In Frankreich gibt es neben den weltweit bekannten Fastfood-Anbietern McDonald’s und Burger King eine weitere, bei den Franzosen äußerst beliebte Imbisskette. Sie heißt Quick. Quick bietet nicht nur einfache Burger an, Quick brät Buletten aus halal geschlachtetem Fleisch, islamkonforme Burger also. An dieser Braterei nimmt der Front National (FN) Anstoß. Die Rechtsextremen um Marine Le Pen sehen in den Burgern einen Beweis für die Islamisierung Frankreichs. So steht es im Parteiprogramm des FN. Dort heißt es weiter: Islamisten wollten in Frankreich die Scharia einführen. Die Republik müsse deswegen ihre in der Verfassung festgeschriebene Laizität – die strikte Trennung zwischen Staat und Religion – neuerlich verteidigen. Doch was heißt Laizismus heute und worum geht es in diesem Konflikt?

Der erste Satz der französischen Verfassung lautet: "Frankreich ist eine unteilbare, laizistische, demokratische und soziale Republik." Ihm entsprechend ist der Staat zu strikter weltanschaulicher Neutralität verpflichtet. Religion ist Privatsache. Anders als in Deutschland treibt der französische Staat also, beispielsweise, keine Kirchensteuern ein. Die Nationalversammlung verabschiedete im Jahr 1905 das entsprechende Gesetz. Damals sollte der Staat vor dem – als gefährlich eingeschätzten – politischen Einfluss der katholischen Kirche geschützt werden. Praktisch bedeutet das noch heute: In öffentlichen Gebäuden wie Schulen oder Rathäusern gibt es keine Kreuze, und Beamte dürfen keine Symbole ihres Glaubens tragen.

Die vermeintlichen Vorkämpfer des Laizismus haben heute weniger ein Problem mit Katholiken in hohen Staatspositionen, vielmehr fürchten sie, der Islam könnte die mächtige Rolle einnehmen, die die Kirche vor gut 100 Jahren innehatte. Deshalb wird das hehre Prinzip der Laizität gegenwärtig als Feigenblatt benutzt. Islamfeindliche Aussagen werden mit Bezug auf den Grundsatz schöngefärbt: "Ich will doch nur die Laizität retten" sagt, wer "Ich möchte nicht, dass der Islam in Frankreich irgend sichtbar ist" meint.

Am Thema Essen entzündet sich seit Langem ein solcher Laizismus-Streit: Es werde kein Schweinefleisch mehr in der Schule serviert, behauptet der FN – der islamische Einfluss ist schuld. Die falsche Toleranz ihm gegenüber gefährde die Laizität. Dabei artikuliert der FN nur ein Anti-Islam-Ressentiment. Das Kantinenthema wurde auch bei den jüngsten Vorwahlen der Republikaner behandelt. Ex-Präsident Sarkozy schlug zum Beispiel pragmatisch vor, Schülern, die kein Schweinefleisch essen, einfach mehr Pommes zu servieren. Doch Sarkozy ist Geschichte, der Kandidat der Republikaner heißt François Fillon. Er ist 62 Jahre, bekennender Katholik, fünffacher Vater und pflegt ein konservatives Familienbild.

Wie Fillon die Wahl der Republikaner eigentlich gewann, können sich Politikbeobachter bis heute nicht erklären. Jeder hatte mit dem Sieg des Bürgermeisters von Bordeaux, Alain Juppé, gerechnet. Doch Fillon hatte mächtige Unterstützer, die gut organisierte, konservativ-katholische Minderheit. Er wurde durch eine Bewegung unterstützt, die gegen die Ehe Gleichgeschlechtlicher mobilisiert und die 2013, als die "Homo-Ehe" legalisiert wurde, Millionen von Demonstranten auf die Straße brachte. Doch auch in Frankreich werden die Katholiken weniger. Ihr Anteil an der Bevölkerung schrumpft. Die Zahl der Taufen ging in den vergangenen 25 Jahren von fast 500.000 auf unter 300.000 pro Jahr zurück.

Viele Katholiken, gerade im streng konservativen Milieu, teilen die Angst vor dem Islam – und Fillon schenkt ihnen Gehör. Mehr als das, er gibt ihnen recht. Wenn Fillon über den Islam spricht, ähnelt sein Wortlaut dem des FN. In einem Schreiben an die französischen Bischöfe fordert er, die Franzosen müssten dem "islamischen Totalitarismus" ihre Werte entgegensetzen. Deswegen warben islamfeindliche Blogger für Fillon und diskriminierten seinen Herausforderer Juppé. Der wolle die islamische Invasion vorantreiben, hieß es. Er wurde fortan "Ali Juppé" genannt und auf Karikaturen mit Salafistenbart gezeichnet. Im letzten Fernsehduell gegen Juppé appellierte Fillon an französische Werte. An die Einwanderer gerichtet sagte er: "Ich will, dass die Ausländer, die in unser Land kommen, sich integrieren, sich assimilieren. Wenn man in das Haus eines anderen eingeladen wird, übernimmt man aus Höflichkeit dort nicht die Macht."

In dieser Aussage liegt das Grundmissverständnis der Debatte um die Laizität. Wenn Fillon oder Le Pen über sie sprechen, verlangen sie in Wirklichkeit die Assimilierung muslimischer Einwanderer. Ihre Ressentiments verkleiden sie in dem Appell an die unbedingte Achtung des Laizismus-Prinzips. Die Muslime sollen die christlichen Traditionen anerkennen und respektieren – so lautet die eigentliche Aussage.

