Russland im Jahr 2016, und überall wimmelt es von Imperien. Es gibt einen Jachtclub Imperium, ein Hotel Imperial, das Puppenimperium, das Pizza-Imperium und Imperial-Porzellan. Auch im Westen ist der Imperialismus nicht tot, aber dort hat man diese Ideologie so exzessiv betrieben, dass sie nun für Kolonialisierung, Ausbeutung und Krieg steht. Nichts, womit man werben kann. In Russland hingegen wird das Wort "imperial" mit Exklusivität und ungewöhnlicher Güte assoziiert. Der Begriff "Imperium" ist rehabilitiert worden, meint auch der russische Soziologe Emil Pain. Heute lässt sich damit selbst billige Reizwäsche vermarkten.

Vor 25 Jahren ist die Sowjetunion still implodiert. Das war nach dem 9. Mai 1945 die wohl größte Leistung dieses Imperiums: Es verflüchtigte sich mit einer Unterschrift, nicht mit einer Kriegserklärung. Doch was sollte folgen? "Die Vergangenheit steht uns noch bevor", schrieb die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch kurz nach dem Ende der Sowjetunion, und es sieht so aus, als habe sie recht gehabt. Die Vergangenheit ist nicht vorübergegangen, zumindest nicht überall und nicht zur gleichen Zeit. Im estnischen Tallinn wurde der sowjetische Bronze-Soldat erst 2007 aus dem Zentrum entfernt; im georgischen Gori fiel das Stalin-Denkmal 2008 nach dem georgisch-russischen Krieg; in der Ukraine werden derzeit Städte mit kommunistischen Namen umbenannt. Und in Russland? Dort ist die Statue des fürchterlichen sowjetischen Geheimdienstgründers Felix Dserschinski zwar schon 1991 abmontiert worden. Heute gibt es wieder Forderungen, sie aufzustellen, denn das Denkmal wurde nie entsorgt, nur eingemottet. Und Umfragen belegen, dass mittlerweile mehr als die Hälfte der russischen Bürger den Untergang der Sowjetunion bedauert.

Ob die Sowjetunion ein Reich des Bösen war oder eine fürsorgliche Versorgungsanstalt, bleibt eine Frage der Perspektive. Der Pole Ryszard Kapuściński begegnete dem Imperium erstmals im September 1939, in dem Städtchen Pińsk im damaligen Osten Polens, als Hitler und Stalin Europa unter sich aufteilten und er als Junge nachts zum Bahnhof schlich und heimlich beobachtete, wie die Männer des sowjetischen Geheimdienstes NKWD Menschen in Güterzüge zwängten und abtransportierten. Am nächsten Tag, als der siebenjährige Ryszard in der Schule sitzt und Russisch lernt, bleibt ein Platz neben ihm leer. Die Sowjets, so beschreibt er es in seinem Buch Imperium, waren für ihn Besatzer. Die gleiche imperiale Leiderfahrung half Esten, Litauern, Letten und den sozialistischen Satellitenstaaten, sich 1991 entschieden von der Sowjetunion ab- und Europa zuzuwenden. Vielleicht wussten sie da noch nicht, wer sie sind – aber sie wussten, wer sie auf keinen Fall sein wollten.

Viele Russen aber, deren Land zum Rechtsnachfolger der Sowjetunion wurde, verloren ihre ideologische Heimat, ohne eine neue zu entdecken. Manche verloren ihre Heimat im wahrsten Sinne des Wortes: Millionen Russen fanden sich über Nacht im Ausland und in der ungewohnten Rolle der Minderheit wieder, weil plötzlich Grenzen gezogen wurden, wo vorher keine existierten. Sie verloren eine Ordnung, die bis dahin ihr Leben strukturiert hatte. An deren Stelle trat ein vages Freiheitsversprechen, das schal zu werden begann, als sich schon bald das Leben der Russen verschlechterte. Eine glückliche Katastrophe nannte der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel den Untergang der Sowjetunion. Für Russland, oder eher: für erhebliche Teile der russischen Gesellschaft, war es alsbald mehr Katastrophe denn Glück.

Die Vergangenheit war kaum vorbei, da wurde sie schon verklärt

Es ist bemerkenswert, dass kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für die meisten Russen Großmachts-Empfindungen, das später viel beschworene "Sich-von-den-Knien-Erheben", keine Rolle spielten, wie damalige Umfragen belegen. Die Archive wurden geöffnet, Verlage gegründet, neue Parteien entstanden, und es schien, als lasse sich das totalitäre Erbe abstreifen. Aber mit der brutalen Wirtschaftskrise, der Unsicherheit und Verschlechterung der Lebensverhältnisse veränderten sich auch die Umfrageergebnisse. Kaum war die Vergangenheit vorbei, wurde sie schon verklärt. Dank des ersten Tschetschenienkriegs 1994 wurden alte imperiale Gefühle wachgekitzelt, die nie weg waren, meint der Soziologe Emil Pain. Heute beuteten die Machthaber diese imperialen Gefühle aus.

Als Wladimir Putin 2014 befahl, die Krim zu annektieren, schoss seine Beliebtheit in Rekordhöhe, Krim nasch, "Krim unser", ist seither der einende Ruf. Als die ersten toten Soldaten aus der Ostukraine nach Russland heimkehrten und anonym begraben wurden, da es sie offiziell ja nicht gab, konnte das seiner Beliebtheit nichts anhaben. Unter den Errungenschaften Putins steht laut Umfragen an erster Stelle, Russland wieder zur Großmacht gemacht zu haben. Erst danach folgen die Erhöhung der Renten und andere Reformen. Wieder wer zu sein, das ist für einen großen Teil der Gesellschaft offenbar wichtiger, als materiell gut zu leben.

Putin geht es heute nicht darum, die Sowjetunion wieder zu errichten. Die Hälfte der Russen mag deren Untergang bedauern; aber sie zurückhaben, das will nur eine Minderheit. Vorherrschend ist nun eine Ideologie aus Versatzstücken, in der auch sowjetische Elemente ihren Platz haben. Die Stärke dieser Ideologie ist ihre Flexibilität und ihre Fähigkeit zur Camouflage: Sie lässt sich schwer greifen, und sie verändert sich, wenn die Begebenheiten es verlangen. Sie kann selbst die größten Widersprüche aushalten: Antifaschismus zu predigen, aber Rechtsextreme im Ausland zu unterstützen. Den Patriotismus zu beschwören, aber das eigene Land auszurauben. Russlands Größe zu preisen (und damit ja all seine Ethnien), aber den Nationalismus zu befeuern. Militärische Interventionen zu verurteilen und zugleich das syrische Aleppo in Schutt und Asche zu bomben. Hier sowjetische Symbolik hochzuhalten, da jene aus der Zarenzeit, garniert mit dem Segen der russisch-orthodoxen Kirche.

Putin verkörpert für die junge urbane Elite den Patriotismus

Das Herzstück dieses ideologischen Verschnitts ist der 9. Mai 1945, der Tag, an dem Hitler-Deutschland besiegt wurde. "Dieses Datum ist das Rückgrat, auf dem die nationale Identität, der Patriotismus und die historische Erinnerung bauen können. Es ist das einzige Ereignis, das die Generationen wirklich verbindet", sagt die Politologin Waleria Kassamara. Deshalb die Panzer, die stolz vorgeführt werden, und die Kampfjet-Formationen, die am 9. Mai über den strahlenden Moskauer Himmel fliegen. Der 9. Mai ist der Klebstoff, der die Epochen, die Ideologien und die Generationen zusammenhält.