DIE ZEIT: Herr Gauweiler, Sie haben sich mal als "erfahrenen Populisten" bezeichnet. Haben Sie sich diese Rolle ausgesucht – oder wurden Sie zum Populisten gemacht?

Peter Gauweiler: Ich erinnere mich, wann ich das gesagt habe. Es war bei meinem letzten Gespräch mit der ZEIT, damals haben Sie mich mit Alexander Gauland streiten lassen. Und da musste ich betonen, wer von uns beiden der Erfahrenere ist!

ZEIT: Was unsere Frage nur zum Teil beantwortet.

Gauweiler: Ach, wissen Sie, ganz früher dachte ich mal, ich sei ein Liberaler. Liberal im Sinne von normal. Und dann haben die Leute immer gesagt, wenn du eines nicht bist, dann ein Liberaler, du bist doch rechts. Ordnung, Differenz, Distanz. Aber was meint man heute mit rechts? Doch eher etwas Negatives. Ein bewusst missverständlicher Begriff. Und nehmen Sie das Wort vom Gutmenschentum. Das soll eine bestimmte Haltung total abwerten, ist als Kritik aber auch nicht zu Ende gedacht. Denn wer wollte ernsthaft ein Schlechtmensch sein? Genauso ist es mit dem Populismus. Es ist ein negativer Kampfbegriff. Populistisch, das sind ja immer die anderen, das ist man nie selbst. Um sich von ihnen abzugrenzen – als etwas Besseres.

ZEIT: Und trotzdem bezeichnen Sie sich selbst als Populisten.

Gauweiler: Weil ich, wie Sie ja schon bemerkt haben, ein leicht provokatives Element in mir trage.

ZEIT: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das Zeug zum Populisten haben?

Gauweiler: Kann ich nicht sagen. Wer Politik betreiben will, lässt sich mit diabolischen Mächten ein. Das ist nicht von mir, sondern von Max Weber. Nennen Sie mir irgendeinen Politiker, der nicht auch populistisch agiert! Das weiß doch jeder seit seinem ersten Wahlkampf. Nur: Eine Meinung mundgerecht zu machen ist für sich nichts Schlechtes. Das wissen übrigens auch Intellektuelle, Schriftsteller, Journalisten, wenn sie bei ihrem Publikum punkten wollen. Das ist oft unangenehm und anbiedernd. Aber es ist so.

ZEIT: Gibt es guten und schlechten Populismus?

Gauweiler: Gut oder böse ist nur, was der Mensch daraus macht. Ein guter Populist muss ein guter Verhaltensforscher sein. Den Vogelflug beobachten können. Uns Populisten wird oft vorgeworfen, wir würden mit zu einfachen Antworten arbeiten. Eine Sache wirklich auf den Punkt bringen zu können heißt, sie zu Ende zu denken. Scheinbar komplizierte Grundsatzfragen sind häufig eben doch ziemlich einfach: Mehr und mehr Einwanderung – kannst und willst du das wirklich verhindern, oder redest du nur? Weniger Kriminalität in den Großstädten? Wie denn? Gib verdammt noch mal zu, wenn du es für unmöglich hältst. Aber betrüge nicht damit! Deine Rede sei ja, ja, nein, nein. Schlag nach bei Matthäus.

ZEIT: Und wo verläuft die Grenze zum schlechten Populismus?

Gauweiler: Ich muss fähig bleiben, das Biest in mir zu bekämpfen. Populismus gilt ja auch als etwas Vulgäres. Die Sau herauslassen, andere nur abstoßen. Das darf kein Dauerzustand sein. Die Wut gibt einem Kraft, aber man muss sie beherrschen. Das ist für einen Menschen, der rhetorisch nicht völlig erkaltet ist, nicht immer ganz leicht.

ZEIT: Wie erklären Sie sich die Anziehungskraft der neuen Populisten?

Gauweiler: Das ist kein neues Phänomen. Als rhetorisches Mittel eindringliche Sprachbilder zu benutzen – diese Stilmittel gibt es seit 2.000 Jahren.

ZEIT: Was ist dann neu?