Kunst kommt von Katastrophe. Als die New Yorker Zwillingstürme zusammenbrachen, begann die Konstruktion einer posttraumatischen Erzählung. Am Himmel sei eine Leerstelle, schrieb Don DeLillo nach den Ereignissen des 11. Septembers in einem Essay. "Der Schriftsteller versucht, diesen wehklagenden Raum mit Erinnerung, Zärtlichkeit und Bedeutung zu füllen."

Die Leerstelle hat sich gefüllt, mit zahllosen Texten aller Sparten und Tonlagen. Sie ist zugleich größer geworden, ein Raum der Spekulation und der Angst. Die literarische Imagination ist womöglich stärker denn je gefordert, den offiziellen und populären Diskursen zum Thema Terror zu widersprechen – als Kommentar, Diagnose, Gegengeschichte.

Zwei renommierte Autoren reagieren entsprechend auf die Bedrohung durch den radikalen Islam: Der Niederländer Leon de Winter erzählt eine so süffige wie rührende Räuberpistole, an deren Ende märchenhafte Erlösung steht. Richard Flanagan, geboren in Westtasmanien, entwirft ein Szenario der Korruption und Niedertracht, dessen Pointe es ist, keine zu haben. Das Böse gehört dazu, immer und überall.

In beiden Romanen spielt Musik eine bedeutsame Rolle. In de Winters Geronimo verliebt sich ein afghanisches Mädchen in die Goldberg-Variationen von Bach. In Flanagans Unbekannter Terroristin hört eine Stripperin Chopin. Bach ist in den Armutsvierteln von Abbottabad, wo de Winters Geronimo teilweise spielt, der Ausweg in eine bessere, unversehrte Welt. Chopin gibt es im Sydney von Robert Flanagan, einer schwitzenden, überfüllten Hölle des Konsums, vor allem als Hintergrundmusik für Taxifahrten oder als Klingelton. Sag mir, wie du über Klassik schreibst, und ich sage dir, wer du bist als Autor.

De Winter: der Schriftsteller als Aktivist im Dienst einer freien, zivilisierten Welt. Warum auch nicht – es muss sich ja nicht jeder Intellektuelle in den Islam und seine kulturellen, sozialen und politischen Probleme einfühlen. Man kann auch die Ergreifung des größten Massenmörders des 21. Jahrhunderts zum Anlass nehmen für einen Quasi-Thriller, dessen Plot von John Le Carré stammen könnte, hätte der die Dramaturgie ein wenig schleifen lassen zugunsten des Engagements. Ausgangspunkt ist besagte Operation Geronimo. In der Nacht zum 2. Mai 2011 wurde Osama bin Laden von einer Einheit der Seals (kurz für: Sea, Air and Land Teams) in Abbottabad getötet. Bei de Winter wird der Terrorist nicht erschossen, sondern entführt, als hätten sich die Helden vorher Rat bei Benjamin Ferencz geholt. Der frühere Ankläger bei den Nürnberger Prozessen hatte die Tötung Bin Ladens als Verstoß gegen das Völkerrecht verurteilt.

Vor seiner Ergreifung hat der Roman-Osama noch einen USB-Stick versteckt, darauf: geheime Daten, die Obama zu Fall bringen könnten. Und er ist mit seinem Moped durchs nächtliche Abbottabad geknattert, um Eis zu kaufen für eine seiner Ehefrauen (Viagra nimmt er auch), und hat dabei Apana kennengelernt, eine 13-jährige Bettlerin, der die Taliban Hände und Ohren abschnitten, weil sie die Goldberg-Variationen hörte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 51 vom 8.12.2016.

Und wie kommt ein afghanisches Hirtenmädchen an ein Glanzstück barocker Variationskunst? Eine Rezension ist narrativ nicht beliebig belastbar, deshalb nur so viel: CIA-Agenten, der Mossad, Tadschiken, Pakistaner, Karari und Saudis haben ihre Finger im Spiel. Und da das Ganze recht passabel eine Fugenform imitiert, mit Apanas Schicksal als Ausgangsthema und einem sich daraus weit verzweigenden Netz von Handlungslinien, eilt man fasziniert (und streckenweise ein wenig verwirrt) durch die Story ins Finale, in dem das verstümmelte Opfer die Werte der Humanität so vollständig verkörpert, dass es einer Heiligsprechung gleichkommt.

Man kann anschließend hinüberblättern zu Flanagan, zur Abkühlung und Ernüchterung, auch wenn alles brütet und dampft in diesem Sydney, wo Gina Davies, genannt die Puppe, als Stripperin schuftet. Nach einem One-Night-Stand mit einem arabischstämmigen Beau gerät sie ins Visier von Fahndern und Medien. Der Liebhaber war ein mutmaßlicher Terrorist, und in der Logik des aufmerksamkeitssüchtigen Systems ist sie die perfekte Bonnie zum Terror-Clyde.

Während de Winter einen der größten Erfolge von Obamas erster Amtszeit per Konspirationsfabel demontiert, präsentiert ihm Flanagan quasi die literarische Quittung: Der war on terror schlägt um in einen Krieg gegen die zu schützende Gesellschaft. Das Unbehagen an der Überwachungskultur, 15 Jahre nach 9/11, ist in Die unbekannte Terroristin als zynischer Abgesang auf die Institutionen intoniert. Das News-Geschäft funktioniert nicht als Lügenpresse, sondern, schlimmer noch, als Projekt ehrgeiziger Selbstverblendung. Alle wollen aufklären, um jeden Preis, das heißt auch: unter Umgehung der Fakten.

Und so wird die Puppe von Geheimdiensten und Polizisten verfolgt, ein von narzisstischer Gier getriebener Starjournalist will mit der Story heraus aus dem Karrieretief. Als australische Katharina Blum geistert diese unschuldige Frau durch eine Großstadt, in der sie sich auf Fernsehschirmen und Anzeigetafeln permanent selbst begegnet – Imago einer fixen Idee, die Paranoia mit ordnungspolitischer Räson verwechselt. Wenn es für Nachrichtensender, Innenminister und Geheimdienstchefs zweckdienlich ist, dass du als Terrorist erscheinst, dann ist das eben so.

De Winters Verschwörungsszenario folgt noch der alten Innen-Außen-Logik, der Vorstellung, dass hinter den Fassaden des offiziellen Betriebs das Unheil lauert und der Einzelne sich solcher Korruption entgegenstemmen kann. Flanagan sieht das Falsche überall, die Deformation der Macht kennt keine Grenzen.

In der Nacht, als Osama bin Laden getötet wurde, war Obama live dabei. Berühmt ist das Foto, das den Präsidenten gemeinsam mit Hillary Clinton und einem Dutzend weiterer Personen im Lagezentrum des Weißen Hauses zeigt. Sie starren auf einen Bildschirm, verfolgen die Operation in Echtzeit. Was sie sahen, wird man nie erfahren. Die Literatur präsentiert nun ihr eigenes Bild des Geschehens und seiner Folgen. Bei de Winter als Tableau der Erbauung, bei Flanagan mit dem scharfen Strich der Karikatur.

Leon de Winter: Geronimo. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers; Diogenes Verlag, Zürich 2016; 448 S., 24,– €, als E-Book 20,99 €

Richard Flanagan: Die unbekannte Terroristin. Roman; aus dem Engl. von Eva Bonné; Piper Verlag, München 2016; 336 S., 22,– €