Seitdem geht es zwischen Berlin und Tel Aviv hin und her. Erst besuchte Steinmeier den Geigenbauer in seiner Werkstatt. Anderthalb Stunden lang redeten sie, erst über das Konzert in Berlin, dann auch über Privates, wie Weinstein sagt. Steinmeier habe damals seine 20-jährige Tochter mitgebracht – eine Austauschstudentin in Tel Aviv.

Und nun soll Weinstein also das Bundesverdienstkreuz bekommen. In einem Brief begründet die deutsche Botschaft in Tel Aviv die Ehrung: Die Violinen erinnerten nicht nur "in eindringlicher Weise an den Zivilisationsbruch und die Opfer der Schoah". Sie weckten zugleich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Die Verleihung ist für beide Seiten wichtig. Israel und Deutschland verbindet seit 51 Jahren eine Freundschaft, nicht nur auf diplomatischer Ebene. Junge Israelis ziehen nach Deutschland, in das Land, aus dem einst ihre Großeltern vor dem Terror flohen. Und unter jungen Deutschen wird Israel als Reiseziel immer beliebter.

Fast könnte man meinen, die Freundschaft sei so eng, sie komme ohne solche Akte der Selbstvergewisserung aus. Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Der Krieg ist zwar seit über 70 Jahren vorbei. Aber nicht erst seit der Flüchtlingskrise fallen antisemitische Ressentiments in Deutschland wieder auf fruchtbaren Boden. In Berlin trauen sich religiöse Juden mit Kippa nicht mehr auf die Straße. 2012 wurde ein Rabbi am helllichten Tag vor seiner Haustür zusammengeschlagen, obwohl er die Kippa unter seinem Basecap versteckte.

Seither, berichten religiöse Juden, seien Beleidigungen und Übergriffe alltäglich geworden. Deshalb sind symbolische Handlungen für sie bedeutsam – so wie die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Weinstein. Steinmeier will ein Zeichen setzen, gegen Fremdenhass, gegen Antisemitismus. Und wer eignet sich als Preisträger besser als ein Geigenbauer, der den Opfern des Holocausts ihre Stimme zurückgegeben hat?

Amnon Weinstein wirkt auch optisch so, als trüge er eine schwere Bürde. Er sieht ernst aus und ein bisschen resigniert mit seinem Schnauzer, dessen Enden nach unten hängen. Dabei steckt er voller Energie. Das merkt man, wenn man mit ihm redet. Und Weinstein redet viel. Hebräisch, Englisch, Französisch, Italienisch. Er spricht alle Sprachen fließend.

Mit einem Ohr hängt er immer am Smartphone. Links hört er nicht mehr gut. Sein Gang hat etwas Schlurfendes. Doch er geht noch immer zu Fuß in seine Werkstatt, sechs Tage die Woche. Dass er jetzt das Bundesverdienstkreuz aus den Händen des künftigen Bundespräsidenten bekommt, ist der Höhepunkt seiner Karriere. Mehr Anerkennung geht nicht. Man könnte auf die Idee kommen, Weinstein könne jetzt einen Gang herunterschalten. Doch er denkt gar nicht daran. Er sagt: "Ich habe mir diese Aufgabe nicht ausgesucht. Sie hat sich mich ausgesucht. Und wer wäre ich, mich ihr zu entziehen?"

Er sei nicht mehr derselbe, seit er den Violinenschrank seines Vaters geöffnet habe, sagt Assi, seine Frau. Sie sind seit 40 Jahren verheiratet. Eine kluge Frau, warmherzig und schön, wie er findet. Sie sieht ein bisschen aus wie die Garbo. Assi Weinstein begleitet ihren Mann auf seinen Reisen und erledigt seine Korrespondenz. Ihr Schreibtisch steht in der gemeinsamen Wohnung, die vollgestopft ist mit alten Büchern, alten Gemälden und Antiquitäten.

Assi ist Journalistin, aber sie schreibt kaum noch. Sein Kampf ist auch zu ihrem Lebensinhalt geworden. Sie sagt, er sei getrieben von einer Energie, die ihn vergessen lasse, dass er krank sei und starke Medikamente brauche. "Manchmal wird mir das schon ein bisschen zu viel."

Jonathan, 28, der jüngste Sohn, nickt ihr zu. Es ist Sabbat, und die drei sitzen zusammen am Tisch. Die Mutter hat marokkanische Minz-Fleischbällchen und Nudelsalat gemacht. Jonathan schaufelt das Essen schweigend in sich hinein. Er wird immer stiller, wenn der Vater erzählt, was er noch alles vorhat. Jonathan sagt, er interessiere sich nicht für Geigen. Und die Geschichten, wie oft hat er die jetzt schon gehört?

