DIE ZEIT: Frau Professor Reiss, Herr Professor Köller, ist Deutschland ein schlechter Verlierer?

Olaf Köller: Wo hat Deutschland denn verloren?

ZEIT: Seit dem ersten Pisa-Test im Jahr 2000 hat sich Deutschland konstant von Studie zu Studie verbessert. Nun zeigt sich das erste Mal, dass wir in Mathematik leicht und bei den Naturwissenschaften sogar merklich an Leistungspunkten gegenüber dem letzten Test 2012 verloren haben.

Kristina Reiss: Erst einmal müssen wir feststellen, wo Deutschlands Schüler weiterhin stehen. Sowohl im Lesen wie in der Mathematik und bei den Naturwissenschaften liegen die Leistungen unserer 15-Jährigen wie vor drei Jahren über dem Durchschnitt der OECD-Staaten, also im oberen Leistungsbereich. Nur wenige andere Länder haben sich auf die lange Strecke so gut entwickelt. Das ist erst einmal eine erfreuliche Botschaft.

ZEIT: Der Trend scheint aber gebrochen. Geht es jetzt bergab?

Köller: Das sehe ich nicht. Es ist diesmal sehr viel schwerer, die Ergebnisse mit denen der letzten Runde zu vergleichen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

ZEIT: Warum?

Köller: Weil sich die Testbedingungen geändert haben. Bis 2012 haben die Schüler die Aufgaben mit Papier und Bleistift gelöst, bei der aktuellen Studie mussten sie am Computer arbeiten.

ZEIT: Ist es nicht egal, ob ich auf dem Papier Kreuze setze oder am Computer Lösungen formuliere?

Köller: Offensichtlich nicht. Das zeigt sich auch daran, dass in Deutschland der Vorsprung der Mädchen in der Lesefähigkeit überraschend um etwa die Hälfte geschrumpft ist. So viel besser können die Jungen in so kurzer Zeit nicht geworden sein. Das ist vermutlich dadurch erklärbar, dass sie vertrauter im Umgang mit dem Computer sind als die Mädchen.

ZEIT: Andreas Schleicher, der Bildungschef der OECD, sagt, die Umstellung von Papier auf Computer hätte keinen Einfluss auf die Ergebnisse.

Reiss: Für Deutschland ist ein negativer Effekt nicht ganz auszuschließen. Das haben wir mit Untersuchungen festgestellt, bei denen wir gleiche Aufgaben einmal auf Papier und einmal am Bildschirm getestet haben. Da taten sich die Schüler am Computer schwerer.