Nein, sagt Andrzej Rzepliński, nein, er fühle sich nicht besiegt. Der Kampf werde weitergehen, auch ohne ihn.

Der Präsident des polnischen Verfassungsgerichts sitzt in seinem Büro in einem eleganten neobarocken Palais in Warschau, an den Wänden hängen historische Landkarten Polens, in einer Vase steht ein prächtiger Strauß roter Rosen. Der 66-Jährige ist ein großer, kräftiger Mann, er sieht aus, als könne er etwas aushalten. Und er musste eine Menge aushalten in den vergangenen Monaten. Nur die dunklen Schatten unter seinen Augen lassen ahnen, was ihn der Kampf gekostet hat.

Seit die nationalkonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) von Jarosław Kaczyński im späten Oktober 2015 die Parlamentswahlen in Polen gewonnen hat, kontrolliert sie nicht nur den Sejm, die Volksvertretung, sondern auch die zweite Kammer, den Senat, und ebenso das Amt des Staatspräsidenten. Seither ist das Verfassungsgericht die letzte wichtige Institution, die nicht in der Hand der PiS ist. Und Rzepliński ist zum Lieblingsfeind der Regierung geworden.

Oft ist er vom Staatsfernsehen attackiert worden. Er überschreite seine Kompetenzen, werfen ihm seine Kritiker vor, er stelle sich über die Verfassung, agiere wie ein Politiker. Der polnische Außenminister hat Rzepliński mit einem Ajatollah verglichen, der glaube, über dem Parlament und dem Staatspräsidenten zu stehen. Und der Justizminister, Zbigniew Ziobro, schrieb in einem Brief an Frans Timmermans, den Vizepräsidenten der EU-Kommission, Rzepliński handele parteiisch, rechtswidrig, er gefährde die Gewaltenteilung in Polen. Heftiger kann man einen Richter nicht angreifen.

Aber Rzepliński hat standgehalten, alle Diffamierungen in den Medien ertragen, dem Druck der Regierung getrotzt. Stur, ruppig manchmal, schroff. Bereits im März erklärte er gegenüber der ZEIT: "Was die gegenwärtigen Machthaber anstreben, ist juristische Anarchie. Oder, wie Émile Durkheim sagt, juristische Anomie: ein Zustand, in dem weder die Bürger noch die Beamten wissen, welches Recht gilt, in dem unsicher wird, was legal ist und was illegal."

Es geht darum, ob das Recht über der Macht steht – oder die Macht über dem Recht

Still ist es in Rzeplińskis großem Büro, tief sitzt der Jurist in einem Ledersessel. Seine Bücherregale sind schon zur Hälfte ausgeräumt. Ein paar Tage lang ist Rzepliński noch Präsident des polnischen Verfassungsgerichts, Mitte Dezember scheidet er mit einem kleinen Festakt aus dem Amt und geht regulär in den Ruhestand. Es ist ein wenig, als verlasse der Kommandant einer belagerten Festung seinen Posten und reite hinaus ins Ungewisse.

Was genau passiert mit ihm und dem Gericht, wenn Rzepliński geht, vermag niemand zu sagen. Seine Nachfolge ist ungeklärt, dem Gericht droht die Spaltung, der Rechtsstaat in Polen könnte im Chaos versinken – und Rzeplińskis Gegner sinnen auf Rache. "Dies sind die letzten Tage des polnischen Verfassungsgerichts", sagt Andrzej Zoll, der selbst einmal Präsident des Gerichts war.

Er werde, sagt ein anderer liberaler Jurist, zu Rzeplińskis Abschied Schwarz tragen: "Das ist eine Beerdigung."

Der Kampf um das Verfassungsgericht ist auch ein Kampf der brachialen Worte. Aber es geht nicht nur um Worte. Es geht um das Recht in Polen und um die Macht. Genauer: Es geht darum, ob das Recht über der Macht steht oder die Macht über dem Recht.