Andere kriegen davon nicht genug. Weinstein hat Interviews im israelischen Radio und Fernsehen gegeben, jedes Mal haben sich neue Leute gemeldet.

So ist Weinstein auch an die Geige von Mordechai "Motele" Schlein gelangt, einem Jungen aus dem polnischen Dorf Krasnowka. Als Zwölfjähriger wurde dieser Zeuge, wie seine Eltern erschossen wurden. Motele schloss sich Partisanen an und übte auf seine Weise Vergeltung. Jeden Abend spielte er Geige in einer Gaststube, die bei deutschen Soldaten beliebt war. In seinem Geigenkoffer schmuggelte er Sprengstoff in die Stube. Irgendwann hatte er genug, um das Haus in die Luft zu sprengen. Viele Nazis wurden getötet, Motele entkam. Er starb ein Jahr später, nachdem ihn die Rote Armee eingezogen hatte. Sein Partisanenführer rettete die Geige. Sie landete bei Weinstein. Heute liegt sie in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Weinsteins Sohn Jonathan will das alles nicht mehr hören. Er gerade geheiratet. Er zieht jetzt in die USA, um ein neues Leben zu beginnen. Im Heute und Morgen, nicht im Gestern.

Drei Tage später. Amnon Weinstein steht in seiner Werkstatt. Die Aufregung nach dem Anruf des Auswärtigen Amtes ist verflogen. Sein Arzt hat ihm den Trip erlaubt. Weinstein ist erleichtert. Seine Frau weiß nicht, ob sie sich über die Nachricht freuen soll. Sie sagt, endlich bekomme er die Aufmerksamkeit, die er als Geigenbauer nie bekommen hätte. Doch die Arbeit bekommt seinem Herzen nicht. Jedes Konzert, jede Ausstellung, jede Begegnung mit der Vergangenheit treibt seinen Puls in die Höhe. Erst 2015 musste er operiert werden. Ein Bypass war verstopft. Er hat drei davon. Weinstein erzählt es in einem Nebensatz. Er weiß, dass das Leben jeden Moment vorbei sein kann.

Vorher will er noch versuchen, so viele Wunden der Vergangenheit zu lindern wie möglich. Vielleicht auch die seiner eigenen Familie. Er sagt, seine Eltern hätten es sich nie verziehen, dass sie es nicht geschafft hätten, ihren Angehörigen Geld für die Flucht zu überweisen. Diese hatten den Eltern Briefe geschickt, viele Briefe. Er hat sie irgendwann zufällig in einer Kiste gefunden. Verzweifelte Hilferufe auf Papier. Er sagt, plötzlich habe er verstanden, warum der Holocaust zu Hause stets ein Tabu war. Seine Eltern haben sich mitschuldig am Tod der Angehörigen gefühlt. Er hat ihr Trauma geerbt. Er sagt, er höre nicht auf, die Erinnerung zu konservieren, bevor er tot umfalle.

Avshalom, sein ältester Sohn, wird seine Arbeit fortsetzen. Er ist Geigenbauer geworden wie der Vater, das beruhigt ihn. Er sagt, die Geigen dürfen nicht verstummen. Sie müssen weiter um die Welt gehen und an die Menschen erinnern, die dem Rassenhass eines Wahnsinnigen zum Opfer fielen. Heute vielleicht noch dringender denn je. Weinstein sagt, er bekomme Angst, wenn er sehe, wie der neue US-Präsident über Minderheiten spreche.

Er will deshalb, dass seine Geigen im Weißen Haus erklingen. Das scheint verwegen, doch die Hoffnung ist nicht ganz unbegründet. Es gibt eine Verbindung zwischen dem Trump-Clan und der Familie von Weinsteins Frau. Ihr Vater und ihre Onkel waren bekannte Partisanen, die Bielski-Brüder. 1944 befreiten sie Hunderte von Juden aus einem Ghetto in Weißrussland und versteckten sie in einem Wald, darunter auch die Großeltern von Jared Kushner.

Er ist der Schwiegersohn von Donald Trump und auch dessen Chefstratege. Seine Frau Ivanka ist ihm zuliebe zum Judentum konvertiert. Weinstein sagt: "Das ist unsere Chance." Ein fester Händedruck. Dann schließt er die Stahltür seiner Werkstatt ab und schlurft davon.

Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Textes war fälschlich von der deutschen Botschaft in Jerusalem die Rede gewesen. Sie befindet sich aber in Tel Aviv. Wir haben den Fehler online korrigiert. Die Redaktion.