Seine Eminenz Kardinal Meisner war bisher nicht als Guerilla-Kämpfer bekannt. Vielmehr diente der ehemalige Kölner Erzbischof in der Armee der letzten beiden Päpste als eine Art Offizier im Generalstab; er führte treu und vorbildlich Befehle aus und gab sie vor allem glasklar nach unten weiter. Politisch war er immer auf Linie. Bis jetzt. Jetzt hat er sich sehr partisanenartig verhalten, weshalb ihm einige Kritiker bereits die Kardinalswürde entzogen wissen wollen. Was ist geschehen? Vor einigen Wochen schrieb der Kardinal einen Brief, gemeinsam mit drei Kollegen, unter ihnen der Traditionalist Raymond Kardinal Burke. Der Brief ging an den Papst. In dem Schreiben bitten die Verfasser um Klärung einiger Stellen in Amoris laetitia. Franziskus antwortete nicht, daraufhin machten die Autoren den Brief öffentlich. Für diese offene Attacke auf Amoris laetitia werden sie nun scharf von hochrangigen Kurienkardinälen und Theologen kritisiert. Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Müller, zeigte schon mal die Instrumente und kommentierte sinngemäß: Also, wir würden eingreifen und "schlichten", wenn wir den Marschbefehl bekämen …

Wenn das Heilige Offizium etwas "schlichten" will, wird es spannend. Worum geht es in Meisners Brief? Formell ist er eine Bitte an den Papst, Zweifel der Schreiber an einigen "Amoris"-Stellen auszuräumen. Inhaltlich geht es im engeren Sinne um Sex, die Kommunion, den Zusammenhang zwischen beiden und im weiteren Sinne um absolute Moral und relative Gewissensfreiheit. Die Autoren fragen, kurz zusammengefasst: Soll jetzt immer Toleranz mit Menschen geübt werden, die sich im Status des Ehebruchs (sexuelle Aktivitäten sind ausschließlich miteinander Verheirateten erlaubt) befinden, indem man ihnen die Hostie gibt? Ist folglich die Enzyklika Johannes Pauls II. namens "Veritatis splendor" nicht mehr in Kraft, in der er feststellt, dass absolute moralische Normen existieren, die ausnahmslos immer gelten und in sich schlechte Handlungen verbieten? Ist Ehebruch nach katholischer Definition noch eine solche? Gilt noch, dass ein unsittlicher Akt niemals in einen vertretbaren verwandelt werden kann? Nimmt das individuelle Gewissen jetzt eine "kreative" Rolle bei moralischen Entscheidungsprozessen ein?

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die Fragen sind in der Originalversion so scharf gestellt, dass der Papst als Verfasser von Amoris laetitia sich mit jeder Antwort, die er wählen würde, in eine Gegenposition zu mindestens seinem vorletzten Vorgänger manövrieren würde. Die Fragen insinuieren: Du, Franziskus, bist ein Abtrünniger, ein von der rechten Lehre Abgekommener. Die Zeile "Kardinal Meisner greift Papst an" ist in sich eine schöne Ironie. Meisner, der sonst so treue Offizier, ist so nicht nur zum Guerilla-Kämpfer geworden. Er ist auch der Felsbrockenwerfer aus Amoris laetitia, der mit kalter Moral auf die Alltagskatholiken zielt. Freilich wird Franziskus den Verfassern nun nicht die Kardinalswürde entziehen, dazu ist er – auch hier ein Gruß an "Amoris laetitia" – zu barmherzig, oder: zu souverän. Und Meisner? Die Macht ist nicht mehr mit ihm. Er wurde vom Offizier zum Widerständler, ganz ohne Ideologie-Änderung – Verrat ist immer eine Frage des Datums.