In Sachsen-Anhalt konnte man in der vorigen Woche das Gefühl bekommen, CDU-Innenminister Holger Stahlknecht habe beschlossen, den Teufel nicht nur anzuflirten, sondern im Grunde direkt eine eingetragene Lebenspartnerschaft mit ihm einzugehen. So groß war die Empörung bei SPD und Grünen darüber, dass er – also Stahlknecht, nicht der Teufel – eine Einladung des Magdeburger Theaters zur Podiumsdebatte mit dem Neurechten Götz Kubitschek angenommen hatte. "Unglaublich und verantwortungslos" fand das die Grünen-Fraktionschefin Cornelia Lüddemann auf Twitter. Stahlknecht "überschreitet klare politische Grenzen. Muss Thema im Landtag werden", schrieb im gleichen Kanal SPD-Fraktionsvize Andreas Steppuhn. Und SPD-Landeschef Burkhard Lischka, wie Lüddemann und Steppuhn Koalitionspartner von Stahlknechts CDU, schäumte: "Unfassbar: Innenminister setzt sich mit Götz Kubitschek, Spindoctor der Neuen Rechten, aufs Podium."

Die Frage ist: Paktiert man schon mit Leuten wie Kubitschek, wenn man sie auf einer Bühne trifft?

Holger Stahlknecht, muss man wissen, fällt als einer von wenigen Politikern in Sachsen-Anhalt immer wieder damit auf, dass er AfD-Leute fein ziseliert, in der Sache, in anständigem Ton und trotzdem überzeugend widerspricht. Stahlknecht ist Volljurist und früherer Staatsanwalt, er hatte die Debatte mit Kubitschek als Chance gesehen, einen der Vordenker dieser Partei auf der Bühne zu bezwingen. Das darf man ihm getrost glauben.

Seine Entscheidung, die Einladung zur Podiumsdiskussion anzunehmen, verteidigte er sodann auch mit Verve: Die Menschen seien 1989 auf die Straße gegangen, damit jeder seine Meinung äußern dürfe. Von politischer Korrektheit und Internet-Entrüstung werde er sich den Mund nicht verbieten lassen.

Das Verbot kam dann trotzdem wenig später, jedoch nicht aus dem Internet, sondern aus der Staatskanzlei: Reiner Haseloff, der CDU-Ministerpräsident, ließ über seinen Regierungssprecher mitteilen, dass das Gesprächsformat im Magdeburger Theater "in dieser Form nicht stattfinden" werde. Und im Interview mit der Magdeburger Volksstimme setzte Haseloff einen drauf: Eine Podiumsdebatte mit seinem Innenminister wäre der "Ritterschlag für einen solchen wirren rechtsextremen Ideologen" gewesen, so Haseloff, deshalb habe er Stahlknecht den Auftritt verboten. "Das ist eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf. Das muss jeder in der Landesregierung wissen und akzeptieren." Stahlknecht habe das erst anders gesehen, "sieht es jetzt aber genauso wie ich".

Abgesehen davon, dass Letzteres zu bezweifeln ist: Es herrscht nun Aufruhr in Sachsen-Anhalts CDU. Viele an der Basis, aber auch viele Landtagsabgeordnete sind wütend, dass Haseloff den Grünen und der SPD zuliebe den eigenen Minister öffentlich abgekanzelt, gar beschädigt habe. Immer öfter ist zu hören, dass Haseloff von der Furcht, Innenminister Stahlknecht oder andere trachteten ihm nach dem Amt, getrieben sei. Weshalb er, zum Wohle seines schwarz-rot-grünen Kenia-Bündnisses, einen rot-grünen Wunsch nach dem anderen erfülle.

Aber sich jetzt noch von den Grünen vorschreiben zu lassen, wie die CDU mit der AfD umgeht? Das geht nicht wenigen in der Union viel zu weit.

Nun ist Kubitschek kein gewöhnlicher AfD-Mann, er ist nicht einmal AfD-Mitglied, sondern einer der radikalen Vordenker der Neuen Rechten. Kubitschek soll mit seinem "Institut für Staatspolitik" in Schnellroda einer der geistigen Zuträger der AfD-Truppenteile um Thüringens Fraktionschef Björn Höcke sein; in seinem Verlag Antaios verlegt er sogar Akif Pirinçcis Umvolkung. Auch Stahlknechts Unterstützer sagen deshalb: Ja, man könne leidenschaftlich darüber diskutieren, ob man mit Kubitschek diskutieren sollte. Aber sei der Sache geholfen, wenn alle immer schon vorher gewusst haben wollen, wo die roten Linien verlaufen? Was recht ist und was falsch? Sollte man Leute wie Stahlknecht nicht auch mal ausprobieren lassen, trial and error, statt den Koalitionsbruch in den Raum zu stellen? Am liebsten würde man das Stahlknecht fragen, aber er mag sich eigentlich nicht mehr äußern. Weil ihn eines nachdrücklich empört, sagt er aber doch ein paar Worte. Die Grünen hatten behauptet: Stahlknechts Plan, mit Kubitschek zu diskutieren, diene heimlich der Anbahnung mit der AfD! "Dieser Vorwurf", sagt Stahlknecht, "ist eine Unverschämtheit. Genau das Gegenteil war das Ziel. Ich will diese Leute von der AfD intellektuell entblättern. Sie sind nun mal Subjekt, nicht Objekt. Die Auseinandersetzung mit ihnen gelingt nur, wenn wir auch mit ihnen streiten, nicht nur über sie."

Klar ist, dass die Entrüstung einem Mann allergrößte Prominenz beschert hat, ohne dass der die Theaterbühne betreten musste: Götz Kubitschek wird sich freuen.