Die Wohnung, in der Klaus Wegner lernte, was Hass ist, lag im vierten Stock. Jetzt gibt es sie nicht mehr: Wegner zeigt auf einen Neubau in der Mannheimer Innenstadt, dort oben, müsse man sich vorstellen, habe er gewohnt. Und da unten, er zeigt auf zwei Schaufenster, da sei die Eingangstür gewesen, direkt wenn man reinkommt, links, die Briefkästen und hinten der Fahrstuhl.

Sein halbes Leben hat Klaus Wegner, 56, in dieser Wohnung verbracht: 4. Obergeschoss, zwei Zimmer, Küche, Bad. 68 Quadratmeter mit Balkon, für 428 Euro kalt. 1985 ist er eingezogen, ausgezogen ist er nie. Seit drei Jahren war er nicht mehr hier, seit jenem Tag, als sie die Wohnung einfach abgerissen haben. Und damit auch einen Teil seines Lebens. So sieht es Wegner.

An diesem sonnigen Herbsttag ist der Neubau fast fertig, ein gigantischer Riegel aus Glas und kalter Fassade, mehrere Straßenzüge lang, auf einer Fläche, doppelt so groß wie die des Kölner Doms. Mehr als 25.000 Quadratmeter Ladenfläche sind hier entstanden, außerdem ein Vier-Sterne-Hotel, ein Fitness-Studio und mehrere Arztpraxen. Auch 85 Mietwohnungen gibt es in den oberen Etagen. Die wurden im Internet auf einem Immobilienportal angeboten, für mehr als das Doppelte des Quadratmeterpreises, den Klaus Wegner zahlte.

Die Shoppingmall gilt als Prestigeprojekt, der Mannheimer Oberbürgermeister eröffnete sie Ende September persönlich. Auf der Internetseite der Betreiber ist von einem "Erlebnisraum" die Rede, dem "überregionale Bedeutung" zukomme. Der Neubau werte die Gegend auf, es sei ein "lebendiges Quartier für jedermann" entstanden. So sehen es die Betreiber.

In vielen Großstädten werden Menschen aus ihren Vierteln gedrängt, weil die Mieten steigen, die Wohnungen verkauft oder die Häuser abgerissen werden. Man hat sich daran gewöhnt. Doch dieser Fall ist ungewöhnlich. Wegner wehrte sich: Er klagte gegen seine Kündigung, und die Gerichte gaben ihm recht. Die Kündigung war illegal. Und trotzdem steht da, wo Wegner einst lebte, heute eine Filiale der Billigmodemarke Primark. Man kann hier T-Shirts für 2,50 Euro finden und Hosen für 10 Euro, billige Wohnungen findet man hier nicht mehr.

Klaus Wegner hat eine halbe Stunde lang durchgeredet, auf dem Gehweg vor dem Neubau, er hat erklärt, wo die Glasmüllbehälter standen, wo die Apotheke war und wo der Chinese. Dann schweigt er. Was denkt er jetzt? Er wiegt den Kopf und fährt sich mit der Hand über die schweißige, blasse Stirn. Er habe in seinem Leben noch nie Hass empfunden, sagt er dann, aber wenn er dieses Gebäude sehe, empfinde er nichts als blanken Hass. "Es gibt jemanden, dem ist das Gesetz egal", sagt er. "Und das hier ist sein Denkmal."

Es war am 5. Januar 2013, einem Samstag, als der Konflikt um Wegners Wohnung eskalierte. Den Jahreswechsel hatte er bei Freunden in der Pfalz verbracht, danach war er mit seiner Freundin nach Heidelberg gefahren, in die Wohnung seiner verstorbenen Mutter, wo er die meiste Zeit verbrachte, seit ihm die Zumutungen in seiner Mannheimer Wohnung unerträglich geworden waren. An diesem Vormittag fand er in der Post einen Brief der Anwälte seines Vermieters, des angesehenen Mannheimer Familienunternehmens Diringer & Scheidel. Aufgrund eines "bedauerlichen Versehens", schrieben die Anwälte, seien an dem Gebäude "umfangreiche Abbrucharbeiten" durchgeführt worden. Vom Abbruch sei auch seine Wohnung betroffen. Man bitte ausdrücklich um Entschuldigung. Wegner hatte nicht geglaubt, dass sie so weit gehen würden.

Er setzte sich in seinen alten roten Honda und fuhr die gut 20 Minuten nach Mannheim. Als er an seinem Haus ausstieg und zur 4. Etage hochblickte, sah er nur noch die Raufasertapete an der Wand seines Wohnzimmers, die Wohnungstür, daneben eine Wand des Badezimmers. Mehr nicht. Es war der Blick in ein Puppenhaus, bei dem die Außenwand fehlt. Auch der Fußboden war nahezu verschwunden, an der Badezimmerwand hing noch ein Spiegel. Ein zweiter Badspiegel lag vier Etagen tiefer unter dem Schutt begraben, genauso wie Wegners Stereoanlage und viele seiner Möbel, sein Abiturzeugnis und die kleine Krawattennadel aus Gold, die sein Großvater einst als Gesellenstück gefertigt hatte. Der Schaufelbagger, Modell T-Rex, stand noch auf dem Gelände. Er hatte von Wegners Leben wenig übrig gelassen.