Den Mechanismus illustriert folgendes Beispiel: Jedes Jahr gibt es in Frankreich einen Streit, ob in Rathäusern Krippen aufgestellt werden dürfen oder nicht. 2014 musste in der Vendée eine Krippe abgebaut werden. Die Verfechter des Laizismus sagen, der Staat habe sich so sehr an die Neutralität zu halten, dass keine öffentlichen Krippen möglich seien. Symbole, in denen ein Bekenntnis sichtbar werde, hätten in öffentlichen Gebäuden nichts zu suchen. Die Konservativen halten dagegen: Krippen stünden für eine kulturelle Tradition, nicht für ein Glaubensbekenntnis.

Die Entscheidung der Justiz: Mittlerweile dürfen in Ausnahmefällen Krippen in öffentlichen Gebäuden aufgestellt werden – wenn der Kunstaspekt und nicht die Religion im Vordergrund steht. Was das genau heißt? Unklar. Auf der anderen, der muslimischen Seite sorgte die Diskussion um den Burkini für Aufsehen. Als am Strand von Nizza Polizisten eine Frau aus dem Ganzkörperanzug zwangen, litt das Ansehen Frankreichs weltweit. Das oberste französische Verwaltungsgericht erlaubte in der Folge das Tragen eines Burkinis. Für konservative Franzosen war das ein Eklat: Krippe nein, Burkini ja? Zwei Fragen, die nichts miteinander zu tun hatten, wurden in der öffentlichen Diskussion vermischt. Und wieder sahen die Islamkritiker die Laizität bedroht – nur weil Privatleuten an Stränden lange Badekleidung erlaubt worden war.

Es ging zuvor um Krippen an öffentlichen Orten. Ein solch repräsentativer Fall ist der Burkini nicht, seine Trägerinnen sind Individuen. Bei vielen Franzosen jedoch blieb ein Nachgeschmack: Muslimische Symbole gehen, christliche nicht? Auf dieses Unrechtsgefühl reagierte Fillon. Den Burkini will er verbieten. Trotz der Entscheidung des Gerichts. Dabei wäre sein Vorhaben verfassungsrechtlich fragwürdig. Aber zumindest hat der Republikaner mit dem Vorschlag seinen antimuslimischen Standpunkt deutlich gemacht.

Der sozialistische Ministerpräsident Manuel Valls hält den Burkini für ein Zeichen der Unterdrückung. Anders als Fillon verteidigt er die Zugehörigkeit der muslimischen Gemeinde zu Frankreich. Diese sei die zweitgrößte religiöse Gruppe im Land. Valls möchte zeigen, dass Islam und Laizismus vereinbar sind: Schülerinnen sollen Kopftücher tragen dürfen, Lehrerinnen nicht. Sobald sich eine Person in den Dienst des Staates stelle, stehe die Republik über dem Glauben, so Valls. Seine und Fillons Ansichten kollidieren nicht nur in der Theorie: Seit Frankreichs Präsident François Hollande auf eine erneute Kandidatur für die Sozialisten bei den kommenden Präsidentschaftswahlen verzichtete, bringt sich Valls als Kronprinz in Stellung. Stimmt die sozialistische Partei für ihn als Kandidaten, tritt er gegen François Fillon an.

Angesprochen auf die Laizität, äußerte Fillon Bedenken, sie könne zu weit greifen. "Ich lehne ein Frankreich ab, in dem das Tragen eines Kreuzes, eines T-Shirts mit dem Konterfei des Papstes, einer Kippa, eines Turbans oder eines Kopftuchs auf offener Straße verboten sind", sagte er. "Ein weiteres Verschärfen der laizistischen Regeln könnte ein Verletzen der religiösen Freiheit zur Folge haben."

Seinen Anhängern gefiel das. Fillon fuhr bei den Vorwahlen der Republikaner vor allem in den Stammgebieten der Katholiken gute Ergebnisse ein. Allerdings hat keiner seiner Gegner gefordert, dass demnächst in der Fußgängerzone kein Kreuz mehr getragen werden soll. Vielmehr geht es um die Frage, ob auch in Privatunternehmen Glaubenssymbole verboten sein sollen. Fillons Kalkül: auch in dieser Debatte die Ängste seiner Anhänger schüren. Und so bedienen sich beide, Fillon und Marine Le Pen, der Furcht vor dem Islam, um ihre Popularität zu steigern. Doch sollte sich speziell Fillon von dieser Anhängerschaft erpressen lassen, könnte sich das Selbstverständnis der Republik verändern.

Machte Fillon nach der Wahl seine Androhungen wahr, würde er viele Liberalisierungen der vergangenen Jahre zurückdrehen: Gleichgeschlechtliche Paare dürften keine Kinder adoptieren, künstliche Befruchtung wäre reserviert für Heterosexuelle und Muslime würden zur Assimilation ermahnt. Würde er damit nicht die Laizität ganz begraben? Diesen fundamentalen Bestandteil der Staats-DNA den Ängsten seiner Anhänger opfern? Seine Biografin Christine Kelly beruhigt: "François Fillon ist zuallererst ein Diener der Republik, und diese ist laizistisch. In seiner Karriere als Minister und als Premier hat er im Zweifel immer für den neutralen Staat und gegen seine religiösen Überzeugungen optiert."

Im Zweifel sollte sich der künftige Präsident an den Satz des Amtsvorgängers halten, der für die Franzosen fast an den lieben Gott heranreicht. Angesprochen auf die "laïcité", sagte General de Gaulle: "Verwechseln Sie nicht den französischen Präsidenten mit dem Erzbischof von Paris."