In seinem Plädoyer für eine hohe Abiturientenquote vertritt der Hamburger Schulsenator Ties Rabe eine einfache These: Mehr Bildung ist auf jeden Fall besser! Wer will da widersprechen. Doch was meint hier "Bildung"? Unter Bildung wird nur das verstanden, was im Klassenzimmer vermittelt wird.

Mit diesem einseitigen Bildungsbegriff ist Rabe nicht allein. Wenn die OECD urteilt, der Anteil an hoch qualifizierten jungen Menschen liege in Deutschland weit unter dem Durchschnitt, dann meint "hoch qualifiziert", über theoretisches Wissen zu verfügen, das im Unterrichtsraum erworben wurde. Die OECD-Kriterien schließen kategorisch aus, durch reiche Erfahrung hoch qualifiziert zu sein. Wer Konzertpiano oder Sterneküche lernt, erlernt den Umgang mit Kulturgütern, aber das scheint nicht mehr als Bildung zu gelten. Diese beschränkt sich ungerechtfertigterweise auf den Umgang mit Texten und Formeln. Diese Geringschätzung der Erfahrung führt dazu, Schule und Studium als einzigen Weg zu mehr Bildung anzuerkennen. Sie ist eine Ohrfeige für alle Menschen, die nie eine Hochschule besucht haben, aber täglich als Erzieher oder Pfleger wertvollen Dienst am Menschen leisten.

Erstaunlich ist dabei, dass die politische Linke, für die es nicht genug Abiturienten geben kann, sich in eine Tradition stellt, die die intellektuelle Linke angeblich unentwegt bekämpft, nämlich den Aristotelismus. Der Architekt sei dem Handwerker überlegen, so lehrte Aristoteles, weil der Handwerker bloß wisse, wie etwas zu tun sei, der Architekt hingegen auch, warum. Allein Letzteres erkennt Aristoteles als Wissen an.

Diese ziemlich elitäre Auffassung blieb bis in die Neuzeit ohne größere gesellschaftliche Folgen, doch seit es in den letzten Jahrzehnten immer mehr Menschen möglich ist, Abitur zu machen und zu studieren, zeigt sich ihre fatale Wirkung. Sie hat sich auch längst im beruflichen Alltag breitgemacht. Gibt es bei einer Geburt Komplikationen, so muss die Hebamme eine Gynäkologin herbeirufen, mag die Hebamme auch noch so erfahren sein und die Ärztin recht unerfahren. Niemand scheint das zu hinterfragen.

Die Akademisierungsfetischisten übersehen so lange den Wert der Erfahrung, bis es um ihr eigenes Leben geht. Im Falle des Piloten oder Chirurgen stellen auch sie ohne Zögern die langjährige Erfahrung über all das technische Wissen, das sich anlesen lässt. Der Jugend hingegen wird unentwegt vermittelt, das schulische Auswendiglernen sei unendlich wertvoller, als zu lernen, wie man ein Fahrrad repariert oder zuzuhören.

Was ist an der Geringschätzung so schlimm? Wer nicht Abitur machen will und nicht studieren, sondern sich mit Leidenschaft praktisch betätigen möchte, muss sich zusehends als Verlierer fühlen, der sich der Bildung verweigert. Es ist ein bloßes Vorurteil, dass jegliche Arbeit mit den Händen wenig mit Denken zu tun habe. Wenn wir diesen Irrglauben unseren Kindern vermitteln, indem wir Bildung mit Schulbildung gleichsetzen, werden gutes Handwerk und gute Kunst schon bald verschwinden. Viele wichtige Kulturgüter wird niemand mehr perfekt beherrschen, weil man dafür vor allem Erfahrung brauchte, die sich keiner mehr aneignen will. Überfüllte Hochschulen werden dann unser geringstes Problem sein.

Sebastian Weiner, Privatdozent für Philosophie an der Universität Zürich, arbeitet für das Präsidium der Leuphana Universität Lüneburg