wawerka, wie sie bestätigt, seit Jahren. Sie habe ihn "durchweg als hoch reflektierten und differenzierten Gesprächspartner" erlebt. Sie sei nicht immer seiner Meinung, aber auf diese Weise habe man intellektuelle Gefechte betreiben können, eine Schärfung von Argumenten, wenn eine eher Linke mit einem eher Rechten diskutiert. Sie habe nichts von ihm gehört, "was nicht im Rahmen unserer demokratisch-rechtsstaatlichen Ordnung diskutiert werden kann".

Wer Friedrich Schorlemmer fragt, einen der bekanntesten Theologen und Intellektuellen des Ostens, hört eine sehr entschlossene Haltung: "Natürlich", sagt Schorlemmer, "kann man zu Menschen gehen, die unserer Meinung nach verirrt sind und mit ihnen reden". Aber Kommentare auf Kubitscheks Seite, Kubitschek als Freund bezeichnen? "Götz Kubitschek ist meiner Ansicht nach nicht aufs Diskutieren aus, er macht Menschen verächtlich. Als Pfarrer sollte man an dieser Stelle eine Grenze ziehen, sonst ist man falsch im Beruf", sagt Schorlemmer. "So sehe ich das."

Seit er sein Amt verloren hat, scheint Wawerka die Entscheidung der Kirche noch nachträglich zu legitimieren. Oder hat diese Entscheidung gar wie ein Katalysator gewirkt, ist er erst durch sie richtig auf die andere Seite gewechselt? Nachdem er sein Amt verloren hatte, predigte er in Schnellroda – auf Einladung von Götz Kubitschek. Anlass war eine Demonstration von Linken. Kubitschek habe eine "Friedensandacht" vorgeschlagen, sagt Wawerka. Er hat sie gehalten.