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An jenem Tag war die Türkei eigentlich auf ganz anderes konzentriert. Die Verfassungsänderung, die Erdoğan eine machtvolle Präsidentschaft ermöglichen soll, war vorgelegt worden. Damit würde das parlamentarische System aufgelöst und das Amt des Ministerpräsidenten abgeschafft werden, ein starker Präsident soll nicht allein über Regierung und Parlament, sondern auch maßgeblich über die Justiz bestimmen. Über den von der regierenden AKP und der nationalistischen MHP ausgearbeiteten Entwurf soll im Frühjahr ein Referendum entscheiden.

Damit würde Erdoğan vom "neutralen Staatspräsidenten" zum "parteiischen Präsidenten" werden, den Premierminister ausschalten und das Land mit Dekreten regieren können. Gerade wollten die regierungstreuen Zeitungen mit Schlagzeilen in Druck gehen, die diese Änderungen bejubelten, als Istanbul von einer entsetzlichen Bombenexplosion erschüttert wurde: Inmitten der Stadt hatte ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug einen Polizeibus attackiert. Nur Sekunden später sprengte sich ein Selbstmordattentäter inmitten von Polizisten in einem nahe gelegenen Park in die Luft. Am nächsten Morgen wurde die bittere Bilanz verkündet: 44 Tote, darunter 36 Polizisten, 149 Verletzte.

Es war die siebte große Bombe, die 2016 in Istanbul explodiert ist. Die Zahl der Opfer reichte an die des Attentats am Flugplatz im vergangenen Juni heran. In nur einem Jahr hat es über 110 Tote gegeben. Die Verantwortung für den Anschlag übernahm TAK, "Freiheitsfalken Kurdistans", die in der EU und in Deutschland auf der Liste der Terrororganisationen steht.

Der türkische Innenminister kündigte Vergeltung an. Allerdings steigt von Jahr zu Jahr die Zahl der Toten bei Terroranschlägen unter der AKP-Regierung, die mit dem Versprechen, dem Terror ein Ende zu setzen, die Wahlen gewonnen hatte. Nach jedem Attentat heißt es: "Wir beenden den Terror", doch das bleibt reines Lippenbekenntnis. Der Terror nimmt kontinuierlich zu.

Die bewaffneten Konflikte mit der PKK begannen 1984 und haben bis heute 50.000 Menschen das Leben gekostet. Vor vier Jahren wurde ein Lösungsprozess eingeleitet. Der Staat garantierte den Kurden gewisse soziale und kulturelle Rechte, der inhaftierte PKK-Chef Öcalan sagte zu, seine Organisation hinter die Grenzen zurückzuziehen. Die Kämpfe flauten ab. Die Öffentlichkeit glaubte an Frieden. Doch mit den Wahlen im Juni 2015, als Erdoğan zehn Prozent Wählerstimmen einbüßte und die kurdische HDP gestärkt wurde, war diese Phase zu Ende.

Eine Bombe im Juli 2015 in Suruç, die 32 Menschen tötete, und zwei Tage darauf die Ermordung von zwei Polizisten ließen den Krieg wieder aufflammen. Erdoğan kehrte der "politischen Lösung" den Rücken und setzte erneut auf die "militärische Lösung", bei den Wahlen fünf Monate darauf konnte er die verlorenen zehn Prozent zurückerobern. Nach dem Putschversuch vom 15. Juli drehte er weiter auf: Die Co-Vorsitzenden und acht weitere Abgeordnete der HDP, der drittstärksten Kraft im Parlament, wurden verhaftet. Damit stand man wieder ganz am Anfang.

Solange es keine friedliche Alternative gibt, drängt die wachsende Gewalt die beunruhigte Gesellschaft wohl dazu, nach einem autoritären Regime zu suchen. Genau das verspricht die neue Verfassung. Zu sagen, der jüngste Anschlag hat Erdoğan seinem Ziel, starker Alleinherrscher zu werden, ein Stück näher gebracht, wäre nicht verkehrt.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe