Ein Parkplatz im Industriequartier von Einsiedeln. Garstiges Novemberwetter. Morgens um neun Uhr. Die besten Skispringer der Schweiz treffen sich zum letzten Training vor der neuen Weltcup-Saison. Eine Handvoll Männer und eine Frau. Neben den parkierten Autos präparieren sie ihre Skier, wärmen ihren Körper, dehnen ihre Muskeln und üben auf kleinen Holzwägelchen den Absprung von der Schanze.

Einer von ihnen ist Simon Ammann.

Der 35-Jährige bereitet sich auf seine 20. Saison als Skispringer vor. Und er wird diese beginnen, wie er die vergangene beendet hat – erfolglos.

Im finnischen Kuusamo springt Ammann auf Rang 25 und 23. Im deutschen Klingenthal wird er Einundzwanzigster. Die Sprünge sind zu kurz und die Landungen zu schlecht, um von den Sprungrichtern gute Noten zu erhalten. Trotzdem wird er in einer Woche auch beim ersten Weltcupspringen auf der neu renovierten Schanze in Engelberg antreten.

Simon Ammann kann vom Fliegen nicht lassen.

Dabei hat er alles gewonnen hat, was es in seinem Sport zu gewinnen gibt: viermal Gold an Olympischen Spielen, vier Medaillen an Weltmeisterschaften, zweimal den Gesamt-Weltcup; nur ein Triumph an der Vierschanzentournee blieb ihm verwehrt, aber daran nagt er schon lange nicht mehr. Ammann war Schweizer Sportler des Jahres, zweimal sogar, und er schaffte es, dass man in einem Land, das jahrzehntelang nur für seine alpinen Skicracks, für Bernhard Russi, Pirmin Zurbriggen oder Vreni Schneider schwärmte, plötzlich über Schanzentische, Flugwinkel und Telemark-Landungen diskutierte.

Im Team-Raum neben der Schanze in Einsiedeln. Ammann sucht eine saubere Kaffeetasse und lässt sich vom einen Gespräch in nächste verwickeln. Er gibt seinen jungen Kollegen Tipps, fragt nach, spricht von Auftrieb, Körperspannung, Sprungkraft und "Gspüri", von Wahrnehmungsmustern im Fuß und den Nervenbahnen, die er erst abspeichern müsse, "um sie schließlich bei einem Sprung reproduzieren zu können".

Ammanns Mannschaftskollegen sind alle viel jünger als er. Sie erzählen vom Leben in Wohngemeinschaften, von Nebenjobs, mit denen sie sich das Skispringerleben finanzieren. Ammann hingegen, der Bauernsohn aus dem Toggenburg, wohnt heute mit seiner Frau und dem kleinen Sohn in Schindellegi, einer Steueroase im Kanton Schwyz. Längst ist er daran, sein Leben nach dem Sport aufzubauen: Er arbeitet an der Berufspiloten-Lizenz, sitzt im Verwaltungsrat der Toggenburger Bergbahnen und hat die neue, von den Stararchitekten Herzog und de Meuron gebaute, Bergstation auf dem Chäserrugg mitfinanziert. Zusammen mit dem ehemaligen deutschen Skisprung-Star Martin Schmitt hat Ammann eine Sportagentur gegründet – und seinem Bruder kaufte er kürzlich ein Dachdeckergeschäft.

Ammann müsste heute nicht mehr springen. Er will – und vor allem: Er kann es sich leisten.

Skispringer, das sind keine Wahnsinnigen, die sich in halsbrecherischer Manier von Sprungschanzen stürzen, sondern Experten in Körperwahrnehmung. Sie sind Kraftmaschinen in mageren Körpern und versessene Tüftler. So klingt Simon Ammann, wenn er über seinen Beruf spricht, denn auch eher wie der Forscher, der vielleicht aus ihm geworden wäre, hätte er sein Studium an der ETH Zürich nicht nach zwei Semestern abgebrochen. "Natürlich habe ich mich hin und wieder gefragt, ob ich mein Talent nicht besser für etwas investieren sollte, was der Allgemeinheit zugute kommt." Aber die Freude am Springen sei halt immer größer gewesen. Ammann verabschiedet sich zum Einlaufen. "Wobei, in meinem Alter ist es eher ein Einspazieren." Ein Simon-Ammann-Lachen schallt durch den Raum.

Angefangen hat Ammanns Sportlerkarriere mit einem Zettel am Schwarzen Brett an der Primarschule in Unterwasser, wo er mit vier Geschwistern aufgewachsen ist. Der Ostschweizer Skiverband lädt zu einem Schnuppertraining auf der kleinen Mattenschanze Kollersweid im nahen Wildhaus. Mit seinen Brüdern geht der Zehnjährige hin, fährt mit den Skiern erst einmal neben der Schanze vorbei – und wagt sich dann hinauf. "Ich vergesse das nie. Du bist klein, 135 Zentimeter nur, fährst einfach los und merkst: Du kannst nicht mehr zurück. Du wirst immer schneller, fährst auf den Tisch zu und weiter, darüber hinaus. Deine Augen riesengroß vor Respekt – vielleicht ist es auch eine Stufe von Angst – jedenfalls mit Adrenalin und so, und dann merkst du, wenn du landest: Hey, ich stehe! Und dann, dann kommt dieses Gefühl."