Madina ist geflohen. Von wo? Vor was? "Ich komme von überall. Ich komme von Nirgendwo. Hinter den sieben Bergen. Und noch viel weiter. Dort, wo Ali Babas Räuber nicht mehr hätten leben wollen. Jetzt nicht mehr. Zu gefährlich." Nun sitzt die 15-Jährige mit einem Vater, der ihren Bewegungsraum maximal einzuschränken versucht, einer Mutter, die ständig in Tränen ausbricht, einer Nervensäge von kleinem Bruder und einer Tante mit Waschzwang in einer Unterkunft irgendwo in der Pampa. Status: offen. Ob die Familie bleiben darf? Nicht sicher. Man wartet auf den Bescheid der Behörde und geht sich zu fünft in einem kleinen Zimmer mächtig auf die Nerven. Seit mehr als eineinhalb Jahren schon.

Zum Glück kann Madina dieser Enge jeden Tag für ein paar Stunden entfliehen und zur Schule gehen. Und zum Glück gibt es dort Laura, eine Mitschülerin, die Madinas beste Freundin wird. Laura, die im Mädchenklo eine duftende Rosenseife versteckt, damit Madina sich waschen kann und nicht genieren muss, ungeduscht in die Schule zu kommen, wenn die Tante mal wieder das Bad blockiert hat, um sich die Haut rot zu schrubben. "Ich habe überhaupt viel Glück gehabt", sagt Madina.

Glück? Wenn Mädchen einem trotz Duftseife "Die stinkt" hinterherrufen? Wenn man sich nicht gegen eine tyrannische Köchin wehren kann, die das Essen, das den Bewohnern der Unterkunft zustünde, in Plastiktüten auf dem schwankenden Fahrrad fortschafft? Wenn der Vater einem den kleinen Bruder als Aufpasser hinterherschickt und schon der Besuch eines Fast-Food-Restaurants den absoluten Höhepunkt an Freiheit und Freizeitbeschäftigung bedeutet? Wenn man sich ständig schämt – für die abgetragene Kleidung, für das schäbige Gebäude, in das man keine Gäste einladen will, und vor allem dafür, dass man sich nie revanchieren und etwas zurückgeben kann? Ist das Glück?

Ja – jedenfalls für eine Jugendliche, die dem Leser gleich auf der ersten Seite entgegenknallt: "Ich habe schon Menschen sterben sehen. So."

Julya Rabinowich erzählt nicht nur die Geschichte einer geflüchteten Familie und eine Geschichte des Ankommens, für die Autorin selbst ist Dazwischen: Ich vor allem ein Antikriegsbuch. Die Zerstörungskraft eines Krieges wieder ins Bewusstsein zu holen, gerade in einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs sterben, sei ihr wichtig. Und: jungen Menschen zu helfen, einander vielleicht besser zu verstehen.

Rabinowich kennt gut, wovon sie schreibt. Sie selbst bezeichnet sich als "entwurzeltes Kind": 1970 in St. Petersburg, damals noch Leningrad, geboren, emigrierte sie sieben Jahre später mit ihrer jüdischen Familie nach Österreich. Eigentlich wollten sie weiter nach Israel, blieben aber in Wien hängen. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin, Kolumnistin und Malerin arbeitete Rabinowich viele Jahre als Dolmetscherin für Flüchtlinge und übersetzte für Folteropfer und Kriegsüberlebende in Therapiegesprächen.

Auf diesem Wissens- und Erlebnis-Fundament ruht ihr erster Jugendroman. Rabinowich gewährt tiefe und detaillierte Einblicke in den Alltag in einer Unterkunft, wo die unterschiedlichsten Menschen mit ihren Lebensgeschichten, Religionen und Traumata auf engstem Raum miteinander, oder eher nebeneinander, leben müssen. Sie schildert glaubhaft und bedrückend die Atmosphäre der Anspannung, wenn niemand weiß, ob und wann man in eine echte Wohnung umziehen darf – oder doch von der Polizei fortgebracht wird. Zugleich bekommen wir durch Madina die Innenperspektive, blicken exemplarisch ganz tief in die Seele eines einzelnen Menschen, der alles zurücklassen musste, um zu überleben. Ein junger Mensch, der in der Fremde nach Halt sucht. Der wütend ist, verzweifelt und verängstigt, aber auch stolz und lebensfroh und ehrgeizig: "Wir sind noch nicht richtig hier, aber ich arbeite daran."

Madina strengt sich mächtig an und kommt in der Schule nach kurzer Zeit in fast allen Fächern mit. Besonders kämpft sie gegen die Sprachlosigkeit. Deutsch will sie lernen, um sich verständigen, sich mitteilen und sich wehren zu können: "Und wenn mir jemand blöd kommt, dass ich dem übers Maul fahren kann." Doch was das Mädchen mit Freude und Stolz erfüllt, bereitet den Eltern Angst. Wo die Tochter eine Zukunft erträumt, sehen sie nur eine große Leere. Der Konflikt ist vorbestimmt, und er kommt.

Bemerkenswert ist nicht nur die einfache, dabei aber kraftvolle Sprache, die genau zu einer 15-Jährigen mit Madinas Geschichte passt, Rabinowich überzeugt auch mit ihren Figuren, die sie so komplex und ambivalent gestaltet, wie das Leben Menschen zeichnet. Madinas Freundin Laura etwa ist nicht das gutmenschelnde Teenie-Mädchen, das als Nebenfigur für die Erzählung naheläge. Sie hat eine eigene Geschichte der Ausgrenzung erlebt und trägt nicht grundlos ständig leere Weinflaschen aus der Küche. Auch die Konflikte, die innerhalb des Mini-Familienkosmos zwischen Eltern, Kindern und Tante ans Licht kommen, sind vielschichtig und spiegeln im Kleinen, wie sich das Leben zuweilen in einem Bürgerkrieg anfühlen muss, wenn man plötzlich nicht mehr weiß, wer gut und wer böse ist, wem man trauen kann und wer einen verrät. Am Ende ist es ausgerechnet dem traditionsbewussten Vater geschuldet, dass die Tochter sich emanzipiert, die Stimme erhebt und die Stelle des Familienoberhaupts einnimmt – während der Vater, vor eine ausweglose Entscheidung gestellt, in die Heimat zurückgeht, obwohl er dort mit dem Tod rechnen muss.

Die Jugendliteratur ist derzeit übervoll von Flucht-Geschichten: Bilderbuch, Kindererzählung, Jugendroman, Sachbuch – selten wurde ein aktuelles Thema in den vergangenen Jahren so facettenreich abgebildet. Da sage noch einer, die Jugendliteratur sei seit den 68ern nicht mehr politisch! Zwischen den vielen, auch vielen sehr guten Büchern, die sich bemühen, die politische Debatte zu flankieren, fällt das von Julya Rabinowich auf. Selten hat man schon auf den ersten Seiten ein so starkes erzählerisches Gegenüber, eine so eigene Stimme, die sich Gehör verschafft. "Solche wie dich können wir hier gut gebrauchen", wird am Ende des Romans eine Sachbearbeiterin zu Madina sagen. Das gilt auch für dieses Buch.

Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich. Hanser Verlag 2016; 256 S., 15,– €; ab 14 Jahren