Die Weltvernetzer – Seite 1

Und plötzlich sehe ich die Welt aus den Augen eines anderen. Spaziere durch ein Foyer voller Palmen. Bleibe kurz an einer Küchenzeile stehen, an der sich Menschen in Kapuzenpullis Kaffee zapfen. Blicke in neugierige Augenpaare. Schaue durch eine große Glasfront auf grüne Hügel, hinter denen die Sonne untergeht. Entdecke die Displays an den Wänden, die in roter Leuchtschrift Zahlen anzeigen: "Devices online: 35 279 524". Denke fast, es sind meine Hände, die auf einmal im Bild auftauchen und eine Tür öffnen. Bis ich dann in einen Spiegel blicke und darin einen Mann sehe, der eine futuristische schwarze Brille auf der Nase trägt – jene Brille, durch die ich gerade gucke. Der Mann ist Axel Schmidt, der Pressesprecher des Unternehmens TeamViewer. Er hat mich auf eine Hausführung mitgenommen durch die Zentrale in Göppingen, während ich es mir in meinem Hamburger Büro vor dem Bildschirm meines Computers bequem gemacht habe. Um aus der Ferne zu erleben, was die Software von TeamViewer alles kann – und wie sie Distanzen schrumpfen lässt.

TeamViewer aus Göppingen, das ist einer dieser digitalen Weltmarktführer aus Deutschland, ein besonders profitabler sogar. Untergebracht in einem alten Sparkassengebäude hinter dem Göppinger Bahnhof, vernetzt TeamViewer die Welt: Notebooks mit Desktop-PCs, Smartphones mit Tablets oder, wie bei meiner virtuellen Tour, ein Notebook mit einer Datenbrille samt Kamera. 1,3 Milliarden Mal wurde die gleichnamige Software schon auf solchen Geräten installiert. In jedem beliebigen Moment sind um die 30 bis 40 Millionen von ihnen miteinander verbunden, das heißt: Der Nutzer auf der einen Seite kann das Gerät auf der anderen fernsteuern, als hätte er es unmittelbar vor sich. Beim ersten Mal fühlt es sich fast an wie Magie.

Verbindet man sich öfter mit TeamViewer, weicht der Zauber, und es wächst der Nutzen. Mit TeamViewer lassen sich aus der Ferne Windparks überwachen, Fischfarmen temperieren, Bewässerungsanlagen auf Äckern am anderen Ende der Welt einschalten, der Eisprung bei Kühen auf einer entlegenen Weide bestimmen. Der fast vollständig gelähmte renommierte Wissenschaftler Stephen Hawking verwendet TeamViewer, um damit ein Teleskop zu bedienen und den Weltraum zu erkunden. Ärzte kontrollieren mit TeamViewer von einem Bildschirm in Paris aus ein Ultraschallgerät, das sich Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS an den Körper halten. Und Christoph Schneider, leitender Produktmanager bei TeamViewer, klinkt sich mit der Software schon mal in den Computer seiner Mutter ein, wenn die mit ihrem Gerät nicht weiterweiß. Menschen, die TeamViewer privat nutzen, zahlen nicht einmal dafür – ein Grund, weswegen sich die Software rasant um den Globus verbreitet hat, seit ein ziemlich unbekannter Tüftler und Unternehmer die erste Version vor etwas mehr als zehn Jahren in Umlauf brachte.

Dieser jemand, das ist Tilo Rossmanith, der zwar in Göppingen noch heute eine Softwarefirma betreibt, aber mit TeamViewer nichts mehr zu tun hat, seit er es 2009 verkauft hat. 2005 erfand er TeamViewer, angeblich weil er ein anderes Computerprogramm vor Kunden präsentieren wollte, ohne selbst vor Ort zu sein. Weil er keine passende Software fand, schrieb er sie einfach selbst. Als er merkte, wie groß der Bedarf für TeamViewer ist, machte er ein Geschäft daraus. So jedenfalls erzählt man es sich, und so erzählt man es mir.

Gerne hätte ich mit dem schwäbischen Erfinder über seine Erfindung gesprochen. Meine E-Mails aber lässt er unbeantwortet. Erst als ich mehrmals anrufe, ruft er zurück. Und das nur, um zu sagen, dass er nichts sagen will. Er gebe der Presse generell keine Interviews, eigentlich wolle er sowieso am liebsten "gar nix" zu TeamViewer sagen. Warum das so ist, das verrät er nicht.

Aber weil es so ist, ist das Unternehmen TeamViewer über Jahre fast vollkommen unbemerkt von der Öffentlichkeit gediehen. So lange, bis der Finanzinvestor Permira TeamViewer 2014 kaufte – für rund 870 Millionen Euro. Kurz danach machte der neue Eigentümer Andreas König zum Chef des Unternehmens. König ist ein erfahrener Manager, zuvor leitete er einen Geschäftsbereich des Schweizer Telefonanbieters Swisscom. Seine Freunde dachten zunächst, er werde nur die deutsche Niederlassung von TeamViewer übernehmen, Göppingen könne doch unmöglich der Hauptsitz sein, erzählt König. TeamViewer sei "typisch schwäbisch: lange unterm Radarschirm und plötzlich Weltmarktführer".

"Die hatten uns nicht auf dem Schirm"

Erst mit der Übernahme durch Permira machte TeamViewer Schlagzeilen – und mit einem Mal wurde sich die deutsche Digitalszene bewusst, dass da am Fuße der geschwungenen Hügel der Schwäbischen Alb ein Digitalunternehmen entstanden war mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Dollar. Solche Firmen sind so selten, dass sie in der Szene auch unicorns genannt werden – Einhörner. Und eigentlich gibt es sie fast nur in den USA, vielleicht noch in Metropolen wie Paris, London oder Berlin. Dachte man – bis sich die Scheinwerfer auf TeamViewer richteten und auf das gemütliche Göppingen.

