Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/​KNA

Advent kann ziemlich anstrengend sein. Meine Freundin ist gerade vollkommen damit ausgelastet, neben ihrem anstrengenden Job die Weihnachtsfeiertage zu planen. Erfreulich ist der Familienzuwachs in Gestalt eines Enkels, der der Advents- und Weihnachtszeit einen passenden Grundton verleiht, schon allein akustisch. Schwieriger ist, dass sich gerade ihr Schwager und seine Frau getrennt haben und beide außer ihr keine Familienangehörigen haben. Sollen die beiden tatsächlich am Heiligen Abend jeweils alleine in ihren Wohnungen sitzen? Das bricht einem ja schon bei der reinen Vorstellung das Herz.

Aber ertragen es die beiden, gemeinsam unterm Weihnachtsbaum zu sitzen? Was, wenn sie in Streit geraten? Kann man dann einen Platzverweis aussprechen? Und wenn ja – ein Verweis für beide oder nur für einen? Ebenfalls zu bedenken sind die Eltern und Schwiegereltern, die inzwischen in Pflegeheimen wohnen. Die wollen Weihnachten schließlich auch mit der Familie feiern, müssen also rechtzeitig abgeholt und irgendwann auch wieder zurückgebracht werden. Kann man dafür die Johanniter buchen? Die Oma hat Demenz – wird sie den Trubel gut verkraften? Ihr geht es eigentlich nur gut, wenn sie sich sicher fühlt, und von dem Gefühl der Sicherheit ist meine Freundin gerade ziemlich weit entfernt, es ist ja noch nicht einmal klar, ob alle Beteiligten gleichzeitig in das Wohnzimmer passen, da muss ja noch die Nordmanntanne rein.

Meine Freundin ist mit all diesen logistischen Fragen inzwischen am Ende ihrer Nerven angelangt, ein geruhsamer Advent sieht anders aus. Im Vergleich dazu finde ich die Vorbereitung meiner vielfältigen Advents- und Weihnachtsgottesdienste regelrecht erholsam. Von mir erwartet in diesen Tagen niemand mehr als liebevoll gestaltete Gottesdienste, und das bekomme ich schon hin, es bereitet mir sogar Freude. Ich gebe aber zu, dass ich mit den von anderen so geliebten weihnachtlichen Ritualen wenig am Hut habe.

Die Kiste mit den Weihnachtskugeln verstaubt auf dem Dachboden, ich beschränke mich auf einen Adventskranz (immerhin!) und kaufe schon seit Jahren keinen Weihnachtsbaum mehr. Manchmal frage ich mich, ob das eine Folge meines Berufs ist, eine Art Überdosis durch gehäufte Advents- und Weihnachtsgottesdienste, die zu allergischen Reaktionen geführt hat. In ganz kritischen Momenten überlege ich, ob man sich als Pfarrerin mit Advents- und Weihnachtsschmuck- und Familienfest-Allergie der Berufsunfähigkeit annähert. Ich hoffe mal nicht! Ich hänge an meinem Beruf mehr als an jedem Weihnachtsbaum!

Allerdings ist mir schon jetzt klar, dass der Tag kommt, an dem ich die Kiste vom Dachboden hole, wieder Plätzchen backe und meinen Mann losschicke, damit er einen Weihnachtsbaum einkauft. Ganz klar: das erste Enkelkind! Dann bin ich wieder dabei.