Ja, auch das Edelweiß ist ein ökonomisches Ding. Normalerweise dreht sich in den Wirtschaftswissenschaften alles um BIP und BSP, um Inflation oder Handelsbilanz, um Konjunktur und Rezession. Und immer, fast immer, werden die gewonnenen Einsichten in Zahlen erfasst und in einer Währung formuliert. In Geld.

Die Währung, in der Jana Gallus rechnet, ist das Edelweiß. Genauer noch: Das "Edelweiß mit Stern". Die junge Ökonomin dachte sich diesen Preis aus, der finanziell zwar überhaupt nichts wert ist. Aber offenbar sehr viel, wenn man ihn gefühlsmäßig beurteilt. Gallus’ Experimentierfeld war Wikipedia, dieses Menschheitslexikon, welches an sich schon beweist, dass die gängige Zahlen-Ökonomie nur einen Bruchteil der Wertschöpfung und der wirtschaftlichen Leistung erfasst. Bei Wikipedia arbeiten Tausende Menschen mit, ohne jemals einen greif-, spür- oder messbaren Gegenwert zu erhalten. Nicht einmal Ruhm und Karrierechancen sind ihnen vergönnt, Wikipedianer werkeln anonym.

Angebot und Nachfrage? Preis und Leistung? Es gibt wirtschaftliche Kräfte, die sich dieser Logik entziehen, und diesen Markt lotet Jana Gallus aus. Das macht sie für den Schweizer Ökonomen Bruno S. Frey zur vielversprechendsten Newcomerin seines Fachs.

29 Jahre alt ist Jana Gallus. Mit ihrem Lebenslauf beweist sie gleich selbst, welche ökonomische Bedeutung nicht ökonomische Werte haben – und wie unwichtig die Nationalität im globalen Wissenschaftssystem ist, zu dem auch die Schweiz zählt.

Gallus, die Deutsche, schloss ihr Abitur in Hessen mit Bestnote ab, machte ihren Bachelor in Paris und Santa Barbara, den Master an der Pariser Eliteschule Science-Po sowie an der Universität St. Gallen; sie zog dann weiter an die Universität Zürich zur Summa-cum-laude-Promotion, gefolgt von einer Postdoc-Forschungsstelle in Harvard. Und seit diesem Sommer ist sie nun Assistenzprofessorin an der University of California (UCLA) in Los Angeles. "Ich habe es knapp geschafft, dort ein paar Stühle für meine Wohnung zu besorgen", sagt Gallus bei unserem Treffen. Da sitzt sie im Münchner Max-Planck-Institut. Kaum angekommen in Los Angeles, musste sie weiterjetten für Vorträge und Auftritte: nach Chicago, Boston und Berkeley und jetzt eben nach Bayern in den Herbstnebel.

Selbst Ökonomen sind keine reinen Nutzenmaximierer

Jana Gallus erforscht die Macht der Achtung. Oder die motivierende Wirkung von Werten ohne Marktwert. In ihrer Arbeit mit Wikipedia entwickelte sie dazu ein ganz reales Experiment: Die Macher des Online-Lexikons sahen sich mit dem Problem konfrontiert, dass viele Autoren rasch wieder aussteigen, oft nach einem einzigen Beitrag. Wie ließe sich das ändern? In Absprache mit den Verantwortlichen des Schweizer Wiki-Portals lobte Jana Gallus eine Auszeichnung aus: Eine bestimmte Zufallsgruppe von Autoren erhielt für die ersten eigenen Beiträge das "Edelweiß mit Stern", ein Signet, mit dem man seine Profilseite schmücken durfte. Dann, elf Monate später, erkannte die Forscherin: Ein größerer Teil der Edelweiß-Empfänger verfasste in den Wochen danach Wikipedia-Einträge – und vor allem: Die motivierende Wirkung hielt lange an. Noch ein Jahr nach Verteilung des Symbol-Stickers schrieben die Preisträger tendenziell häufiger als die Autoren der Kontrollgruppe. Obendrein bekam Jana Gallus von ihren Edelweiß-Gewinnern reihenweise Zuschriften, welche die Kostbarkeit des vermeintlich wertlosen Digitalordens spürbar machten. "Ich fühle mich sehr geehrt durch diesen Preis. Er zeigt mir, dass unsere Beiträge, wenn sie auch klein sein mögen, hier anerkannt werden." Braucht es dazu noch mehr wissenschaftliche Deutung? "Die reine Anerkennung kann Selbstvertrauen vermitteln", sagt die junge Frau in München. "Die pure Aufmerksamkeit gibt das Gefühl, dass man nicht in der Menge verloren ist."