Nicht zittern

Die Populisten, heißt es, holten mit ihrer apokalyptischen Rede die Verängstigten ab. Allerdings sind es im Moment vor allem die Liberalen, die Angst haben, dass nämlich alles den Bach runtergeht, was über Jahrzehnte erkämpft und erarbeitet wurde. Während sie schon die nächste Katastrophe erwarten, feiert die Internationale der rechten Populisten sich selbst. Hofer lobt Trump, Le Pen wünscht Hofer Glück, Trump empfängt Farage. So geht das nun schon eine Weile. Einer hilft dem anderen, der Erfolg des einen nährt den des Nächsten.

Diese Dynamik kann sich allerdings auch umkehren. Einmal dann, wenn die Populisten verlieren wie am Sonntag Norbert Hofer in Österreich, dessen Schlappe dann eben auch mit der Frau nach Hause geht, die ihm in Frankreich die Daumen hielt. Doch sind nicht nur Niederlagen ein Problem für die Populisten, Siege können sogar noch gefährlicher sein. Denn dann müssen sie Versprechen halten, die kaum zu halten sind, weil der Populismus – so lautet schließlich die Definition – nur an Erfolge denkt und nicht an die Folgen. Die Wut und die Erregung, die er anheizt, um an die Regierung zu kommen, nutzen sich ab, sobald der Populismus regiert. Ungarn gab darauf bereits einen Vorgeschmack, wo die Regierung Orbán das Volk mit einer Abstimmung über Flüchtlinge in einem Land ohne Flüchtlinge erregt halten wollte – und verlor.

Der gefährlichste Erfolg jedoch für die Populisten in Europa ist der Sieg ihres Gesinnungsbruders in Amerika. Natürlich haben sie jubiliert, als Donald Trump gewann, doch von Stund an müssen sie sich für alles rechtfertigen, was er tut. Dabei wird der neue US-Präsident gewiss keine Rücksicht auf seine kleinen Brüder und Schwestern in Europa nehmen. Sein regierender Nationalismus wird sich hart im Raum stoßen mit den opponierenden Nationalismen in Westeuropa. Wenn etwa die USA deutlich weniger für Europas Sicherheit zahlen, wer zahlt denn dann wohl mehr?

Die Internationale des Nationalismus – sie enthält eine Unvereinbarkeit, die sich nun zu entfalten beginnt.

Allerdings wartet ein noch viel tieferer Widerspruch der modernen rechten Populisten darauf, ihnen alsbald um die Ohren zu fliegen: Sie befeuern die Angst vieler Menschen vor Veränderung – auch das gehört zur Definition des Phänomens. Doch nichts würde die Welt so radikal verändern und so unberechenbar machen wie weitere Siege der Populisten. Auch das wird Donald Trump von nun an jeden Tag vorführen: Von der Außenpolitik über die einfachsten Regeln guten Benehmens bis zum Welthandel – er hat schon vor seiner Inauguration mehr erschüttert als sein Vorgänger in zwei Amtszeiten. Das härteste Gestern gebiert das größte Chaos.

Es gibt jeden Grund, die Populisten und vor allem deren Anhänger ernst zu nehmen, es gibt tausend Anlässe, aufzuwachen aus der Selbstgefälligkeit. Für Panik ist es noch ein bisschen zu früh.

Mehr Social Correctness

Ja, die Political Correctness kann schon sehr nerven, manch einen macht sie sogar wütend. Und ja, es kommt manchmal zu Übertreibungen. Andererseits, wo kommt es nicht zu Übertreibungen? Lebt die Öffentlichkeit nicht geradezu davon? Und warum sollten ausgerechnet diskriminierte Minderheiten auf den Startvorteil alles Neuen und Interessanten verzichten? Schließlich redet auch die AfD lieber über die dritten Toiletten für weitere Geschlechter als über den zweiten Bildungsweg.

In Wahrheit liegt das Problem nicht darin, dass auf die Empfindlichkeiten von Minderheiten zu viel Rücksicht genommen würde, sondern darin, dass eine bestimmte Minderheit ignoriert wird. Anders als für Afrodeutsche oder Transpersonen gibt es für sie nicht mal einen anständigen Namen.

Die "Abgehängten", die "Globalisierungsverlierer", die "unteren Schichten", die "Ungebildeten", die "Marginalisierten", "das Prekariat" – solche herabwürdigenden oder sterilen Ausdrücke können sich nur diejenigen ausgedacht haben, die selten in die Verlegenheit kommen, mit denen "da unten" zu sprechen, sonst wäre ihnen schon aufgefallen, dass es so nicht geht. Man und frau soll sich nichts vormachen: Im fehlenden Wort zeigt sich der fehlende Respekt. Das ist die bittere Wahrheit über das Verhältnis zwischen einer Öffentlichkeit, die von der gymnasialen Mittelschicht verfertigt wird, und jenen Menschen, die früher stolze Namen trugen wie "die Arbeiterklasse".

Nun haben diese Menschen einen Weg gefunden, sich zu Gehör zu bringen, indem sie die Populisten wählen. Ob es wirklich ein Zuviel an Political Correctness gibt, darüber kann man streiten. Darüber, dass es einen eklatanten Mangel an Social Correctness gibt, eher nicht.