Das gemütliche Göppingen: Alfredo Patron hat bis vor zwei Jahren noch nie von der Stadt mit 55 000 Einwohnern gehört, und leben will er dort bis heute nicht. Aber inzwischen weiß er, wo es dort das beste Essen und das leckerste Bier gibt, er hat die nahe gelegene Burg Staufeneck besucht und gelernt, dass er immer etwas Bargeld dabeihaben sollte, weil man hier in der Gegend fast nirgendwo mit Kreditkarte bezahlen kann. Alle paar Wochen steigt Patron in San Francisco in ein Flugzeug, jettet über München nach Stuttgart, fährt mit dem Taxi nach Göppingen. "Vorbei an Schafen und Kühen", sagt Patron, "ist ein ganz schöner Ritt."

Patron hat 15 Jahre lang für Microsoft gearbeitet und dann noch ein Jahr für die Microsoft-Tochter Skype, zuletzt in Palo Alto im kalifornischen Silicon Valley – jener Gegend, in der Apple und Google und Facebook sitzen und in der die meisten Einhörner zur Welt kommen. Unternehmen wie Uber oder Twitter, die Milliarden wert sind, bevor sie das erste Mal überhaupt Profite schreiben. 2015 wurde Patron Vizepräsident des Business-Developments bei TeamViewer und kümmert sich seitdem von San Francisco aus darum, den amerikanischen Markt aufzurollen und Brücken zu Partnerfirmen im Valley zu schlagen. TeamViewer, das war für ihn eine neue Erfahrung: ein Einhorn, das keiner kennt, obwohl es von Anfang an Profite macht.

Patron hat geholfen, TeamViewer bekannter zu machen. Er hat Kontakte zu den Firmen im Valley aufgebaut, zu den Entwicklern von Datenbrillen. Er hat mit den Experten der großen Analysefirmen Gartner und IDC geredet. "Die hatten uns nicht auf dem Schirm", sagt Patron, "das hat sich mittlerweile deutlich geändert." Er ist überzeugt, dass die Unternehmen in Palo Alto und Umgebung einiges von TeamViewer lernen können. "Im Valley wollen alle schnell Geld einsammeln und wachsen", sagt Patron, "TeamViewer beweist, dass es viel nachhaltiger ist, wenn du geduldig bist und konzentriert an der Qualität deiner Software arbeitest."

Diese Tugenden beherzigt TeamViewer konsequent. Gerade hat das Unternehmen die zwölfte Version seiner Software herausgebracht, die noch schneller und leistungsfähiger ist, für eine Einzellizenz zahlen gewerbliche Nutzer 550 Euro, Lizenzen für mehrere Benutzer sind teurer. 2015 erzielte das Unternehmen mit seinen mehreren Hunderttausend Bezahlkunden laut dem offiziellen Jahresabschluss etwa 150 Millionen Euro Umsatz – und machte dabei einen Gewinn von 100 Millionen Euro, vor Steuern und Abschreibungen. Eine fantastische Marge, die Eigentümer Permira freuen dürfte.

Nun versucht CEO König, noch mehr große Unternehmen als Kunden zu gewinnen; er hat Partnerschaften mit Microsoft und Salesforce vereinbart, die TeamViewer in ihre Software integrieren. Und König ist überzeugt davon, dass das sogenannte Internet der Dinge TeamViewer weiter Auftrieb gibt: Wenn die Nutzer mit der Software nicht mehr nur auf Notebooks und PCs, Tablets und Smartphones zugreifen, sondern mehr und mehr auch auf andere Geräte – Datenbrillen und digitale Fitnessarmbänder, Fräsen und Schneekanonen, Waschmaschinen und Kühlschränke. Das Analyseunternehmen Gartner prognostiziert, dass im Jahr 2020 rund 20 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein werden, fünfmal so viele wie heute. TeamViewer gebe heute schon jeden Tag etwa 800 000 neue IDs für Geräte heraus, sagt König. Und doch könnte es sein größtes Wachstum noch vor sich haben.

"Wir schreiben Softwaregeschichte"

Das ist schon jetzt manchmal schmerzhaft. Das alte Sparkassengebäude in Göppingen ist womöglich bald zu klein für die Belegschaft, knapp 400 der insgesamt 680 Beschäftigten arbeiten hier, sie kommen aus mehr als 30 Ländern. Wer sich auf dem Onlineportal Kununu anschaut, wie einige von ihnen TeamViewer als Arbeitgeber bewerten, kann aus manchen Beiträgen viel Unzufriedenheit lesen – etwa darüber, dass Prozesse chaotisch seien und TeamViewer so schnell gewachsen sei, dass manchmal die falschen Leute in verantwortliche Positionen gerutscht seien, dass die Gehälter, gemessen am Erfolg, zu niedrig seien. König macht sich darüber Gedanken, er sagt, er suche die Gespräche mit seinen Mitarbeitern, immer wieder diskutiere er mit ihnen in großer Runde.

Und doch macht der Erfolg von TeamViewer auch viele Mitarbeiter stolz. Als das Unternehmen das milliardste Gerät verzeichnete, notierten die Mitarbeiter, was ihnen der Erfolg bedeutet – die Zettel haben sie aufgehängt, in dem Foyer mit den Palmen. Durch die Datenbrille kann ich lesen: "Jetzt warte ich auf die Zahl, die mit einer Zwei anfängt und mit neun Nullen endet." Und: "Wir schreiben Softwaregeschichte, out of Göppingen!"